Wo sich einst klare, kühle Bachläufe durch die Landschaft schlängelten, bleiben heute vielerorts trockene Rinnen zurück.
Daran konnte auch der Regen in den letzten Wochen nichts ändern – Der Klimawandel setzt Hessens Bächen massiv zu. Immer häufigere Trockenperioden und Starkregenereignisse treffen auf versiegelte Flächen, begradigte Bachläufe und fehlenden Schatten – und bringen das Gewässernetz an seine Belastungsgrenze. Der NABU Hessen fordert daher umfassende Bachrenaturierungen. „Unsere kleinen Fließgewässer sind entscheidend für den ökologischen Zustand ganzer Flusslandschaften – und sie sind akut gefährdet“, warnt Maik Sommerhage, Landesvorsitzender des NABU Hessen. „Nur wenn wir natürliche Bachläufe und breite, vielfältig bewachsene Uferstreifen fördern, können Bäche ihre Funktionen als Wasserspeicher, Lebensraum und Schutzschild gegen Extremwetter erfüllen.“
Natürliche Wasserspeicher fehlen
Bisher wurde in Hessen nur für 11% der Fließgewässer ein „guter ökologischer Zustand“ erreicht. Und 65% aller Fließgewässer sind in ihrer Struktur stark bis vollständig verändert. Viele Bäche sind heute begradigt, eingetieft oder verrohrt. Früher schlängelten sie sich durch Auenlandschaften und Moore, die wie natürliche Schwämme wirkten. Regenwasser konnte dort langsam versickern und speiste über lange Zeiträume das Grundwasser, das wiederum die Bäche mit Wasser versorgte. Heute fließt Regen hingegen oft ungebremst in die Kanalisation oder verdunstet von versiegelten Flächen. Aktuell führen viele hessische Bäche daher kaum noch Wasser oder trocknen wegen der anhaltenden Trockenheit vollständig aus. In einigen Landkreisen wie zum Beispiel in der Wetterau, Kassel, Gießen, Schwalm Eder, Hochtaunus, wurde bereits ein Verbot der Wasserentnahme aus Bächen verhängt, um diese zu schützen. Denn strukturreiche, beschattete Gewässer sind unverzichtbar. „Ein naturnaher Bach wirkt wie eine natürliche Klimaanlage: Durch Verdunstung kühlt er seine Umgebung – eine immer wichtigere Funktion in Zeiten zunehmender Hitzewellen“, erklärt die hessische Gewässerexpertin Dr. Sybille Winkelhaus. „Besonders in Städten können Menschen und Natur gleichermaßen vom kühlenden Mikroklima profitieren.“
Hotspots biologischer Vielfalt
Bäche beheimaten eine Vielzahl von Pflanzen- und Tierarten. Viele Fische, wie die Bachforelle, nutzen sie als Kinderstube und sind auf kühles, sauberes Wasser und einen durchgängigen Bachlauf angewiesen, um bachauf- und -abwärts zu schwimmen. Durch den Klimawandel und insbesondere bei anhaltenden Hitzeperioden haben viele Gewässer mit zu hohen Wassertemperaturen zu kämpfen. „Das Absenken der Wassertemperatur ist in den kommenden Jahren eine zentrale Herausforderung für gesunde Gewässerökosysteme“, betont Winkelhaus. „Bereits ein 400 Meter langer beschatteter Bachabschnitt kann das Wasser um bis zu zwei Grad abkühlen und so das Überleben vieler Tiere sichern.“
Es braucht mehr Bewegungsfreiheit
Zum Erhalt der wertvollen Lebensgemeinschaften der Gewässer und Auen sollte den Gewässern mehr „Bewegungsfreiheit“ zugestanden werden, damit sie wieder frei fließen und ihr Gewässerbett selbst gestalten können. Durch beidseitige Gewässer-Entwicklungsstreifen von 10 - 30 Metern Breite ohne landwirtschaftliche Nutzung könnte Raum für die Entwicklung auentypischer Lebensräume, wie Auwälder bereitgestellt werden. Die Bauaktivität der Biber sollte hier zugelassen und genutzt werden, denn er leitet mit Biberdämmen das Wasser auf die Uferflächen. Außerdem sind solche Streifen ein Puffer gegen die Einträge von Düngemitteln und Pestiziden und vernetzen als durchgängiger Wanderkorridor die verschiedenen Lebensräume für Tiere miteinander. 2021 setzten sich Vertreter*innen von Naturschutz- und Landwirtschaftsverbänden und die hessische Landesregierung in einer Kooperationsvereinbarung das Ziel, auf 1.000 km Gewässerstrecke pro Jahr solche Gewässer-Entwicklungsstreifen einzurichten. Allerdings wurde noch nicht viel für die Umsetzung dieses Ziels getan. Der Landesvorsitzende fordert deshalb: „Die Beschlüsse zu naturnahem Uferbewuchs, Büschen und Bäumen müssen endlich umgesetzt werden, damit diese eine kühlende und filternde Funktion für die Gewässer entwickeln. Wenn auf ihnen blühende Hochstaudenfluren oder Gehölze wachsen dürfen, bieten sie zudem Lebensraum für Vögel, Spinnen, Amphibien und zahlreiche Insekten und leisten einen Beitrag zum Biotopverbund.”
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