Freigericht: Rücktritt trotz erfolgreichem Windkraft-Bürgerentscheid

Leserbriefe
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In einem Leserbrief kündigt VORSPRUNG-Leser Josef Keller, Vorsitzender des Energie-Stammtisches Freigericht, trotz für ihn und seine Mitstreiter erfolgreichem Windkraft-Bürgerentscheid in Freigericht seinen Rücktritt an.

"Die Arbeitsgruppe Windenergie Freigericht des Energie-Stammtisch Freigericht e.V. hat durch seinen sehr engagierten Wahlkampf ein Erfolg erzielen können. Allerdings muss man sich die Frage stellen, ist der Ausgang des Bürgerentscheides in Freigericht, mit einer Mehrheit für die weiteren Planungen der Windenergie, wirklich ein positives Signal für Bürgermitbestimmung und für die Energiewende? Dies ist mir am Montagmorgen nach dem Abstimmungssonntag durch den Kopf gegangen und habe mich auch gewundert, warum ich nicht so richtig in positive Stimmung gekommen bin.

Bei näherer Betrachtung war die Wahlbeteiligung zwar höher als sonst bei Bürgerentscheiden, und da muss man diesen Wählern auch sehr danken, trotzdem haben sich mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten nicht für die Abstimmung interessiert und sind nicht zur Wahl gegangen. Obwohl es ein so wichtiges Thema ist und der Klimawandel massiv voranschreitet. Es sollte doch in der heutigen Zeit Entscheidungen für oder gegen Windkraft eine viel höhere Wertigkeit haben als Abstimmungen zu Golfplätzen oder Umgehungsstraßen. Dann ist da noch das Ergebnis, es haben zwar 52 % für die weiteren Planungen der Windenergieanlagen gestimmt aber trotzdem auch 48 % dagegen! Den Bürgern, die sich dagegen entschieden haben, ist der Freigerichter Wald, wie sie sagen, wichtiger als die große Menschheitsaufgabe 'Energiewende'. Die Anlagen sollen wo anders gebaut werden und nicht hier, sagen sie.

Ein weiterer Aspekt, der mir sehr zu schaffen macht, ist der Umgang speziell von Seiten der IG Gegenwind mit meiner Person. Um die eigenen Ziele zu erreichen, hat man sich nicht gescheut, mich direkt, in Funktion als erster Vorsitzender des Energie-Stammtisches Freigericht e.V. persönlich anzugreifen. In vielzähligen Mails, Facebook- und Vorsprung Kommentaren wurden mir die Zerstörung des Freigerichter Waldes vorgeworfen oder es wurde berichtet, dass ich Interesse hätte, mich finanzielle an den Windrädern beteiligen zu wollen. Aber auch dass ich nur 'Zugezogener' wäre und es wäre ziemlich anmaßend mich für die Windräder einzusetzen. Auch wurde mir vorgeworfen, dass wir uns als Energiestammtisch nicht an der politischen Auseinandersetzung einmischen dürften. Und dass, obwohl sich der ESF bereits seit fast 10 Jahren auch für Windkraft stark macht. Große Enttäuschung musste ich erleben, das bekannte Personen mich an meinem Wohnort Horbach gemieden haben, weil sie bezüglich Windkraft anderer Meinung sind oder mich bei einem Treffen vor einem Supermarkt mit den Worten begrüßt haben 'Das Du Dich hier her traust'. Diese Dinge haben mich schwer getroffen! Vom Grundsatz muss man bei politischen Auseinandersetzungen mit solchen Dingen leben, allerdings bin ich kein Politiker, sondern nur der erste Vorsitzender des Energie-Stammtisch Freigericht e.V.

Es gibt allerdings auch noch einen weiteren Punkt. Seit über 40 Jahren setze ich mich für Umweltschutz ein und habe versucht selbst danach zu leben (ist natürlich auch nicht immer gelungen) und andere Menschen von meiner Einstellung zur Natur und Umwelt zu überzeugen. Leider muss ich bereits seit längerem feststellen, dass eine große Mehrheit der Bürger in Deutschland daran kein Interesse haben. Obwohl die Wissenschaft auch bereits seit 40 Jahren uns allen vor dem Klimawandel warnt, sehen die meisten immer noch nicht den Ernst der Lage. Und da muss man auch viele Politiker einschließen, für die oft die wirtschaftlichen Erfolge ein Vielfaches wichtiger sind.

Daher ist bei mir im Laufe der Woche der Gedanke gereift, warum ich meiner Familie und mir diese aufwendige und mit viel Freizeit verbundene ehrenamtliche Arbeit aufbürde. Es verändert sich ja im Großen und Ganzen seit 40 Jahren nichts. (Von kleinen Erfolgen abgesehen). Und wenn ich dann noch die vielen Unterstellungen, Vermutungen und Anfeindungen zu meiner Person, wie oben beschrieben, dazu nehme, ist es für mich nicht mehr möglich, weiter die Kraft aufzubringen, in der Funktion als Vorsitzender des ESF weiterzumachen.

Viele werden sagen, man muss sich doch immer weiter für seine Ziele einsetzen und muss weiter machen, um die Bürger zu überzeugen, ein Aufgeben ist keine Option! Da haben diese Menschen die das sagen vollkommen recht. Nur es ist auch so, dass man Prioritäten setzen muss und nach so langer Zeit auch mal andere Dinge den Vorrang geben kann. Auch möchte ich vielen Bürgern, die sich bisher noch nicht persönlich eingebracht haben, einladen sich mal zu beteiligen. Und wenn es nur damit gezeigt wird zu einer öffentlichen so wichtigen Abstimmung zu gehen! Natürlich werde auch ich mich nach einer Pause wieder irgendwo als Einzelperson einbringen zum Beispiel bei einer Demonstration teilnehmen und ein Zeichen setzen. Allerdings bin ich auch noch bei einem Verein Bergwaldprojekt e.V. seit einigen Jahren tätig und werde dort etwas mehr Zeit mit praktischer Arbeit verbringen. Wir Pflanzen und Pflegen Bewaldungsprojekte in vielen Regionen Deutschlands wie auch im Spessart. Der Wald allein kann natürlich nicht das Klima retten, aber unterstützt die CO2 Bilanz. Meine Mitgliedschaft im ESF würde ich gerne weiterführen, um auch ab und zu an Stammtischterminen teilzunehmen. Meinen Vorsitz werde ich so lange fortführen, bis ein Nachfolger in den nächsten Wochen gefunden wurde.

Bei allen die mir Ihr Vertrauen in den letzten Jahren geschenkt haben oder mir bei den vielzähligen Vorträgen zugehört haben möchte ich mich sehr bedanken, es hat riesigen Spaß gemacht oft mit gleichgesinnten über Möglichkeiten der Energiewende zu diskutieren. Dem Energiestammtisch wünsche ich von ganzem Herzen weiterhin viel Erfolg und vor allem viele Besucher bei den Stammtisch-Terminen, um Überzeugungsarbeit leisten zu können."

Josef Keller
Freigericht

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