Jüdisches Leben zwischen Annäherung und Vernichtung

Hanau
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Am Donnerstag, den 19. September machten sich 14 Q3-Schülerinnen und Schüler der Hohen Landesschule auf zu einer ganz normalen Stadtführung nach Hanau.

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Und doch ist diese Führung eine ganz besondere – erzählt sie doch von Menschen, die einst mitten unter den Hanauer Bürgern lebten, einen wichtigen Beitrag zur Stadtgesellschaft leisteten und dann deportiert und getötet wurden. Ihren Ausgangspunkt nahm die Stadtführung unter der Leitung von Dr. Alice Noll am Verkehrskreisel zwischen Freiheitsplatz und Nordstraße. Hier war einst die Hanauer Judengasse, das sogenannte Juden-Ghetto. Von dort ausgehend folgten die Teilnehmer der Stadtführung den Spuren jüdischen Lebens und tauchten damit nicht nur ein in die Schrecken der deutschen Geschichte, sondern auch in die Zeitgeschehnisse, die sich über die Jahrhunderte zuvor in Europa ereigneten.

Es sind Geschichten von Verfolgung, Vertreibung und Auslöschung, aber auch von der Idee der Französischen Revolution. Unter Napoleon verbessert sich die Lage der Hanauer Juden. Die Befestigungen rund um das Judenviertel werden geschleift, das Ghetto löst sich auf, der Wegfall der Restriktionen bringt auch wirtschaftlichen Aufschwung. „Davon ist in der Nordstraße allerdings nur noch wenig zu sehen“, erklärt Stadtführerin Dr. Alice Noll. Zu groß war die Zerstörung Hanaus gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Viele Zeugnisse jüdischen Lebens wie die Synagoge, die Mikwe (rituelles Tauchbad) oder das Gemeindehaus in der Nürnbergerstraße, die die Nazi-Pogrome noch überstanden hatten, versanken nun endgültig in Schutt und Asche. Frau Dr. Noll berichtet dabei eindringlich den Schülerinnen und Schülern von Kultur und Lebensart der alten jüdischen Gemeinde in Hanau.

Ihre Ansiedlung war dabei ein Akt früher Toleranz gegenüber, aber auch ein Zeichen wirtschaftlichen Interesses an den Juden. Mit der Ansiedlung der Juden, die auf einen Erlass des Neustadtgründers, Graf Philipp Ludwig II., vom 28. Dezember 1603 erfolgte, verband dieser einen ehrgeizigen Plan. Die wohlhabenden Geschäftsleute aus den Niederlanden und der Wallonie brauchten für ihre Geschäfte ein funktionierendes Kreditgewerbe. Das brachten die Juden mit und so entstand eine Situation, die beiden Seiten nützte. Schutz vor Verfolgung und das Recht auf Ansiedlung auf der einen Seite und eine wachsende Wirtschaft auf der anderen Seite. Rund 540 Menschen lebten dann in den folgenden Jahrhunderten im Hanauer Judenviertel. Die erste jüdische Gemeinde war dabei im Mittelalter während der Zeit der Pest ausgelöscht worden. Die jüdischen Bürger wurden als „Brunnenvergifter“ für die Epidemie verantwortlich gemacht, vertrieben oder ermordet.

Zum Schluss der Führung ging es auf den alten jüdischen Friedhof in Hanau. Dicht an dicht stehen die rund 1.200 Grabsteine aus rotem Sandstein, einige neigen sich bereits zur Seite, andere sind in die Stämme der alten Bäume eingewachsen. Vielfach ist die Schrift abgeblättert, die Sandsteinschichten werden immer dünner. Andere Grabmale zeigen noch deutlich die hebräischen Schriftzeichen, mit denen das Lebenswerk der Verstorbenen gewürdigt wird – etwas, das in der christlichen Sepulkralkultur nicht üblich ist. Im oberen Teil der Sandsteintafeln eingemeißelten sind zudem Symbole. Reben, Schiffe, Waagen, Krüge, Kühe und viele andere Zeichen sind dort zu sehen. Ebenso sind Hinweise auf den Schauseiten der Steine – dahinter liegen die Toten – zu sehen, aus welchen Häusern in der Judengasse die Verstorbenen gestammt haben. Denn in der Judengasse, der heutigen Nordstraße, hatten die um 1600 etwa 50 Häuser Namen. Namen, die sich auch die Bewohner zugelegt hatten. Daneben geht Frau Dr. Noll auch auf Besonderheiten im jüdischen Grabritus ein: Sie verweist die Schülerinnen und Schüler auf zwei Hände auf den Grabsteinen. Es ist das Zeichen der Cohanim, der Priester aus dem Stamm Aaron. Sie haben bis heute eine Sonderstellung im jüdischen Ritus und in der Grabkultur. Dürfen Sie zum Beispiel in der Synagoge als erstes aus der Thora vorlesen, so ist es ihnen nicht ohne Weiteres gestattet, einen jüdischen Friedhof zu betreten, da ihnen die Berührung mit dem Tod verboten ist. Daher befinden sich auch in Hanau einige Ihrer Grabsteine im vorderen Teil des Friedhofes, um sie besser von außen sehen zu können. Ihr Zeichen, die segnenden Hände, gingen dabei auch in die Fernsehgeschichte ein mit dem Gruß der Vulkanier bei Star Trek.

Der Beginn der jüdischen Emanzipation durch die Franzosen wird dann auch in der Begräbniskultur auf dem jüdischen Friedhof sichtbar. Immer häufiger erscheinen Granitgrabmäler im jüngeren Teil des Friedhofes. Neben den eingemeißelten hebräischen Texten finden sich zunehmend auf der Rückseite der Steine auch deutsche Texte. Zeichen einer gewissen Annäherung. Die jüngsten Steine unterscheiden sich dann gar nicht mehr von denen der christlichen Mehrheitsgesellschaft. Der Holocaust während der Nazi-Zeit brachte dann aber auch in Hanau das brutale Ende der zweiten jüdischen Gemeinde. Heute gibt es wieder zwei aktive jüdische Gemeinden in der Stadt Hanau.

Foto: Frau Dr. Noll mit den Schülerinnen und Schülern an der Ghettomauer.

Foto: Jüngster Teil des Friedhofs.

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