Zur Berichterstattung über den Beginn einer Verhandlung im Landgericht Hanau (wir berichteten) melden sich die Eltern des Opfers mit diesem Leserbrief zu Wort.
"In den vergangenen Tagen veröffentlichte die Pressestelle des Hanauer Landgerichtes die Ankündigung eines Gerichtsverfahrens, das am Donnerstag, 28. August, vor dem Hanauer Gericht beginnt. Diese Pressemitteilung ist – redaktionell überarbeitet – auch in dieser Publikation erschienen. Wegen eines Sexualdeliktes angeklagt ist ein heute 20-jähriger rumänischer Staatsbürger, der kurz nach der Tat festgenommen werden konnte,
Als Eltern des damals noch minderjährigen Opfers hoffen wir, dass der Täter seine gerechte Strafe erhält. Es verwundert nicht, dass derartige Taten bei den Opfern schwerwiegende Folgen haben, die sich immer wieder bemerkbar machen. Es dauert oft Jahre oder Jahrzehnte, bis diese Traumatisierung verschwindet. Manche Betroffene berichten aber, dass sie ihr gesamtes Leben lang mit dieser Belastung leben müssen.
Der Umgang mit diesen Opfern sollte mit größter Sensibilität und Rücksichtnahme erfolgen. Umso erschreckender ist es, mit welcher Rücksichtslosigkeit die Pressestelle des Landgerichtes nun in der Ankündigung des Gerichtsverfahrens ans Werk geht. Ohne jegliches Einfühlungsvermögen werden intimste Einzelheiten der Tat aus den Vernehmungsprotokollen des noch minderjährigen Opfers in die Öffentlichkeit gebracht.
Das 'Informationsbedürfnis' der Öffentlichkeit wird erbarmungslos über den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Opfer gestellt. Im Gerichtsverfahren haben Minderjährige die Möglichkeit, zu ihrem Schutz Aussagen unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu machen. Dies erscheint jedoch sinnlos, wenn sensible Details aus einem Sexualverbrechen vom Gericht selbst vorab verbreitet werden.
Fragen sollte man sich auch, wem eine solche Berichterstattung dient. Geht es um die schnelle Schlagzeile? Soll damit die perverse Fantasie gewisser Leser bedient werden? Am Ende hilft man nur den Tätern! Wenn man als Opfer befürchten muss, dass jede Aussage öffentlich zur Schau gestellt wird, dann wird man sich überlegen, wann man was aussagt. Der eigentliche Skandal aber ist, dass das Landgericht, welches eigentlich die Täter bestrafen und die Opfer schützen sollte, durch seine Pressestelle die Rechte der Opfer mit Füßen tritt."
Um eine Identifizierung der Prozessbeteiligten zu verhindern, wird in diesem Fall ausnahmsweise auf die Namensnennung verzichtet.
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