Eine umweltmedizinische fachliche Stellungnahme belegt demnach die Unvereinbarkeit von Windkraft und Kurwald am Horstberg. Aus einem zweiten Gutachten zur Ermittlung des Markt- und Verkehrswertes des Waldgebietes am Horstberg soll hervorgehen, dass die Stadt Bad Orb für mindestens zehn Jahre keinerlei Einnahmen aus dem Windpark zu erwarten hat.
GUTACHTEN I: WINDKRAFT UND KURWALD UNVEREINBAR
Bürgermeister Tobias Weisbecker (CDU) betont, dass die Stadt und alle öffentlichen Gremien unverändert eine Vereinbarkeit am Standort Horstberg ausschließen – und stützt sich dabei auf eine umweltmedizinische fachliche Stellungnahme: "Das Gutachten belegt die Unvereinbarkeit eines Windparks in unmittelbarer Nähe zu einem zertifizierten Kur- und Heilwald – Hauptgrund dafür ist die Lärmbelastung, die die medizinisch-therapeutische Nutzung ausschließt. Der empfohlene maximale Geräuschpegel liegt bei 35 dB(A) (entspricht leisem Flüstern oder dem Rascheln von Blättern) in Ruhezonen und bei höchstens 40 dB(A) (entspricht einem leisen Gespräch) in Aktivbereichen. Dauerhafte Störungen durch technische Anlagen – etwa durch Verkehrswege, industrielle Infrastruktur oder Windenergieanlagen – sind mit diesen Anforderungen nicht vereinbar. Was stimmt: Wir sind nicht generell gegen Windkraft. Ganz im Gegenteil – mit dem Hydro Park treiben wir die Energiewende mit progressiver Wasserstofftechnologie voran. Einen Kompromiss am Horstberg kann es aber nicht geben, das Gutachten belegt das. Und das ist nach wie vor die Position der Stadt Bad Orb und aller öffentlicher Gremien.“
Kur- und Heilwälder würden nicht allein der Naherholung dienen – sie seien Bestandteil strukturierter Gesundheitsprogramme für vulnerable Gruppen wie chronisch Erkrankte, Rehabilitanden und ältere Menschen: "Laut Gutachten erfüllen die Flächen am Horstberg die erforderlichen Kriterien für einen wissenschaftlich fundierten Kur- und Heilwald in vollem Umfang. Sie stellen somit eine medizinisch-ökologisch hochwertige Ressource dar, die für eine therapeutische Nutzung im Sinne der Gesundheitsprävention und -rehabilitation geeignet ist. Erst bei einem Abstand von 2.000 Metern sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Lärmemission die Grenzwerte übersteigt."
GUTACHTEN II: KEINE EINNAHMEN FÜR BAD ORB BIS 2040
Ein weiteres Gutachten zweier öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger zur Ermittlung des Markt- und Verkehrswertes des Waldgebietes am Horstberg (Windvorranggebiet 2-304) schlüsselt laut Pressemitteilung detailliert die zu erwartenden produzierten Strommengen, die daraus resultierende Vergütung der Stromeinspeisung sowie die zu erwartende Umsatzpacht für den Grundeigentümer HessenForst auf: "Aus der Kalkulation des zu erwartenden Jahresumsatzes von ca. 12,3 Millionen Euro jährlich für den Windenergiekonzern Örsted ergibt sich nach Abzug der jährlichen Umsatzpacht von ca. 4,3 Millionen Euro, die an HessenForst fließt und angesichts des Gesamtinvestitionsvolumen von ca. 78,8 Millionen Euro die Einschätzung der Sachverständigen, dass der gesamte Projektwert auf eine 'schwarze Null' hinausläuft. Daraus folgt, dass für die Stadt Bad Orb auf lange Sicht kaum oder keine Einnahmen durch Gewerbesteuer zu erwarten sind, weil für Örsted kein nennenswerter Gewinn aus dem Projekt am Horstberg absehbar ist. Immer wieder wird das Argument angeführt, der Windpark am Horstberg beschere Bad Orb einen Geldsegen in Millionenhöhe. Das sind letztlich Fake News. Aus dem Gutachten geht klar hervor, dass die Stadt auf viele Jahre keinerlei und nach 10 Jahren eventuell geringe Einnahmen zu erwarten hat. Das Gegenteil ist also der Fall: Der Windpark gefährdet unser Kur-Kapital und damit unsere wirtschaftliche Zukunft. Obwohl die Faktenlage klar die Unvereinbarkeit zeigt: Wir sind nach wie vor bereit, uns mit Örsted an einen Tisch zu setzen und in einem gemeinsamen Gespräch zu erörtern, unter welchen Voraussetzungen eine einvernehmliche Lösung gefunden werden kann“, betont Bürgermeister Tobias Weisbecker.
