Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris hat sich VORSPRUNG-Leser Jörg Sternberg angeschaut.
"Noch bevor das Feuilleton das Wort ergreift, schwankend in der Einschätzung des Spektakels der Eröffnungsfeier der olympischen Spiele in Paris, schwankend nämlich zwischen Verherrlichung und Verriss, möchte ich noch ganz überwältigt von der Rasanz des Bilderbogens, vom Feuerwerk der Inszenierungen meine ganz persönlichen Eindrücke wiedergeben: Zutiefst verstört und widersprüchlich. Ein Endspiel, die letzten Tage der Menschheit, glamourös und banal zugleich.
Banal wie der Auftritt, der Balztanz männlicher Cheerleader um Lady Gaga und berührend wie das Friedenslied von Joko Ono 'Imagine'. Gespannt zwischen operalem Prunk und volkstümlicher Schlichtheit, zwischen halsbrecherischer Artistik und sparsamer Poesie. Insgesamt aber überwiegend die Choreographie abgestimmter Zuckungen, Verrenkungen der Körper auf der Bühne der Seine. Und die Unzahl der vorbeidefilierenden Boote mit den Teilnehmern der Wettkämpfe. Die kleinen Boote zum Teil einstmals die Opfer der kolonialen Verbrechen der französischen Eroberungs- und Versklavenspolitik, heute - getreu dem olympischen Schwur - die Fahnen der Völkerverstädigung schwenkend.
Eindrucksvoll auf der Gegenseite aber auch das Boot der Flüchtlinge und der Wortlaut des Kommentars dazu. Ebenso selbstkritisch der apokalyptische Reiter auf seinem 6km-Ritt auf der Seine, ein mechansiertes Pferd auf dem Fluss Lethe zunächst, bis es sich verwandelt in eine Jungfrau (Jean Dark?) mit fast sakraler Attitude. Überhaupt die Geschichte: Sie reicht von dem Zorneslied der Jakobiner 'Ca ira' bis zum Symbol der phrygischen Mütze als Wahrzeichen der Sklavenbefreiung. Zum Schluss dann noch die braven Lobeshymnen und Dankesworte vom IOC-Präsidenten Bach und die ziemlich nationalistisch gehaltene Rede des Präsidenten der Organisation (Name ist mir entfallen). Insgesamt aber eine ziemlich skurrile Veranstaltung in ihrem Größenwahn und Aufwand angesichts der großen Krisen unserer Zeit. Sie soll wohl auch dazu dienen, den angekratzten Nimbus von Macron und der politischen Elite wieder aufzurichten. Kein gutes Motiv."
Jörg Sternberg
Hanau
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