Bombenfunde auf Pioneer Gelände: Kaminsky antwortet auf Offenen Brief

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Nach dem neuerlichen Bombenfund auf dem Pioneer Gelände in Hanau-Wolfgang am Dienstag hatte sich VORSPRUNG-Leser Michael Neitzert in einem Offenen Brief an den Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky gewandt (wir berichteten). Dieser antwortet nun ebenfalls in einem Offenen Brief.

Sehr geehrter Herr Neitzert, Ihre Sorge um (künftige) Neubürger sowie bereits in Wolfgang lebende Menschen, die Sie in Ihrem Offenen Brief vom 30. Juni 2020 zum Ausdruck bringen, ehrt Ihr Anliegen, geht aber leider von einer völlig falschen Grundvoraussetzung aus und verkennt die Sachlage: Bei den Bombenfunden im Pioneer Park – und nicht nur hier - handelt es sich mitnichten um unvorhergesehene Zufallsfunde, deren Entdeckung zu einer Gefährdung hätten führen können. Vielmehr ist das Aufspüren dieser Weltkriegsbomben das Ergebnis einer hochprofessionellen und effizienten Kampfmittelsondierung zur Baufeldvorbereitung gewesen.

Denn ohne diese Sondierungsarbeiten dürfen Erdaushubarbeiten in früheren Bombenabwurfgebieten und damit kritischen Arealen gar nicht erst beginnen. Auch über Hanau ging wie über viele andere Städte Deutschlands im Zweiten Weltkrieg ein zerstörerischer Bombenhagel nieder. Es gab von 1940 bis 1945 mehr als 40 Bombenabwürfe der alliierten Luftstreitkräfte über unserer Stadt. Dabei wechselten sich die britische Royal Air Force (nachts) und die US Army Air Force (tagsüber) ab. Die schwersten Luftangriffe fanden am 6. Januar 1945 und schließlich am 19. März 1945 statt. Die Flächenbombardements führten zur nahezu vollständigen Zerstörung der Innenstadt.

In Zahlen ausgedrückt: Über dem Stadtgebiet wurden (in deutschen Tonnen) 3.554,3 t Sprengbomben und 1.664,5 t Brandbomben abgeworfen. Dazu kamen am 6.1.1945 rund 470.000 und am 19.3. 360.000 (kleine) Stabbrandbomben. Insgesamt 2.564 Menschen kamen ums Leben. Vor diesem Hintergrund versteht es sich von selbst, dass vor der Bauausführung nahezu überall in Hanau – wie in vielen anderen deutschen Städten auch – besondere Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten sind und eingehalten werden. Das Procedere im Umgang mit der Kampfmittelsondierung und –beseitigung ist behördlich klar geregelt und hat sich in der Vergangenheit bewährt. Angefangen bei der historischen Erkundung und gewissenhaften Auswertung von Luftbildern über die Kontrolle der Flächen mittels rechnergestützter Datenaufnahme und manueller Sondierung bis hin zur Bergung relevanter Anomalien und Freigabe des Baufeldes wird jeder Schritt durch Spezialfirmen und in enger Abstimmung mit dem in Hessen zuständigen Regierungspräsidium Darmstadt abgearbeitet und dokumentiert.

Auch auf dem Pioneer Gelände wird nach diesem Schema das Areal seit mehr als eineinhalb Jahren mit großer Professionalität und der gebotenen Sorgfalt jedes Baufeld auf Kampfmittel untersucht. Zur Zeit laufen die Sondierungsarbeiten wieder täglich rund 10 Stunden, unter anderem auch um den Verzug aus dem Corona-Lockdown einzuholen. Aber allein für die Vorerkundung und Kampfmittelbegleitung der Fachfirmen wurde bislang schon ein mehrstelliger Millionenbetrag ausgegeben.

Auch für den seltenen Fall, dass eine Weltkriegsbombe gefunden wird, gibt es eingespielte Verfahrensabläufe zwischen allen beteiligten Behörden, die mit großer Umsicht dafür Sorge tragen, dass niemand durch diese Kriegsaltlasten zu Schaden kommen. Die Arbeit der Einsatzkräfte, die auch für eine reibungslose Abwicklung der Kampfmittelräumung einen wesentlichen Beitrag leisten, sowie die Anstrengungen der Feuerwerker können gar nicht hoch genug wertgeschätzt werden. Denn glücklicherweise passiert es dank der hohen Professionalität und Qualität der Arbeit aller Beteiligten nur äußerst selten, dass Menschen heute wegen einer Weltkriegsbombe zu Schaden kommen.

Was Ihren Hinweis auf die Wohnungen im Bereich Triangle Housing angeht, kann ich Ihnen versichern, dass die Baugrundverhältnisse in der Nachbarschaft den Gebrauch der Wohnung nicht beeinträchtigen und deshalb kein Mangel sein können. Schließlich wussten die Käufer, dass sie auf ein ehemaliges Militärareal ziehen. Ein Mangel liegt auch deshalb nicht vor, weil im Kaufvertrag die Kampfmittelfreiheit des angrenzenden Geländes nicht zugesichert werden konnte und auch nicht zugesichert wurde. Das oben beschriebene Vorgehen in Sachen Kampfmittelsondierung dokumentiert aber eindrucksvoll, dass keine Gefährdung für die künftigen Bewohner von Triangle Housing besteht.

Sehr geehrter Herr Neitzert, mit Recht fordern Sie im Interesse der Hanauerinnen und Hanauer einen sorgfältigen Umgang mit diesem brisanten Thema ein, aber ich gehe davon aus, dass ich Ihnen heute deutlich machen konnte, dass diese Umsicht und hohe Professionalität fester Bestandteil unseres Alltagsgeschäfts ist und deshalb auch kein Grund zur Sorge besteht."

Claus Kaminsky
Hanau

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