ORBER SOLLEN BESTIMMEN: HENNING STRAUSS BEFÜRWORTET BÜRGERENTSCHEID
Ehrenbürger Henning Strauss unterstützt die Stadt Bad Orb bei der Wahrung des Kur-Kapitals Wald – und engagiert sich seit Jahren mit der Standortinitiative ALEA für die Neupositionierung der Kurstadt und der Stärkung des Markenkerns Kur. In einem von seinem Unternehmen veröffentlichen Interview spricht er über neue Entscheidungsgrundlagen aufgrund zweier Gutachten, „Nimbyismus“ – und die Möglichkeit eines Bürgerentscheides für Bad Orb.
Bad Orb arbeitet an der Zertifizierung eines Kur- und Heilwaldes am Horstberg. Nun bilden zwei Gutachten eine neue Entscheidungsgrundlage – warum ist der Kurwald die sinnvollste Lösung für Bad Orb?
Strauss: "Forsa-Umfragen, Petitionen, Gegenwind, offene Briefe: Am Horst scheiden sich die Geister. Nun schaffen neue Erkenntnisse eine neue Grundlage zur Bewertung der Situation. Erstens: Windkraft und Kurwald am Horstberg sind nicht miteinander vereinbar, wie es von Seiten des Energiekonzerns suggeriert wird. Zweitens hat die Stadt Bad Orb – wie vielfach unwahr behauptet wird – für mindestens zehn Jahre keinen Cent Gewerbesteuer zu erwarten. Für mich heißt das: Nur ein Projekt kann realisiert werden. Und es sollte das Projekt gewinnen, von dem Bad Orb auf lange Sicht mehr profitiert. Das kann nur der Kur- und Heilwald sein."
Ihnen wurde Nimbyismus (Not In My Backyard – „Nicht in meinem Hinterhof“) vorgeworfen. Wieso braucht Bad Orb keine Windräder in seinem Hinterhof?
Strauss: "Wenn im Frontyard schon Windräder stehen, darf der Backyard gerne freibleiben. Halb Bad Orb blickt auf den Windpark Vierfichten, weitere Windräder in Blickweite befinden sich im Bau. Im Kurpark würden wir keine Windräder bauen – warum dann im Kurwald?"
Energiekonzern Örsted beruft sich auf einen lupenreinen demokratischen Vorgang bei der Vergabe der Windvorrangfläche. Wie lässt sich der Konflikt mit Örsted auflösen?
Strauss: "Es gab im Frühjahr ein Gespräch zwischen der Stadt und Örsted im Ministerium in Wiesbaden. In der Folge haben wir auf Wunsch des Ministers die Gutachten erstellen lassen. Ich habe mich bereit erklärt, die Kosten hierfür zu übernehmen. Jetzt warten wir auf das versprochene Folgegespräch. Parallel dazu habe ich mich in einem Brief an die Örsted-Zentrale in Dänemark gewendet, um eine wirtschaftliche Einigung möglich zu machen – dieser blieb unbeantwortet."
Landrat Thorsten Stolz (SPD) forderte Anfang des Jahres eine direkte Bürgerbeteiligung in der Causa Horstberg. Warum braucht Bad Orb den Bürgerentscheid?
Strauss: "Ich schließe mich Herrn Stolz an – die Orber sollen selber über die Zukunft Bad Orbs entscheiden. Mir ist klar, dass es formaljuristisch keine Grundlage für einen Bürgerentscheid gibt – unsere städtischen Gremien sprechen sich ja interessanterweise bereits einstimmig für den Kurwald am Horstberg aus. Mir geht es mehr um eine Grundhaltung, die übrigens im Koalitionsvertrag der Hessischen Landesregierung festgehalten ist: Kommunen müssen bei Windkraftprojekten mitbestimmen dürfen, was auf ihrem Gebiet geschieht. Nur so stärken wir unsere demokratische Grundordnung, die mehr denn je Schutz vor den Rändern braucht. Denn der nächste Bürgerentscheid kommt bestimmt. Die politischen Verantwortlichen sind sich bewusst, dass ihr gemeinsames Handeln spätestens im März 2026 neu von den Bürgern bewertet wird."
