Bahnausbau in Gelnhausen: Fragen und Sorgen einiger Bürger aus Haitz

Leserbriefe

Zum Ausbau der Bahnstrecke Gelnhausen – Fulda und ihre Auswirkungen für den Stadtteil Haitz (Brücke/Bahnübergang) äußern sich einige besorgte Bürgermeister aus dem Gelnhäuser Stadtteil Haitz in einem Offenen Brief an die Fraktionsvorsitzenden in der Stadtverordnetenversammlung Gelnhausen.

Messe Wächtersbach

"Sehr geehrte Fraktionsvorsitzende in der Stadtverordnetenversammlung,

wir sind eine Gruppe von Bürgern aus dem Gelnhäuser Stadtteil Haitz, die als Eigentümer von Hausgrundstücken in der Birsteiner Straße und Gartengrundstücken „Auf den Gemeindeländern“ von den Planungen der Deutschen Bahn AG (DB InfraGO AG) und der Stadt Gelnhausen im Rahmen des Projekts der Neubaustrecke Gelnhausen – Fulda (viergleisiger Ausbau) erheblich betroffen werden. Gegenstand dieses Briefes sind besorgniserregende Informationen, die wir zu den damit verbundenen Planungen einer neuen, die Gleise überquerenden Straßenbrücke in Haitz erfahren haben.

Wir haben die zugrundeliegenden Erkenntnisse nach besten Wissen und Gewissen zusammengetragen. Soweit die im Folgenden dargestellten Angaben unzutreffend sind, beruht dies maßgeblich auf einer fehlenden oder unvollständigen Informationspolitik der Stadt Gelnhausen, insbesondere von Herrn Bürgermeister Christian Litzinger und dem Magistrat, gegenüber den Bürgern in Haitz. Die Strategie einer Geheimpolitik, die die Haitzer Bevölkerung am Ende vor (scheinbar) vollendete Tatsache stellen soll, sollte aufgegeben werden. Deshalb suchen wir das Gespräch mit Ihnen.

Derzeitige Planungsvariante und Einwände

Am 3. Januar 2024 ist in einer nichtöffentlichen Sitzung (Geheimsitzung) des Bürgermeisters, des Bau- und Umweltausschusses der Stadt Gelnhausen und der Ortsbeiräte aus Haitz und Höchst erstmals über eine neue Straßenbrücke am Bahnhof Haitz-Höchst informiert worden.[1] Herr Bürgermeister Litzinger teilte den Ortsbeiräten mit, dass die Inhalte der Sitzung nicht öffentlich gemacht werden sollten.

Von Herrn Bürgermeister Litzinger, dem Magistrat und der Verwaltung der Stadt Gelnhausen sind die Bewohner des Stadtteils Haitz jedoch bis heute nicht informiert worden. Daran hat sich bis heute – abgesehen von einer äußerst knappen, alle relevanten Fragen nicht beantwortenden Mitteilung des Pressesprechers der Stadt Gelnhausen (der zugleich Vorsitzender der CDU-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung ist) vom 4. September 2025[2] – nichts geändert. An der Informationspolitik scheint sich im Übrigen bislang nichts zu ändern.[3]

Gleichwohl haben wir erfahren, dass die von der Spitze der Stadt „hinter verschlossenen Türen“ erarbeitete und nun favorisierte, jedenfalls aber nicht verhinderte und hingenommene Variante – über die die Bürger bislang weder informiert noch um ihre Meinung gefragt worden sind – den größtmöglichen Eingriff darstellt. So wird derzeit geplant, eine bis zu 20 Meter hohe (mit Schallschutzwand bis zu 23 Meter hohe) zweispurige Straßenbrücke– und Fuß- und Radweg (?) – über die dann viergleisige Bahnstrecke und einen Wirtschaftsweg zu bauen. Im Vergleich mit der Bestandssituation kommt hinzu, dass das Gleisbett und der Bahnsteig voraussichtlich um mindestens einen Meter angehoben werden sollen, was ebenfalls zu einem höheren Brückenneubau beiträgt. Dabei ist eine weitere Erhöhung der ICE-Strecke durch den erforderlichen Rampenbau von Gelnhausen bis Neu-Wirtheim (ca. 25 Meter Höhendifferenz) noch nicht einmal berücksichtigt.

