Nicht mehr allein mit der Angst

Birstein
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In der Schule war Johannes Scherer nach eigener Aussage oft allein mit seiner Angst, die er, wie er heute weiß, hauptsächlich seiner Mutter zu verdanken hatte.

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In ihrem Bemühen, den Jungen in Watte zu packen, hatte sie ihn zu übermäßiger Vorsicht erzogen. Wenn Scherer heute in die Runde schaut, fallen ihm jedoch immer mehr Leidensgenossen auf, die Angst vor überhöhten Steuern, ihren Kindern oder den Unbilden des Klimawandels haben. Auf Einladung der Wilden Kultur Birstein war deshalb Johannes Scherer auf Sightseeingtour nach „Keinangsthasen“ zu einer Stippvisite nach Birstein gekommen.

Im Bürgerzentrum freute sich die Vorsitzende Angelika Roskoni, viele Wiederholungstäter aber auch zahlreiche neue Besucher zum Jahresendkabarett in einem ausverkauften Haus begrüßen zu dürfen. Als Vorschau auf das kommende Jahr wies sie in eigener Sache darauf hin, dass vom 12. bis 16. August 2020 wieder Birsteiner Festspiele stattfinden werden. Immerhin hat sie schon so viel verraten, dass es dabei diesmal mystisch zugehen wird. Garnicht magisch kam Johannes Scherer im abgespeckten Osterhasenkostüm auf die Bühne. Dabei hat er sicher nicht wie die Werbestrategen schon an die nächste Konsumschlacht zum Osterfest gedacht, sondern vielmehr sein neues Programm „Keinangsthasen“ auch optisch untermalen wollen.

Den reiferen Zuhörern im Publikum hat er sicher mit dem Stichwort „früher war alles besser“, aus der Seele gesprochen, zum Beispiel war der Wechsel auf der Brücke des „Traumschiffs“ schon ein echter Aufreger und eigentlich ein Unding. Und auch das „Sanostol“, das im Reformhaus neben „Rotbäckchen“ stand, war damals wirksamer als jedes heute noch so sehr angepriesene Stärkungsmittel für Kinder, schließlich hatte doch ein Kinderchor in der Werbung ein entsprechendes Loblied auf das Produkt gesungen. Dem Urinstinkt folgend, was man auch wie „Urin stinkt“ schreiben könnte, war bei dem jungen Scherer immer die Angst im Hintergrund. Inbrünstig wurde der Winnetou verehrt, der die Furchtlosigkeit verkörperte und damals noch ein waschechter Franzose war. Bei der RTL-Neuverfilmung ist das heute eine Albaner. So lässt sich die Globalisierung einem breiten Publikum besser erklären. Auch ist der albanische Winnetou vergleichsweise unauffällig, da die meisten Zuschauer nach ungefähr 20 Werbepausen sowieso nicht mehr wissen, worin es in dem Film geht. War die Trennung von dem gefühlt unsterblichen französischen Winnetou schon schwer genug, so kann sich Scherer jedoch nicht damit anfreunden, wenn eine italienische Pizza von einem Inder gebracht wird. Dabei ist es ihm ganz egal, wie weit der Weg war, den der von zu Hause bis zur Wohnung des Kunden zurückgelegt hat. Bei der Pizza-Herstellung hat er im Geiste immer einen waschechten Südländer mit Brust-Flokati vor Augen; ein Inder kann da schon optisch nicht mithalten. Scherer outete sich ganz entschieden als Lieferdienst-Fetischist, denn wenn er zum Beispiel eine indische Spezialität beim Lieferservice bestellt, dann geht er davon aus, dass die auch von einem Inder zubereitet wurde.

Neben einer gesunden Ernährung hat ihm die Mutter vorgeschrieben, wie er seinen Körper mit der richtigen Kleidung warm halten soll. Von Oktober bis Mai waren lange Unterhosen angesagt, und die Ohren waren, wenn es darauf ankam, mit einer Perücke - als Überbleibsel von der Oma - unter der Kopfbedeckung zu schützen. Damals waren noch richtige Winter, schließlich es gab noch keine Greta Thunberg. Der Hut von dem hier die Rede ist, gehörte zu dem Lieblings-Kostüm von Scherer, das er zum Faschingsumzug trug. Den Cowboy durfte er mimen, wenn er seine Ohren entsprechend schützte. Um von den Ohrenschützern abzulenken, hat er schon lange vor dem Umzug den Gang von John Wayne geübt. Als Kind war er das einzige Angsthäschen; heute hat er den Eindruck, dass die Angsthasen sich rasend vermehrt haben. Dabei nehmen die medizinischen Phänomene, die bei der Berichterstattung der Medien immer stärker in den Vordergrund treten, nicht wirklich die Ängste vor Krankheiten. Vielmehr sorgen Dokumentarfilme, wie zum Beispiel von der Erbse, die im Lungenflügel eines Menschen gekeimt hat, für zusätzliche Ängste und Alpträume. Als Scherer nach dieser Sendung einfiel, dass der zuvor verspeiste Nudelsalat auch Erbsen enthalten hatte, hat sein einer Lungenflügel beim Einatmen gepfiffen. Für den „richtigen“ Doktor in der Hausarztpraxis war dieses Phänomen allerdings Neuland, der hat ihn offenbar auch garnicht ernst genommen. Wie überhaupt nach seinen Erfahrungen in der Zwei-Klassen-Medizin, die es offiziell nicht gibt, große Unterschiede bei der Umsorgung der Patienten gemacht werden. Während im Wartezimmer für Privatpatienten unter anderem ein Billard-Tisch aufgebaut ist, dürfen die Kassenpatienten in Zeitschriften blättern, die ganz aktuell von den ersten Ehejahren der Lady Diana berichten.

In Sachen Ernährung gibt es heute Erkrankungen, die man früher garnicht kannte. In der Sorge etwas Falsches zu essen, verzichten einige Mitmenschen ganz auf Nahrung, die treten dann bei Heidi Klum in der Sendung auf. Trotz der neuen umfassenden Gesetze im Lebensmittelrecht kauft ein Freund von Scherer sein Bauernbrot immer noch, wie althergebracht, beim Bäcker und nicht beim Aldi. Scherer selbst isst gar kein Bauernbrot mehr, seitdem er weiß, dass in der Backware nur noch das enthalten sein darf, was auf der Verpackung steht. So genannten Vital-Produkten steht er kritisch gegenüber, schließlich könnte die letzte Minuten-Terrine sehr leicht zur finalen Mahlzeit werden.

Foto: Johannes Scherer hält nach „Keinangsthasen“ Ausschau. Quelle: Löchl

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