"Während ich diesen Leserbrief schreibe, behalte ich die Unterwetterwarnung für den Main-Kinzig-Kreis im Blick...

Ich mache mir Sorgen um den Wald. Unser Freigerichter Wald – er liegt wohl den meisten von uns sehr am Herzen. Vielleicht haben manche Menschen weniger Bezug dazu, weil sie nie die Möglichkeit hatten, sich darauf einzulassen und damit zu befassen. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der die Natur, die Tierliebe, der nachhaltige Umgang, insbesondere auch mit dem eigenen Wald, einen ganz großen Stellenwert haben. Früh habe ich gelernt, dass in der Natur ein Rädchen in das andere greift, einfach alles miteinander verbunden ist. Dass das Begradigen und Kanalisieren von Bächen und Flüssen sich rächt und Monokulturen im Wald äußerst anfällig sind.

Auch weiß ich, dass Bäume einen natürlichen Lebenszyklus haben. Man wird sie ernten, wenn sie die optimale 'Reife' besitzen, da sie dann wirtschaftlich am wertvollsten sind. Viel wertvoller für die Natur ist unbestritten, wenn man den Baum seinen natürlichen Lebenszyklus im Wald abschließen lässt. Dann wird aus dem wirtschaftlich wertvollen Baum ein wertvoller Habitat-Baum. Davon gibt es in den Freigerichter Wäldern einige Exemplare. Zu erkennen daran, dass sie abgestorben sind. Häufig weisen sie Zunderpilze am Stamm auf und bieten im Zerfall Unterschlupf und Nahrung für viele Insekten, Vögel und Tiere.

Der Freigerichter Wald ist schon immer ein Wirtschaftswald. Dazu zählt eben auch die Windvorrangfläche, in der maßgeblich über 100jährige Bäume stehen sollen. Wir konnten bei einer Ortsbegehung feststellen, dass Teile der Windvorrangfläche durch Windbruch stark geschädigt wurden. Das tut weh. Jeder einzelne Baum ist einer zu viel, der durch Sturm und Wind vernichtet wird. Von den Schädlingen, wie dem Borkenkäfer bei den Nadelbäumen ganz zu schweigen. Jedoch sind heftige Stürme und massiver Schädlingsbefall bereits eine Folge des Klimawandels, dem es gilt, mit allen verfügbaren Mitteln entgegenzutreten. Auch beim Bau von Windrädern müssen Bäume entnommen werden. Aber fragen wir uns doch ehrlich, ist das zu verurteilen und abzulehnen?

Freigericht erntete in den Jahren 2016-2021 durchschnittlich pro Jahr 6.643 Festmeter Holz. Davon 4.655 Festmeter Nutzholz für Konstruktion, Bau oder Möbel. 1.500 Festmeter finden ihre Verwendung als Brennholz. Zum Vergleich: für den Bau von 4 Windrädern würden einmalig ca. 1.300 Festmeter Holz geschlagen. Wir nutzen unser Holz in vielfältiger Weise und möchten den einmaligen Einschlag von 1.300 Festmetern Holz unter allen Umständen verhindern? Erneuerbare Energie ausbremsen, um mit den eingesparten 1.300 Festmetern Holz dem Naturschutz gerecht zu werden und Artenvielfalt zu bewahren? Unser Wald stirbt nicht an vier Windrädern. Aber er stirbt am Klimawandel. Jedes Jahr, jeden heißen Sommer und sturmtosenden Herbst und Winter ein kleines Stückchen mehr. Bitte bedenken Sie das, wenn es beim Bürgerentscheid um mehr geht, als um vorgeschobene Argumente. Machen wir uns ehrlich."

Birgit Hertlein
Freigericht

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