Die für die Brücke erforderliche, bis zu 500 Meter lange Straßen-/Brückenrampe soll nicht auf geradem, kürzestem Weg von Haitz nach Höchst führen (so noch die Bestandsbrücke), sondern stattdessen weitgehend parallel zwischen der Birsteiner Straße und der Bahnstrecke verlaufen. Die Brücke soll mithin direkt durch die Gartengrundstücke „Auf den Gemeindeländern“ führen. Durch den Rampenbau droht die Enteignung und Bebauung von bis zu 60 Gartengrundstücken. Weder die Eigentümer der Gartengrundstücke noch die anliegenden Eigentümer von Hausgrundstücken in der Birsteiner Straße sind bisher über die Planungen informiert worden.

Dabei wird darauf hingewiesen, dass dem Ortsbeirat weder im Rahmen der nichtöffentlichen Sitzung am 3. Januar 2024 noch in der Folge konkrete Zeichnungen und Planungen übergeben worden sind. Dies führt im Resultat zu unterschiedlichen Vorstellungen oder Auslegungen über den Brückenverlauf – eine transparente Kommunikation der Stadt Gelnhausen gerade auch mit der Öffentlichkeit könnte hier Abhilfe schaffen. Der Ortsbeirat hat den drei ursprünglichen Varianten nur mit dem Verständnis zugestimmt, dass die Brückenführung mit anschließender Straßenführung parallel zur Bahnlinie im unbebauten Auegebiet erfolgt, also fernab des Ortskerns von Haitz erfolgt.[4]

Die individuell gestalteten Gartengrundstücke „Auf den Gemeindeländern“ stellen ein wertvolles Naherholungsgebiet dar, das sich durch seine ökologisch vielfältige Nutzung für den Obst- und Gartenbau auszeichnet und auch zwei Bienenvölker und weiteren Arten ein ideales Umfeld bietet. Darüber hinaus werden die Wege der „Gemeindeländer“ auch durch Fußgänger, Wanderer (Jakobsweg Fulda – Mainz – Trier/Speyer) und Radfahrer gern genutzt. Auch auswärtige Wander- und Radfahrvereine finden immer wieder zu diesen Wegen. Für uns ist schwer vorstellbar, wie dies zugunsten einer riesigen, grauen Betonrampe aufgegeben werden soll. Es ist kaum einzusehen, wie diese Planungsvariante ökologisch besser sein kann als andere Planungsvarianten.

Die von einer solchen Rampen- und Brückenkonstruktion verursachten Lärm- und Feinstaubimmissionen wären erheblich, insbesondere für die Bewohner der Birsteiner Straße (Landesstraße L 3201), die zwischen einer Landesstraße, der Bahnstrecke und der Brücke noch enger als bislang schon eingeschlossen würden. Auch der optische Eindruck einer solchen „Monsterbrücke“ darf nicht vernachlässigt werden. Der Abstand der Brückenrampe zu den Häusern könnte an einigen Stellen zudem weniger als 30 Meter betragen. Diese Planungsvariante ist für uns daher als in gravierendem Maß betroffene Bürger untragbar.

Haitz wird durch die Neubaustrecke Gelnhausen – Fulda ohnehin schon erheblich belastet werden. Dies gilt sowohl für die bevorstehende mehrjährige Bauphase als auch den in den kommenden Jahrzehnten durchzuführenden Zugbetrieb am Tag und in der Nacht. Die Verdoppelung des Personenzugverkehrs und die größeren logistischen Spielräume für den Nachtbetrieb – einschließlich Güterzugverkehr – sind realistische Szenarien.

Während in anderen Gemeinden neue Straßen als Umgehungsstraßen geplant werden und dadurch die Ortskerne und die engste Bebauung verschonen sollen, würde mit dem Brückenneubau und der Zuführung hier eine zweite Hauptstraße neben der bestehenden Birsteiner Straße entstehen, ohne dass dies angesichts zahlreicher alternativer Planungsvarianten erforderlich ist.

Dringender Handlungsbedarf

Schon heute besteht dringender Handlungsbedarf für eine alternative Planung der Straßenbrücke, weil mit einer gegenüber früheren Annahmen schnelleren Realisierung zu rechnen ist. Schon im 1. oder 2. Quartal 2026 sollen in einer Sitzung der DB InfraGO AG die finalen Forderungen zur Parlamentarischen Befassung (Deutscher Bundestag) für den Planungsabschnitt 1 (ABS Gelnhausen Wirtheim) vorgestellt werden.[5]

Anfang 2026 soll das Vorplanungsheft für diesen Planungsabschnitt beim Eisenbahn-Bundesamt eingereicht werden.[6]

Die Neubaustrecke Gelnhausen – Fulda ist zudem von wesentlicher Bedeutung für weitere Verkehrsprojekte wie den Deutschlandtakt und das Infrastrukturentwicklungsprogramm Frankfurt RheinMain plus (Bund, Land Hessen, Stadt Frankfurt am Main, Rhein-Main Verkehrsverbund und Deutsche Bahn AG), sodass auch insoweit Interesse an einer Planungsbeschleunigung besteht, dem die Stadt Gelnhausen mit rechtzeitigem und entschlossenem Handeln unter Einbeziehung ihrer Bürger begegnen muss.

