Von Hökerweibern und Pfeffersäcken

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In unserer globalisierten Welt sind die Rollen ziemlich klar verteilt. Die Kleidung kommt aus Pakistan, die Unterhaltungselektronik aus China, die Autos aus Deutschland und der Strom aus der Steckdose.

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Wie aber war das in der vorindustriellen Zeit? Wie hat sich der Handel entwickelt und welche Industriegeschichte hat unsere Region aufzuweisen? Antworten auf diese Fragen gibt die Ausstellung „von Hökerweibern und Pfeffersäcken – 1000 Jahre Handel“, die Landrat Jan Weckler dieser Tage eröffnet hat.

Auf 19 großformatigen Plakaten wird das Thema inter-nationaler und regionaler Handel beleuchtet. Zusammengestellt wurde die Ausstellung von der Geschichtswerkstatt Büdingen. Die Schau beginnt mit den großen Handelsrouten der damals bekannten Welt, so der Seidenstraße. Auf der mehr als 6.000 Kilometer langen Handelsstraße von China bis in den Nahen Osten und weiter nach Europa kamen nicht nur Seide, Gewürze, Pelze, Keramik, Porzellan, Jade, Bronze, Lacke und Eisen nach Europa und Gold, Silber, Glas und Wolle nach China. Beispielsweise wurde chinesische Seide aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert in einem keltischen Fürstengrab auf der Heuneburg gefunden. Auch Ideen, Religionen und ganze Kulturen wanderten in beide Richtungen

Nicht ganz so lang, aber für Europa sehr bedeutsam waren die Bernsteinstraße und die Via Regia, die als Hohe Straße auch die beiden deutschen Messestädte Frankfurt und Leipzig verband und durch die Wetterau führte. Lokale Schifffahrtswege auf Main und Kinzig, die schon in römischer Zeit genutzt wurden, werden genauso vor-gestellt wie der Eselsweg, eine historische Handels-straße durch den Spessart, und die Birkenhainer Straße, der alte Handelsweg zwischen Hanau und Gemünden am Main. Der Messestandort Frankfurt ist ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung.

Der Handel war allerdings ein schwieriges Geschäft noch bis in die Neuzeit hinein. Ab dem 10. Jahrhundert haben sich im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation durch Teilungen, Erbschaften und Friedensbündnisse zahlreiche Staaten herausgebildet. Verstärkt durch die Entwicklung im 30jährigen Krieg gab es Ende des 17. Jahrhunderts rund 300 Einzelstaaten, die alle von ihrem Zollrecht Gebrauch machten. Um 1790 gab es in Deutschland gar 1.800 Zollgrenzen. Wer Waren etwa von Königsberg nach Köln transportierte, wurde 80 Mal kontrolliert. Waren verteuerten sich auf diesem Weg erheblich. Dass es in Deutschland auch noch unterschiedliche Maße und Gewichte, ja sogar unterschiedliche Zeitzonen gab, machte den Fernhandel nicht einfacher.

Spannend ist die Geschichte des Marktrechtes und der Märkte in Büdingen, von denen der Gallusmarkt auf eine fast 700jährige Geschichte zurückblicken kann.

Weintrinken als Strafe Gottes

Der Weinbau spielt in ganz Deutschland zum Ende des Mittelalters eine herausragende Rolle. Der durchschnittliche Konsum lag bei einem Liter pro Tag, mitunter auch mehr. Weil Wasser keineswegs ohne Bedenken genießbar war, tranken auch Kinder Bier, allerdings leichteres als Erwachsene. Über den Weinausschank in Büdingen lässt sich auch einiges in der Ausstellung in Erfahrung bringen. Auch über dessen Qualität, die ein Geistlicher im Jahre 1617 so beschrieb: „Heuer ist der Wein so sauer, es ist eine Strafe Gottes, ihn zu saufen“. 1695 schrieb Karl August von Ysenburg-Büdingen zu Marienborn an seine Räte in Büdingen: „Der Wein sei so rauh als er wolle, man muss ihn annehmen, wie ihn Gott gibt“, und dennoch gab es Ende des 17. Jahrhunderts in Büdingen noch immerhin 156 (Steuer)abgabepflichtige Weinbergbesitzer.

Interessant ist die Geschichte der Papier- und Buchdru-ckerei in Büdingen, und dass im Büdinger Land Kupfer- und Silberminen - freilich mit wenig Erfolg – betrieben wurden. Auch die Glasmacherkunst hatte hier zwi-schenzeitlich eine beachtliche Stellung eingenommen. Immerhin arbeiteten Anfang des 20. Jahrhunderts 400 Menschen in der Glasflaschenproduktion in Büdingen. Auf weibliches Unternehmertum geht der Eisenhammer in Büdingen zurück. Marie Charlotte, gebürtige Gräfin von Erbach, legte 1680 am Seemenbach eine Hochofen-hütte und einen Hammer an. Es war ein handwerklicher, in vorindustrieller Produktionsweise gebauter Brennofen, der mit Holzkohle beheizt wurde. Hier wurden nicht nur Schmiedeeisen hergestellt, sondern auch eiserne Produkte wie etwa Kanonenkugeln. Der wirtschaftliche Erfolg war dem Hochofen allerdings nicht beschieden. Nach weniger als 30 Jahren wurde der Betrieb aufgegeben.

„Ich freue mich, dass wir im Kreishaus diese spannende Ausstellung zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Region mit Schwerpunkt Büdingen zeigen können. Der Besuch lohnt sich auf jeden Fall“, lädt Landrat Jan Weckler zu der Ausstellung ein. Die Ausstellung ist montags bis mittwochs von 7:30 Uhr bis 16:30 Uhr, donnerstags bis 18 Uhr und freitags bis 12:30 Uhr geöffnet. Sie befindet sich im ersten Oberge-schoss im Gebäude B des Kreishauses am Europaplatz.

Foto: Landrat Jan Weckler mit Joachim und Susanne Cott von der Geschichtswerkstatt Büdingen.

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