„Kann ein Mörder unser Freund sein?“

Literatur
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Nach moderiertem Gespräch, Lese-Show mit Musik, bebilderten Vorträgen und der „Ausrufung des Kalifats“ gibt es am Ende der Literaturreihe „Bad Orb er-lesen“, veranstaltet von der Wächtersbacher Altstadt-Buchhandlung Dichtung & Wahrheit in Kooperation mit der Bad Orb Kur GmbH, noch einmal ein ganz anderes Setting.

Für das handverlesene und am Ende eifrig mitdiskutierende Publikum wird am Tisch eine Art Lounge aufgebaut, die die Distanz zwischen Bühne und Publikum wegwischt und den direkten Kontakt zwischen dem speziell für diese Lesung aus München angereisten Autor Christoph Poschenrieder und seinem Publikum ermöglicht. „Ein Leben lang“ heißt der neueste Roman des Schriftstellers, über den Kristian Thees vom SWR Baden-Baden so trefflich sagte: »Der hat so einen Spaß am Formulieren, dieser Christoph Poschenrieder – einer der besten deutschen Schriftsteller zurzeit.« 

Und er hat sich für eine ganz besondere Art der Textaufbereitung entschieden: „Es gibt hier keinen allwissenden Erzähler, sondern hier erzählen die fünf Freunde des verurteilten Mörders rückblickend, wie sie sich erinnern. An ihren Freund, aber auch an den Prozess. Natürlich haben sie schon einiges vergessen. Und sie haben unterschiedliche Erinnerungen an den Prozess.“ Befragt werden sie nach etlichen Jahren von einer Journalistin. Getrennt. Und sie erfahren auch nur über die Rückfragen dieser Journalistin, was die anderen Freunde im Rückblick sagen. Auch der Gefangene selbst bekommt eine Stimme: „Es ist so, als könnte er mitlesen, was die fünf Freunde und sein Anwalt schreiben. Das ist streng genommen gar nicht möglich. Bei Literatur ist das aber so – eine verrückte Sache“, wie der Autor schmunzelnd erläutert. Der Prozess – ihn gab es wirklich: Die Grundlage für den Roman bildet der sogenannte „Parkhausmord“ von München in den Nuller-Jahren.

Der Roman, der die Lesenden durch diese sehr besondere Spielerei des Schriftstellerischen sehr schnell in seinen Bann zieht, stellt – ohne dies explizit auszuführen – die Frage danach, was Freundschaft aushält, was sie aushalten kann, was sie aushalten muss. „Bei den Recherchen habe ich ein interessantes Buch entdeckt: Die Einführung in die Kriminalistik für die Strafrechtspraxis“, erklärt Poschenrieder. Die Beschreibung des Prozessablaufs mache einen großen Teil des Buches aus, „und die Welt der Juristerei hat so ihre Rituale. Mit dem gesunden Menschenverstand kommt man da oft nicht so besonders weit.“ Der Anwalt des Angeklagten im Roman jedenfalls verfolgte in seinem Vorgehen die Maxime: „Reden bedeutet den Strick, Schweigen das Törchen zur Freiheit.“ Was in diesem Fall nicht zum Vorteil des Angeklagten ausging. „Kann ein Mörder unser Freund sein und bleiben?“ Mit dieser Frage beschäftigen sich die Protagonisten im Buch, aber auch die Lesenden durchweg.

Die Themenwahl Poschenrieders kam durch seine Familie zustande: Seine Frau ist Dokumentarfilmerin und hat einen Film über die Freunde des Täters im Parkhausmord in München gedreht, der auf youtube zu sehen ist. „Das ist doch ein Romanstoff, dachte ich damals. Schriftlich auszuleuchten, wer wen beeinflusst. Sagt man etwas? Oder hält man lieber die Klappe, wenn man in der Gruppe bleiben will?“ Mit dem realen Fall jedenfalls habe sein Roman keine weiteren Überschneidungspunkte. Selbst der Original-Freundeskreis war beim realen Geschehen größer als die fünf Personen im Buch – „aber ich kann nicht mit mehr als fünf Leuten auf diese Weise agieren.“ Häufig werde er nach seiner Einschätzung zu dem damaligen Urteil gefragt. „Ob der Täter unschuldig war oder nicht, kann ich nicht sagen. Die Urteilsbegründung hört sich ganz überzeugend an“, so Poschenrieder.

Viel Interesse gibt es im Publikum an dem Titel „Ein Leben lang“: Während dieser für die einen bedeutet, dass das Urteil „Lebenslänglich“ lautet, heißt es für andere, dass Freundschaft ein Leben lang währt. Für wieder andere: „Selbst, wenn Du entlassen wirst: Du wirst das nicht mehr los.“ Auch wird in dem Text ein „Plädoyer gegen die Todesstrafe“ gesehen. Dass er weder mit dem realen Freundeskreis noch mit dem tatsächlichen Mörder gesprochen hat, sieht der frühere Journalist nicht als Manko: „Es ist mein Vergnügen. Sonst wäre es ein Journalistentext geworden. Wenn Du mit den echten Personen redest, macht das die Imagination kaputt.“

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