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Die am 10. März im Kreishaus in Friedberg eröffnete Ausstellung „Ich mache deine Kleidung“ gibt den Näherinnen unserer Kleidung aus Südostasien ein Gesicht. Landrat Weckler eröffnete die Ausstellung, die vom Fachdienst Frauen und Chancengleichheit des Wetteraukreises organisiert wurde. Dagmar Rehse von FEMNET e.V. gab mit ihrem Vortrag einen Einblick in die Prozesse der Kleidungsproduktion, die Arbeitsbedingungen und das Engagement der Frauen. Der Weltladen aus Bad Nauheim war auch mit einem Stand vertreten und informierte über fairen Handel weltweit.

„Unsere Kleidung hat auf den Innenseiten ein kleines Etikett mit dem Hinweis auf das ‚Made in‘. Ein kleines Schild, das nichts von den Frauen preisgibt, die es hergestellt haben. Die Ausstellung ‚Ich mache deine Kleidung‘ zeigt, wer das ‚Ich‘ ist, und sie zeigt, unter welchen Bedingungen Frauen in Südostasien arbeiten müssen, um sie herzustellen“, sagte Landrat Jan Weckler in seiner Begrüßung zur Ausstellungseröffnung. „Der Verdienst geht an andere, am wenigsten an diejenigen, die die Baumwolle gepflückt, das Garn gesponnen, das Kleidungsstück genäht haben.“ Landrat Weckler machte Mut zum Nachdenken über das eigene Kaufverhalten und den Umgang mit Kleidung.

In den zehn Postern der Ausstellung geht es um die Frauen hinter der Kleidung. Wie sie Arbeiten, wie sie sich engagieren, aber auch welche Probleme sie haben, beispielsweise lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, Arbeitssicherheit oder Gewerkschaftskämpfe. Es gibt zudem Informationen zu den Ländern Bangladesch und Kambodscha und Tipps für Verbraucher/innen. FEMNET e.V. hat die Ausstellung der Niederländerin Marieke van der Velden ins Deutsche übersetzt und als Wanderausstellung aufbereitet. FEMNET e.V. setzt sich für die Frauen in der globalen Bekleidungsindustrie ein.

Dagmar Rehse von FEMNET e.V. begleite die Ausstellungseröffnung mit einem Vortrag. „Von der Produktion bis zum Konsum: die Bekleidungsindustrie als Frauen-Thema“ hatte sie ihn überschrieben. Denn 75 Prozent der 60 bis 75 Millionen Menschen, die in der globalen Bekleidungsindustrie arbeiten sind Frauen.

Usbekistan – Indien – Bangladesch – Kambodscha

Der lange Weg der Kleidung beginnt in Usbekistan, dem achtgrößten Baumwollproduzenten der Welt. Gesponnen wird das Garn in Indien, häufig von jungen Frauen aus niedrigen Schichten. Rehse beschrieb eindrucksvoll die teils extremen Produktions- und Arbeitsbedingungen: Die Arbeit, für die sie nicht einmal einen Mindestlohn erhalten, ist extrem laut, die Frauen sind teilweise auf Rollschuhen zwischen den Garnrollen an den Spinnmaschinen unterwegs wenn ein Faden gerissen ist. Die jungen Mädchen leben in einem so genannten Hostel auf dem Fabrikgelände, dürfen die Fabrik nicht ohne Erlaubnis verlassen, keinen Besuch bekommen, leisten exzessiv Überstunden, es gibt Kinderarbeit, Sozialabgaben werden nicht gezahlt.

In den Textilfabriken Bangladeschs und Kambodschas ist es laut und heiß. Die Näherinnen arbeiten häufig zehn bis zwölf Stunden, oft an bis zu sieben Tagen in der Woche. Überstunden werden nicht oder nur gering bezahlt. Die Vorgesetzten sind Männer, und bei Fehlern kann es auch zu Gewalt kommen. Aufwändige, hier im Westen beliebte Stickereien oder Paletten werden in Handarbeit, zumeist von jüngeren Frauen oder Kindern gefertigt, denn Maschinen sind zu teuer. „Mit 30 hält man den Druck nicht mehr aus“, begründet Dagmar Rehse, weshalb in den Fabriken zumeist nur jüngere Frauen arbeiten. „Rechte und Gesetze gibt es, aber wer will sie durchsetzen, wenn in Bangladesch Textilfabrikanten in der Regierung sitzen? Die wenigsten Frauen kennen ihre Rechte.“

„In unserer Fabrik müssen wir 100 Mäntel am Tag nähen. Im Westen kostet ein Mantel 120 Euro, ich frage mich, wer das Geld bekommt. Mein Lohn macht nur 2,6 Prozent des Preises aus“, sagt Mim Salma Akter aus Dhaka in Bangladesch, eine der in der Ausstellung portraitierten Frauen.

Vom Stoff zum Konsum

Durchschnittlich 700 Euro werden in Deutschland jährlich für Kleidung ausgegeben. Dem stehen 1,3 Millionen Tonnen Altkleider gegenüber, „eine LKW-Schlange von Hamburg bis Innsbruck“, sagt Dagmar Rehse. Und selbst am Verkauf der Altkleider nach Osteuropa oder Afrika wird noch Geld verdient. Wer fair und ökologisch produzierte Kleidung kaufen will, sieht sich rund 150 unterschiedlichen Siegeln gegenüber. Und selbst „Made in Germany“ auf dem Etikett sagt nicht aus, dass das Kleidungsstück komplett in Deutschland hergestellt wurde.

Was also tun?

Dagmar Rehse stellte ganz praktische Tipps für unser Kaufverhalten vor: „Am wichtigsten ist es, bewusster einzukaufen“, so Rehse. Es gäbe immer häufiger Kleiderflohmärkte, Kleidertauschparties, Angebote Kleidung zu leihen, man könne Second-Hand Kleidung kaufen oder Apps zum Kauf und Verkauf von Kleidung nutzen. Zudem sei upcyceln ein großer Trend – aus alt mach neu. Bei der Neuanschaffung sei es gut auf Qualität zu achten und bei den Geschäften auf das Thema Herstellung und Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. So könne man das Bewusstsein für das Thema weiter fördern. Nötig wäre auch ein Lieferkettengesetz, das den Weg vom Garn bis zum Endprodukt nachverfolgen lässt.

Das interessierte Publikum hatte hierzu viele Nachfragen und diskutierte darüber, was die einzelnen Konsumenten machen können, um ihr Konsumverhalten zu verändern. Die Ausstellung findet im Rahmen des Frauenmonats März statt und kann noch bis zum 30. März im Foyer des Kreishauses der Kreisverwaltung besichtigt werden. Die Broschüre zur Ausstellung gibt es als Download. Sie enthält weitere Informationen und Hintergründe. https://femnet.de/images/publikationen/broschuere-ausstellung-starke-frauen.pdf

Foto: 60 Kleidungsstücke schafft im Schnitt jede erwachsene Person jährlich an. Kornelia Schäfer, Leiterin des Fachdienstes Frauen und Chancengleichheit, Dagmar Rehse von FEMNET e.V., Hanne Battenhausen, Fachdienst Frauen und Chancengleichheit.

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