Fragen und Forderungen

Wir wenden uns mit unseren Fragen und Forderungen daher an Sie. Wir fordern Sie als Stadtverordnete der Stadt Gelnhausen auf, zu einer für uns alle zufriedenstellenden, ökologischen, wirtschaftlichen und zügigen Planung beizutragen.

1. Wir fordern von der zuständigen Stelle (Stadt Gelnhausen, insbesondere Bürgermeister, Magistrat, Bau- und Umweltausschuss und Verwaltung [Bau- und Stadtplanung]; DB InfraGO AG) einen umgehenden Planungsstopp für die oben genannte Planungsvariante einer Straßenbrücke über den Bahnhof Haitz-Höchst.

2. Wir fordern die Stadt Gelnhausen auf, die Bürger von Haitz in einer öffentlichen Sitzung erstmals amtlich über den derzeitigen Stand der Planungen und die Ausmaße der geplanten Rampen- und Brückenkonstruktion zu informieren. Wie weit sind die Planungen zwischen der DB InfraGO AG und der Stadt Gelnhausen fortgeschritten? Wie lange können Änderungswünsche noch berücksichtigt werden? Bis wann ist mit einem Abschluss der Planungen zu rechnen?

Dabei möchten wir erklärt wissen, wieso nach dem bisher bekundeten Willen der Stadtverwaltung Gelnhausen eine Variante gewählt werden soll, die unmittelbar oder mittelbar sehenden Auges erhebliche Verluste vieler Bürger aus Haitz in Kauf nimmt, sei es durch drohende Enteignungen die nur gegen Entschädigung zulässig sind und Entwertungen von Grundstücken, sei es durch die Auswirkungen von Bau und Betrieb der Straßenbrücke.

Wir fordern den Bürgermeister der Stadt Gelnhausen als Behördenleiter der Stadtverwaltung auf, wie er die Haitzer Bevölkerung, die sich konstruktiv mit ihren Belangen, Ideen und Vorschlägen in die Planungen einbringen will, am Planungsprozess partizipieren lassen will.

3. Wir fordern die Stadtverordnetenversammlung Gelnhausen auf, den Magistrat anzuweisen, unabhängige wissenschaftliche Gutachten zu verschiedenen Planungsvariante in Auftrag zu geben und dabei alle Auswirkungen auf Mensch und Natur sowie die Kosten (Stichwort: Kosten und Dauer von Enteignungsverfahren gegenüber einer zweistelligen Anzahl von grundrechtsberechtigten Grundstückseigentümern) einzubeziehen.

4. Wir fordern, dass insbesondere auch alternative Brückenführungen außerhalb der Ortbebauung – also mindestens 600 Meter westlich oder östlich der Bestandsbrücke – oder alternativen Planungsvarianten wie einer Unterführung unterhalb der Bahnstrecke durch die Gutachter, jedenfalls aber durch die Stadt Gelnhausen und die DB InfraGO AG erwogen werden, wenn kein Gutachten in Auftrag gegeben wird. Für uns sind dabei zahlreiche Varianten außerhalb der Ortsbebauung von Haitz wesentlich besser geeignet, zumal bei diesen an bestehende und für den Verkehr genutzte Wege und Straßen angeknüpft werden kann,

zum Beispiel

  1. Landesstraße L3201 zwischen Haitz und Biebergemünd Neu-Wirtheim – vor Hundeplatz Haitz;
  2. Landesstraße L3201 von Gelnhausen nach Haitz [„alte B40“] – Höhe TC 1987 Haitz e. V.).

Zudem führen diese und weitere Planungsvarianten zu einem geringeren Maß an Eingriffen zulasten von Mensch und Natur. Die derzeitige Planungsvariante ist mithin unverhältnismäßig.

Bei einer Zuführung zur Rampe wie nach der bisherigen Planungsvariante ist zudem mit einem erheblich erhöhten Verkehrsaufkommen an der Straßenkreuzung beim Haitzer Nahversorgungszentraum (insbesondere Mode Flach) zu rechnen, die hierfür in ihrer bisherigen Form nicht ausgelegt ist. Es drohen wesentlich höhere Unfallgefahren für Schulkinder (Bushaltestelle), Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer.

