Störfaktoren im Stadtbild gibt es – aber sie heißen Müll, Barrieren und Leerstand

Leserbriefe

Zur jüngsten Äußerung von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) äußert sich VORSPRUNG-Leser Max Tischberger von den Hanauer Jusos in seinem Leserbrief.

Thermo Sun

"Friedrich Merz sagte am Dienstag in Brandenburg, man habe zwar die Zahl der Asylanträge deutlich reduziert, 'aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen'. Eine Aussage, mit der er Migration erneut mit einem vermeintlich negativen Stadtbild verknüpfte.

Diese Worte zeigen einmal mehr, dass Friedrich Merz im Herzen weiterhin Oppositionsführer ist – und sich für das Amt des Bundeskanzlers schlichtweg nicht eignet. Statt innezuhalten und nachzudenken, bevor er zu einem so sensiblen Thema wie der Migration spricht, redet er lieber drauflos – offenbar ohne sich der möglichen gesellschaftlichen Folgen bewusst zu sein. Einige in unserem Land möchten diese Tatsache zwar verdrängen, doch Fakt ist: Menschen mit Migrationsgeschichte haben unser Land mit aufgebaut, halten es bis heute mit am Laufen und gehören selbstverständlich zu unserer Gesellschaft. Die ersten sogenannten „Gastarbeiter“ kamen ab 1955 nach Deutschland, nachdem das erste Anwerbeabkommen mit Italien geschlossen wurde. Es folgten weitere Abkommen beispielsweise mit Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien.

Diese Menschen haben Großes geleistet, viele von ihnen besitzen heute die deutsche Staatsangehörigkeit und haben Kinder und Enkelkinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Während die „Gastarbeiter“ damals körperlich harte Arbeit verrichteten, sind ihre Kinder und Enkel heute anerkannte und wertvolle Fachkräfte. Menschen mit Migrationsgeschichte sind für uns Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, engagierte Ehrenamtliche und geschätzte Nachbarinnen und Nachbarn. Was sie nicht verdient haben, ist ein Bundeskanzler, der immer wieder auf sie einschlägt – statt ihnen zu danken, sie zu schützen und ihnen zu zeigen, dass sie ein selbstverständlicher Teil unseres Landes sind.

Ein Blick auf das Gesundheitssystem verdeutlicht, wie wichtig Menschen mit Einwanderungsgeschichte für Deutschland sind: „Laut Mikrozensus 2019 haben 940.000 der 4,2 Millionen Erwerbstätigen im Gesundheitswesen eine eigene oder familiäre Einwanderungsgeschichte (22,5 Prozent). In der Ärzteschaft ist der Anteil überdurchschnittlich: Mit 27,3 Prozent hat mehr als ein Viertel einen Migrationshintergrund. 130.000 der 410.000 berufstätigen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland sind entweder selbst eingewandert oder direkte Nachfahren von Einwanderern“, schreibt zum Beispiel das Deutsche Ärzteblatt in der Ausgabe 20/2022 (https://www.aerzteblatt.de/archiv/integration-und-migration-unverzichtbare-einwanderung-c8eb19e9-392a-49f0-b3c9-2eab279ce4df).

Wenn man sich diese Beispiele vor Augen führt, dann kommt man mit gesundem Menschenverstand zum Schluss, dass Menschen mit Migrationshintergrund keine Störfaktoren im Stadtbild sind. Störfaktoren im Stadtbild gibt es – aber sie heißen Müll, Barrieren und Leerstand!

Herr Bundeskanzler, sie sollten sich dringend bei all denjenigen entschuldigen, die Sie am vergangenen Dienstag tief verletzt haben. Und sie sollten endlich die wichtigen Themen in der Regierung anpacken – zum Beispiel echte Störfaktoren im Stadtbild – statt auf Menschen herumzutrampeln, die Ihnen und uns nichts getan haben!"

Max Tischberger
Hanau 

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