"Zart wie Eisen" im Goldschmiedehaus

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Vom 19. Mai bis zum 31. Dezember 2022 zeigt das Deutsche Goldschmiedehaus Hanau im Goldsaal die Ausstellung Zart wie Eisen mit mehr als 100 filigranen, häufig von floralen Motiven inspirierten Schmuckstücken aus der Sammlung Klaus-Peter und Judith Thomé.

Das Schmuckmuseum Pforzheim konzipierte die Ausstellung, um die Sammlung Thomé, die seit kurzem zum Bestand des Museums gehört, zu präsentieren.

Viele der Objekte stammen von zwei der bekanntesten privaten Produzenten des Eisenschmucks, Johann Conrad Geiss (um 1771–1846) und Siméon Pierre Devaranne (1789–1859). Durch diese beiden erfolgreichen Werkstätten aus Berlin wurde der Eisenkunstguss in Preußen von den staatlichen Auftragsarbeiten unabhängig. Im Goldschmiedehaus ergänzen Beispiele des Eisenkunstgusses aus Hanau eine Auswahl der in Pforzheim ausgestellten Schmuckstücke.

Der Eisenkunstguss entwickelte sich in Preußen aus der kommerziellen Entscheidung Friedrich II. (1712–1786) im Jahr 1751 den Im- und Export von nicht preußischem Eisen zu verbieten. Die Gründung der staatlichen Eisenhütten erfolgte zunächst zur Produktion von Munition. Wichtige Eisengießereien wurden nach englischem Vorbild mit modernen, kleinen Kupol- und Tiegelöfen im oberschlesischen Gleiwitz (heute Gliwice) und Berlin errichtet. Erst durch diese war es möglich, kleine Elemente aus Tiegeln zu gießen. Zur Herstellung von Feingussarbeiten ist zudem dünnflüssiges Eisen nötig, welches durch ein neu entwickeltes Verfahren zur Umschmelzung von Roheisen gewonnen wurde. Die technischen Entwicklungen waren entscheidend, um die anspruchsvollen Entwürfe umzusetzen, die über Medaillen und Kameen zum Eisenschmuck führten.

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts wurde in Gleiwitz Eisenkunstguss betrieben. Sowohl Händler als auch Privatpersonen konnten hier Schmuck, Gebrauchs- und Ziergegenstände erwerben. Die Entwürfe dieser Kunstgegenstände stammten häufig von Künstlern und Architekten, darunter der damalige Hofbaumeister Karl Friedrich Schinkel (1781–1841). Die Berliner Juweliere Geiss und Devaranne, deren Absatz von Goldschmuck zurückging, begannen um 1806 Kameen aus Gleiwitz zu erwerben und sehr erfolgreich in Schmuckstücke umzuarbeiten. Schon bald entwarfen und stellten die Juweliere selbst Schmuckteile aus Eisen her. Für den qualitätsvollen Eisenschmuck aus Berlin etablierte sich die Bezeichnung „fer de Berlin“.

Elemente wie Blattformen konnten wiederholt und zu unterschiedlichen Schmuckstücken verbunden werden. Großer Beliebtheit erfreuten sich von der Antike inspirierte Motive wie mythische Szenen, Göttinnen und Götter, befeuert durch archäologische Grabungen in Griechenland und Italien sowie florale Ornamente und Tierfiguren. Die Schmuckteile wurden entweder aus flüssigem Eisen in Formen gegossen oder aus dünnen Eisenstäben zu Draht gezogen und dann in Form gebogen und geflochten. Für den Guss wurden Modelle aus Messing oder Silber in einen Formsand gelegt, der angefeuchtet und festgestampft wurde, bevor die Modelle vorsichtig herausgelöst wurden. In die zurückbleibenden Hohlräum wurde senkrecht sehr dünnes Eisen eingefüllt, das dann waagerecht durch die feinen Gusskanäle in der Gussform bis in die kleinsten Verästelungen floss. Das Eisen durfte nicht zu heiß sein, da beim Erkalten sonst die Gefahr bestand, dass dünnwandige Glieder reißen. Nach der Formung wurden die Ornamente gesäubert, poliert, mehrmals mit einem dünnen Lack überzogen und durch Erhitzen getrocknet. Die Hitze verdampfte das Öl in dem Lack, sodass die Stücke anschließend matt glänzten. Eisenschmuck spiegelte, im Gegensatz zum Brillantenpomp des 18. Jahrhunderts, wichtige Werte der damaligen Gesellschaft wider: Beständigkeit, Bescheidenheit und Zurückhaltung.

Deutsches Goldschmiedehaus Hanau: 19. Mai bis 31. Dezember 2022
Eröffnung: Donnerstag, 19. Mai, 19 Uhr

Der Eisenkunstguss entwickelte sich unter König Friedrich Wilhelm II. (1770–1840) bedeutend weiter. Für Kriegsehrungen musste aufgrund des Bronzemangels für zahlreiche Denkmäler und Gedenktafeln auf Eisen ausgewichen werden. Eisenschmuck wurde in erster Linie als Trauerschmuck getragen. Seine Beliebtheit stieg nach dem Tod der Königin Luise von Preußen (1776–1810). Eiserne Luisenbroschen, -kreuze und -anhänger wurden von preußischen Frauen zum Gedenken an die beliebte Königin getragen, die nach ihrem legendären Treffen mit Napoleon in Tilsit (1807) als Heldin verehrt wurde. Ihr Ehemann König Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) stiftete 1813 das Eiserne Kreuz als Verdienstorden für Teilnehmende der Befreiungskriege. Königin Luise wurde postum die erste Trägerin der von Karl Friedrich Schinkel entworfenen Auszeichnung. Zur Finanzierung der Befreiungskriege gegen Napoleon (1813–1815) rief Prinzessin Marianne von Preußen (1785–1846) die Frauen im Staate dazu auf, Goldschmuck „für die Rettung des Vaterlandes“ zu spenden. Als Gegenleistung erhielten Spenderinnen und Spender einen Ring oder eine Brosche aus Eisen mit der Inschrift „Gold gab ich für Eisen“. Die Symbole der patriotischen Gesinnung wurden mit Stolz getragen.

In Hanau gab es im 19. Jahrhundert zwei Eisengießereien, die Kunstgegenstände und Schmuck herstellten: Ernst Georg Zimmermann und Alfred Richard Seebaß. Leider sind aus diesen Werkstätten so gut wie keine vollständigen Schmuckstücke erhalten. Schmuckteile wie Rosetten, Kreuzanhänger und Tierfiguren belegen jedoch, dass der Eisenfeinguss auch in Hanau praktiziert wurde. Zudem wird deutlich, dass erfolgreiche Motive von einer Vielzahl von Werkstätten hergestellt wurden. Die extreme Ähnlichkeit einzelner Schmuckstücke macht die Zuordnung unsignierter Arbeiten heute fast unmöglich.


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