Hanauer Schulträger im digitalen Dornröschenschlaf

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In einem Offenen Brief wendet sich VORSPRUNG-Leser Stefan Bauer, Elternbeiratsmitglied der Klasse 9Gc an der Otto-Hahn-Schule in Hanau, an den Hanauer Bürgermeister und Schuldezernenten Axel Weiss-Thiel (SPD).

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"Sehr geehrter Herr Weiss-Thiel,

der erste Lockdown an den Schulen ist fast ein Jahr her. Es ist höchste Zeit, den Blick darauf zu richten, was erreicht wurde und was immer noch für einen echten digitalisierten Unterricht fehlt:

  • Viele Schulen benutzen inzwischen digitale Lösungen, die sie oft ohne Unterstützung des Schulträgers ausgerollt haben
  • Die Mehrzahl der Schulen warten immer noch auf eine zeitgemäße Ausstattung mit WLAN
  • Weiterbildungen für den digitalen Unterricht finden - wenn überhaupt - durch Eigeninitiative von Lehrern und Eltern statt
  • Digitale Endgeräte für Familien mit geringen Einkommen sind endlich da, müssen aber von Lehrern eingerichtet und übergeben werden
  • Laptops für Lehrer fehlen immer noch, obwohl dafür Geld des Digitalpakts verfügbar ist

Von Woche zu Woche verfestigt sich der Eindruck, dass die Stadt Hanau als Schulträger, das staatliche Schulamt und das Hessische Kultusministerium, den Missstand in der aktuellen schulischen Bildung nicht sehen wollen. Anstatt die Schulen zeitnah mit Technik und Personal zu unterstützen, wurde nur kurzfristig auf die aktuelle Lage reagiert. Die notwendige langfristige Verbesserung der Bildung durch stärkere Nutzung moderner Technik und Methoden wird vor sich hergeschoben, in der Hoffnung, dass ein weiterer Lockdown nicht kommen wird. Während in Industrieunternehmen eigene Teams für den IT-Support verfügbar sind oder externe Dienstleister beauftragt werden, ist man bisher davon ausgegangen, dass an den Schulen der notwendige Support für Lehrer und Schüler, als Nebenaufgabe durch die Lehrer selbst erledigt werden kann. Der Tragweite dieser Fehleinschätzung ist man sich offensichtlich in den zuständigen Ämtern nicht bewusst. Bereits vor der Pandemie wurde der Aufbau der Digitalisierung stark vernachlässigt. Im aktuellen Distanzunterricht kommen diese Versäumnisse besonders gravierend zum Vorschein. Die fehlende Qualität und Verfügbarkeit eines digitalen Bildungsangebots führen nun zu einer dramatischen Notsituation der Schulen. 

Als Verantwortliche sind die Ämter in der Pflicht, zu helfen oder wenn notwendig externe Hilfe zu organisieren. Die Dringlichkeit, frühzeitig externe Dienstleister für Technik, digitale Weiterbildung und organisatorische Unterstützung der Schulen zu beauftragen, ist nach dem ersten Lockdown komplett verschlafen worden. 

Hiermit fordere ich sie, Herr Axel Weiss-Thiel, als Schuldezernent und Bürgermeister auf, in folgenden Punkten die Schulen in Hanau sofort zu unterstützen:

1. WLAN-Übergangslösung für Schulen ohne WLAN in den Unterrichtsräumen

Seit über einem Jahr werden vom Schulträger die Anträge der Schulen auf eine zeitnahe und praktikable Übergangslösung abgelehnt und Bedenken in punkto Sicherheit oder Kosten vorgeschoben. Die Kosten für einen mobilen WLAN-Router mit Handykarte und ausreichendem Datenvolumen liegen weit unter 100€ pro Monat. Mit dieser Maßnahme lässt sich Videounterricht aus einem Unterrichtsraum auch in einer infrastrukturell unterversorgten Schule ermöglichen. Damit sind die Lehrkräfte flexibel in der Schule verfügbar und können zwischen Präsenzunterricht und Video-Lehrstunde wechseln. Videounterricht muss nicht ausfallen, wenn ein Lehrer für Aufgaben in der Schule eingeplant ist. Wenn jede Schule je nach Größe 2 bis 10 dieser Geräte bekommt, sind die Kosten pro Schüler kleiner als 1€ im Monat und Lehrer können sich bei Bedarf ein Gerät für den Unterricht ausleihen. Die Sicherheit ist aktuell an allen Schulen eine Baustelle, da die Lehrer nur mit privaten Geräten über das heimische WLAN unterrichten. Durch die zusätzliche Bereitstellung von mobilen WLAN-Routern in der Schule verschlimmert sich auf diesem Gebiet nichts. Das Aussitzen der Maßnahmen bis zum Anschluss der betroffenen Schulen an das Breitbandnetz ist einfach verantwortungslos, den betroffenen Schülern und Lehrern gegenüber.

2. Unterstützung der Schulleitungen durch externe IT-Dienstleister  

Im letzten Jahr mussten alle zusätzlichen Aufgaben, die durch den Distanzunterricht entstehen, durch die Lehrer und Schulleitungen selber erledigt werden. Dabei wurde völlig vernachlässigt, dass sowohl die entsprechende Ausbildung wie auch das Stundenkontingent fehlt. Wie angespannt die Personalsituation bereits vor der Pandemie war, weiß wohl jeder, der Kinder an einer Schule hat. Damit die Lehrer nicht überlastet werden und den anspruchsvollen Umstieg auf einen digitalisierten Unterricht leisten können, müssen Freiräume geschaffen werden. Zur notwendigen Unterstützung zählen

  • die (externe) Unterstützung bei technischen Problemen jeder Art
  • die schulübergreifende Organisation von neuen angepassten Unterrichtsplänen, die einen strukturierten und anspruchsvollen Distanzunterricht ermöglichen

An dieser Stelle sollte ein Vergleich angeführt werden: In Hanau gibt es über 3000 Lehrer – in einem Unternehmen mit 3000 Mitarbeitern sind für die technische Unterstützung bei Einrichtung, Endgeräten, E-Mail, digitalen Lösungen für die Arbeit und sonstiger IT-seitiger Betreuung rund 50 Stellen eingeplant. Für die Abwicklung des Supports bedarf es wiederum eine professionelle Organisation und technische Systeme. Diese Verantwortung und Organisation allein den Schulen und Lehrern zu überlassen, ist schlichtweg nicht realistisch. Die im November 2020 verkündete Schaffung eines eigenen Schul-IT-Teams ist ein wichtiger Schritt, aber die Besetzung mit genügend Mitarbeitern wird sich auf einem leergefegten IT-Arbeitsmarkt schwierig gestalten. Auch in diesem Thema beweist der Schulträger in Hanau, dass er für die Dringlichkeit des Themas kein Verständnis hat. Für die Umsetzung dringender Aufgaben müssen externe Dienstleister in Anspruch genommen werden, bis man personell dafür aufgestellt ist.

Wir haben bereits heute einen hohen Aufholbedarf in der Ausbildung, sowie fehlenden Kompetenzen bei digitalen Fragestellungen – die Lücke auf dem globalen Arbeitsmarkt darf nicht noch größer werden. Dass es besser geht, zeigen unsere Nachbarländer, allen voran die skandinavischen Länder, bei denen Video-Unterricht zum Standard-Repertoire zählt. Den Preis für diese Verzögerungen bezahlt die Gesellschaft und die junge Generation mit schlechteren Chancen im späteren Leben und ganz besonders die, die es sowieso schon schwerer haben."

Stefan Bauer
Hanau

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