VORSPRUNG-Leser Dr. Ralf-Rainer Piesold, Stadtrat a.D. in Hanau und ehrenamtlicher FDP-Kreisbeigeordneter, äußert sich in seinem Leserbrief zur Schulsituation.
"Natürlich ist der Vergleich der gegenwärtigen Corona Schulsituation mit dem Kaspar-Hauser-Syndrom erheblich überspitzt und sehr provokativ, da das Kaspar-Hauser-Syndrom nur bei sehr schweren und langfristigen Isolationen auftritt und eine sehr schwere Erkrankung darstellt. Die Gefahren, die durch den „Schulentzug“ auftreten können, werden aber auch unterschätzt und teilweise bagatellisiert. Tatsache ist, dass der Schulbesuch – wenn überhaupt – seit fast einem Jahr relativ ungeordnet stattfindet. Wie groß die Konsequenzen der Corona-Schutzmaßnahmen für die soziale und neurobiologische Entwicklung von Kindern ist, muss zwar im Einzelnen noch stärker untersucht werden, aber dass die Kinder darunter leiden, dürfte unstrittig sein. Es liegt zumindest der Verdacht auf ein psychisches Deprivationsproblem vor. Sie müssen über eine längere Zeit auf ihre inneren Bedürfnisse, wie etwa jemanden in den Arm zu nehmen, zu spielen oder sich zu bewegen, verzichten und das ist schädlich. Da ein emotionales und körperliches Defizit bedingt durch den Lockdown als Ursache vorliegt, hilft auch keine Digitalisierung, die ich so sehr schätze. Aber meine Studentinnen und Studenten sind alle über 20 Jahre alt, gehören der Generation y oder z an und kennen sich in der digitalen Welt gut aus.
Die Hochschule stellt eine sehr gute digitale Infrastruktur zur Verfügung und das Kollegium erarbeitet ständig neue digitale Konzepte. Mein Fach E-Government eignet sich zu dem noch inhaltlich für eine digitale Unterrichtsform. So ist es auch richtig, dass wir nun seit zwei Semestern fast 100% digitalen Unterricht haben, wenn auch dieser wesentlich anstrengender ist und auch die Studierenden unter der Situation leiden. Für Kindergärten, Grundschulen und den meisten anderen Schulformen eignet sich ein 100% digitalisierter Unterricht aber überhaupt nicht, auch wenn die Digitalisierung immer wieder als Wundermittel angepriesen wird. Hier entsteht durch den ungeregelten Unterricht insbesondere bei den jungen Kindern und den bildungsfernen Schichten ein erhöhtes Risiko, dass erhebliche Schäden erzeugt werden. Immerhin ist für ein 7 jähriges Kind ein Jahr wie 10 Jahre für eine 70 jährige Person. Deswegen müssen die Schulen möglichst rasch wieder geöffnet werden, natürlich unter strengen Hygienekonzepten. Verantwortlich für die Umsetzung und Unterrichtskonzeption sind primär das Kultusministerium und die beiden Schulträger, der Main-Kinzig-Kreis und die Stadt Hanau. Insgesamt muss man festhalten, dass nach fast einem Jahr der Erfolg überschaubar ist, zum Nachteil der kommenden Generation. Der Wechselunterricht lässt dabei auch noch viele Fragen offen. Da die betroffene Generation treffenderweise alpha und nicht omega heißt, sollte auch für die Bildung gelten. Alpha steht für Spitze und Omega für den Ausfall."
Dr. Ralf-Rainer Piesold
Hanau
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