Werden alle Register für Kurwald ziehen
ALEA-Initiator und Investor Henning Strauss engagiert sich seit Jahren für die Stärkung des Standortes und dessen Markenkern Kur. Zentral für das kurmedizinische Zukunftskonzept Bad Orbs sei neben der Sole der Wald. Das waldtherapeutische Gesamtkonzept CURA SILVA mit einem Kur- und Heilwald soll Bad Orb perspektivisch ein zusätzliches natürliches Heilmittel erschließen. Über das Heilmittel hinaus will die CURA SILVA-Initiative Bad Orb als neues internationales Zentrum für Waldtherapie und Kurortwissenschaften etablieren: "Der Waldreichtum des Spessarts und die zentrale Lage in Europa prädestinieren die Stadt dafür. Der Kampf Bad Orbs um das Kur-Kapital Orbwald ist deshalb von zentraler Wichtigkeit. „Ein Investment macht nur ohne den Windpark Sinn. Eine kleine Lösung an anderer Stelle ist weder topographisch noch aus forstlicher Sicht denkbar. Der Wichtigkeit des Waldes für Bad Orb kann nicht hoch genug eingeschätzt werden“, sagt Henning Strauss. Die Verantwortlichen signalisieren ihre Bereitschaft, juristisch und politisch alle Register zu ziehen, um den Wald als Kur-Kapital zu erhalten", heißt es weiter in der Pressemitteilung.
Zudem wirbt Henning Strauss gemeinsam mit der Stadt um neue Investoren, die die aus seiner Sicht so dringend benötigten Hotelkapazitäten schaffen könnten. In allen Gesprächen mit möglichen Geldgebern sei der Wald wesentlicher Bestandteil: "Die Standortinitiative ALEA unterstützt diese Neupositionierung Bad Orbs als Destination mit zahlreichen Infrastrukturprojekten in den Bereichen Medizin, Bildung, Sport und Beherbergung. Kürzlich wurde die internationale Schule ALEA SCHOOL feierlich eröffnet, das Badehaus BALNOVA mit Diagnostik- und Physiotherapiezentrum wird Anfang 2026 fertiggestellt, der ALEA PARK bereichert seit 2024 die grün-blaue Infrastruktur Bad Orbs – der CURA SILVA Kur- und Heilwald ist ein weiterer wichtiger Baustein für die Zukunft des Kurstandortes."
Bad Orb bekomme eine Chance zur Wahrung seiner kommunalen Interessen in Sachen Wald und Windkraft: Derzeit befindet sich der Regionalplan Südhessen im Verfahren der Neuaufstellung – an diesem Prozess kann die Kommune aktiv mitwirken und Vorschläge für die neue Raumordnung machen, die etwa die Nutzung von Waldflächen regelt. Bis dieser Plan rechtskräftig wird, behält der aktuell geltende Regionalplan Südhessen aus dem Jahr 2010 seine Gültigkeit. Die Verantwortlichen Bad Orbs werden Vorschläge einreichen, die die Ausweisung des Horstbergs als Windvorranggebiet zugunsten der Nutzung des Waldes als natürliches Heilmittel aufhebt. Die Ausweisung alternativer Flächen zur Energiegewinnung ist denkbar. Die Neuaufstellung des Regionalplans gibt uns die Möglichkeit, die Fehlplanungen der Vergangenheit zu korrigieren. Bad Orb wird hier sein berechtigtes Interesse am Erhalt des natürlichen Heilmittels Wald geltend machen. Der Wald am Horstberg darf im neuen Regionalplan kein Windvorranggebiet mehr sein,“ sagt Bürgermeister Tobias Weisbecker. Die Verantwortlichen der Stadt würden sich im kontinuierlichen Austausch mit den politischen Entscheidungsträgern in Wiesbaden befinden. Einem Gespräch im Ministerium Anfang des Jahres soll zeitnah ein weiteres folgen, um weiter konstruktiv an einer Lösung zu arbeiten.
"Im Rahmen der ersten Offenlage vom 29. September 2025 bis zum 28. November 2025 werden alle Träger öffentlicher Belange beteiligt und erhalten die Möglichkeit, zu der Planung Stellung zu nehmen. Auch Bürgerinnen und Bürger können dann ihre Anregungen für die künftige Entwicklung der Region Südhessen mitteilen. Die Anregungen können über verschiedene Medien – insbesondere auch über ein Beteiligungsportal online – abgegeben werden. Einen anderen Ansatz stellt auch die Neufassung des Hessischen Landeswaldgesetzes dar. Eine entsprechende Novellierung, die die zertifizierten Kur- und Heilwälder in den staatlich anerkannten Heilbädern per Gesetz sichern, wie es in einigen Ländern bereits praktiziert wird, würde Bad Orb bei der Wahrung seiner Interessen als Kurort helfen", heißt es weiter in der Pressemitteilung abschließend.
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