Im Hinblick auf etwaige, floskelhaft wiederholte Gegeneinwände ist darauf hinzuweisen, dass im Zuge der Planungen der Neubaustrecke Gelnhausen – Fulda sowohl in Gelnhausen selbst (Hochwasserrückhaltebecken – „Flutmulde“ mit einer Fläche von mehr als 31.000 Quadratmetern und einem Fassungsvermögen von 36.000 Kubikmetern) als auch in anderen Gemeinden im Main-Kinzig-Kreis und im Landkreis Fulda neue Sicherungsmaßnahmen getroffen werden, die sich für alle Planungsvarianten auch in Gelnhausen positiv auswirken werden (geringere Hochwassergefahr durch Rückhaltebecken Bracht [Salz] und Staumauer Kinzigtalsperre).

5. Weiter fordern wir die Beantwortung der Frage, in welchem Maß sich die Stadt Gelnhausen bisher um die Bundes-, Landes- oder Kreismittel bemüht hat, um schonendere Planungsvarianten realisieren oder die negativen Auswirkungen bisherigen Planungsvarianten abmildern zu können? Was ist für die Zukunft geplant?

6. Schließlich fordern wir Sie als Stadtverordnete auf, dass der Magistrat und der Bürgermeister der Stadt Gelnhausen im Interesse aller Nutzer des Bahnhofs Haitz-Höchst und Passanten (Fußweg von Haitz nach Höchst) auf, über die Möglichkeiten des zukünftigen barrierefreien Zugangs zum Bahnhof Haitz-Höchst bzw. zur Querung zu informieren (Unterführung einschließlich Rampe). Dabei sind auch die Interessen von Familien und Kindern, mobilitätseinschränkten Personen und Radfahrern (Radfernweg R3) zu berücksichtigen.

Wir danken Ihnen im Voraus für ein Eingehen auf unsere Fragen und Forderungen."

Interessengemeinschaft Haitzer Bürger
Rolf Zimmermann
Reiner Knötge
Jörg Hanselmann
Ute Englisch
Otmar Herchenhein
Helmut Flach
Dieter Dreßbach
Peter Steffen
Frank Weigelt
Helmut Weigelt 

[1] Vgl. M. Boll, Haitzer Bahnbrücke wird abgerissen, Gelnhäuser Neue Zeitung v. 05.01.2024, S. 17.

[2] M.-A. Kiwitz, Bahnausbau in Haitz und Höchst, Brückenneubau in Planung, 04.09.2025, https://www.gelnhausen.de/aktuelles/rathaus-und-politik/bahnausbau-brueckenneubau-haitz-und-hoechst/. Zur vorangegangenen Fragen und Kritik siehe auch J. Hanselmann/D. Betz, Offener Brief zum Haltepunkt Haitz/Höchst. Ortsvorsteher Hanselmann und Betz mit dringenden Nachfragen an Bürgermeister Litzinger, 03.09.2025; M. Abel, Wirbel um neue Bahnbrücke in Gelnhausen: Jetzt bezieht der Bürgermeister Stellung, Gelnhäuser Neue Zeitung [Online] v. 04.09.2025; M. Abel, Angst vor neuer „Monsterbrücke“, Gelnhäuser Neue Zeitung v. 05.09.2025.

[3] So räumt M.-A. Kiwitz, Bahnausbau in Haitz und Höchst, Brückenneubau in Planung, 04.09.2025, https://www.gelnhausen.de/aktuelles/rathaus-und-politik/bahnausbau-brueckenneubau-haitz-und-hoechst/, implizit ein, dass ein Gespräch mit den Bürgern bislang nicht gesucht worden ist („nicht-öffentliche Sitzung“, „Ortsbeiräte“, „Gremien“).

[4] Die aktuelle Planungsvariante wird auch von den Ortsbeiräten von Haitz und Höchst abgelehnt. Vgl. dazu auch M.-A. Kiwitz, Bahnausbau in Haitz und Höchst, Brückenneubau in Planung, 04.09.2025, https://www.gelnhausen.de/aktuelles/rathaus-und-politik/bahnausbau-brueckenneubau-haitz-und-hoechst/: „Der von der DBInfraGO vorgelegte Plan fand jüngst bei den Vertreterinnen und Vertretern der Ortsbeiräte in einer weiteren Gesprächsrunde keine mehrheitliche Zustimmung.“

[5] Siehe dazu DB InfraGo AG, 25. Sitzung Dialogforum Hanau – Fulda, 27.08.2025, S. 42.

[6] BT-Drs. 20/15110, S. 44 f.

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