Da staunten die Mitglieder des Museums- und Geschichtsvereins Brachttal e.V. nicht schlecht, als Ulrich Berting und Winfried Schmidt ihren Vereinsmitgliedern eine kleine Sensation präsentierten. Gegenstand der Überraschung war eine originale Waschkommode, die um 1900 im "Wächtersbacher Sägewerk" Neuenschmidten hergestellt wurde und fast vollständig erhalten war. Nicht nur die Holz- sondern auch die Keramikteile, wie Wasserkanne, Kamm- und Seifenschalen befanden sich noch in einem ausgezeichneten Erhaltungszustand.
Ein Ehepaar aus dem Marburger Land, das einen in den 1780er Jahren erbauten Gutshof veräußern wollte und sich so von einem Großteil des Mobiliars trennen musste, hatte sie dem stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Berting angeboten. "Uns ist es wichtig, dass dieses sehr seltene Objekt in gute Hände kommt und somit für die Nachwelt erhalten bleibt. Der Museums- und Geschichtsverein Brachttal ist hierfür genau die richtige Adresse", bemerkte die Besitzerin bei der Abholung der Kommode.
Die über 120 Jahre alte, im Wächtersbacher Sägewerk Neuenschmidten hergestellte, Waschkommode lässt nicht nur die Herzen der Freunde von Wächtersbacher Keramik höher schlagen. Die hohe Handwerkskunst seiner damaligen Hersteller erwies sich auch noch nach über 120 Jahren als praktisch und wirkt heute überraschend nach. Winfried Schmidt konnte nämlich die Waschkommode mühelos und vollständig in ihre Einzelteile zerlegen, die zahlreichen Keramikplatten entfernen und für den sicheren Transport nach Brachttal vorbereiten. So erreichte die Kommode mit ihren äußerst fragilen Keramikeinlagen unversehrt ihren Herstellungsort. Bevor sie der Öffentlichkleit zugänglich gemacht werden wird, sollen Teile davon - allerdings zu einem späteren Zeitpunkt - noch einmal aufgearbeitet werden.
Kleiner Ausflug in die Geschichte der Neuenschmidter Möbelindustrie:
Nach wechselhaften Besitzern hatte die Firma Buderus und Söhne das Neuenschmidter Eisenwerk ("Neuschmieder Hüttenwerck") erworben und es bis zum Jahre 1859 geführt. Am 8. April 1875 erwarb Fürst Ferdinand Maximilian das Gelände mit den Gebäuden und 32 Hektar Land für 51.428 Mark. Fürst Friedrich Wilhelm übernahm das Werk nach dessen Tod. Seit ihrer Gründung im Jahr 1885 nannte sich die neu geschaffene Produktionsstätte hochwertiger Möbel "Wächtersbacher Sägewerk". Zahlreiche MitarbeiterInnen wurden für den Produktionsprozess benötigt. So kamen auch die Eltern des berühmten Keramikdesigners Christian Neureuther (1868 - 1921) von Untersotzbach ins Brachttal. Sein Vater, Johannes Neureuther (1843 - 1914) , hatte dort eine Anstellung als Schreiner gefunden. Die Familie Neureuther bezog zunächst eine der firmeneigenen Wohnungen am Schloss Eisenhammer bis sie schließlich (vermutlich in den 1890er Jahren) in Schlierbach ein eigenes Wohnhaus erbaute.
Ab 1909 verlor das Werk seine Selbstständigkeit und wurde komplett der Wächtersbacher Steingutfabrik, Schlierbach angegliedert. Fortan nannte sich das Werk "Möbelindustrie Neuenschmidten". Alle MitarbeiterInnen des Möbelwerkes erhielten die gleichen Vergünstigungen wie die ihrer Arbeitsgenossen der Steingutfabrik (WSt) in Schlierbach. Bis zu seiner Stilllegung im Jahr 1993 firmierte das Werk unter dem Namen "Fürst Ysenburg GmbH und Co KG".
Die Gründung des Werkes ging auf eine Idee des damaligen Fabrikdirektors der Wächtersbacher Steingutgfabrik Max Roesler (1840 - 1922) zurück. Roesler hatte den Besitzern schon 1885 geraten, die Wasserkraft des Flüsschens Bracht auszunutzen und für die Ansiedlung einer Möbelindustrie zu verwenden. Alle hergestellten Möbel und sonstige Waren sollten eine Verbindung von Holz und Steingut darstellen, eine Kombination, die damals nicht oder nicht mehr bekannt war (In den Niederlanden hatte man derartiges bereits schon früher gekannt). Kücheneinrichtungen und Luxusmöbel (z.B. Waschtische) aller Art wurden dort neben Kinder- und Gebrauchsmöbeln hergestellt. Ein noch erhaltener Werkskatalog dokumentiert die großartige Produktpalette des Werkes. Auch produzierte man Verpackungskisten für den Versand der empfindlichen Produkte der Steingutfabrik in Schlierbach. Andreas Schneeweis (geb. 1853) aus Bad Orb leitete vom 31. August 1885 an das neu gegründete Sägewerk und verwaltete dieses selbstständig bis zu deren Vereinigung mit der WSt im Jahre 1909. Am 17. Juni 1903 erhielt er den Titel "Baurat".
Die jetzt entdeckte Waschkommode ist ein Beleg für die hohe Schreinerkunst der MitarbeiterInnen der Neuenschmidter Möbelindustrie. Sie ermöglicht Einblicke in eine Zeit, als es in den Häusern unserer Region noch keine Wasserleitungen gab und Waschkommoden nur wenigen Menschen vorbehalten waren. Ein solcher "Luxusartikel" ist jetzt wieder an seinen Produktionsort zurück gekehrt. Nach Aufarbeitung/Restaurierung dieses herausragenden Zeitdokuments soll die Waschkommode im Brachttal Museum in Spielberg ausgestellt werden.
Im Brachttal Museum Spielberg werden zur Zeit zwei in Neuenschmidten produzierte Küchen gezeigt. Die Küche "Gerta", der ein eigener Ausstellungsraum gewidmet ist, wurde in den 20er Jahren hergestellt und die in der Museumscafeteria aufgestellte "Küche der Neuzeit" stammt von 1932. Der nächste Öffnungstermin des Brachttal-Museums ist der 4. August 2024 in der Zeit zwischen 14 und 17 Uhr.
Nähere Infos unter www.brachttal-museum.de, bei den Vereinsvorsitzenden Erich Neidhardt (06053-600067) und Ulrich Berting (0178-8281945) oder bei Facebook unter museumsverein brachttal.


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