Erlensee: Judith Köller startet mit 56 Jahren Ausbildung zur Erzieherin

Judith Köller mit Kindern beim Frühstück in der gemütlichen Küche der Ev. KiTa Rückingen.

Erlensee
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Die Erlenseerin Judith Köller hatte sich im Alter von 56 Jahren entschieden, eine Ausbildung zur Erzieherin zu beginnen und arbeitet nun seit einem Jahr als pädagogische Fachkraft in der Ev. KiTa Rückingen. Da sie seit ihrer Konfirmation in der Evangelischen Kirchengemeinde Erlensee aktiv ist, beispielsweise bei der Gestaltung des Kindergottesdienstes, der Mitorganisation und Durchführung des Weltgebetstages oder als Lektorin, wurde Judith Köller schließlich im Jahr 1996 gefragt, ob sie wegen Personalmangels notfallmäßig in der Ev. KiTa Rückingen als Aushilfe einspringen könnte.

Seitdem half Judith Köller regelmäßig in der KiTa aus. In den letzten Jahren war sie dort sogar regulär angestellt, allerdings aufgrund der fehlenden Ausbildung zur Erzieherin immer nur befristet.

Doch das Hessische Kinder- und Jugendhilfegesetz sieht die dauerhafte Beschäftigung von Aushilfen in den KiTas nicht vor. Es setzt bei der Anerkennung als pädagogische Fachkraft einen engen Rahmen, was verwandte Berufe betrifft. Das nach dem Abitur absolvierte Theologiestudium mit den Nebenfächern Pädagogik und Psychologie berechtigte Judith Köller nicht, als Fachkraft in einer KiTa zu arbeiten und so wurde ihr im Jahr 2019 mitgeteilt, dass die Beschäftigung als Aushilfe kein weiteres Mal verlängert werden kann. Die einzige Möglichkeit, weiter in der Ev. KiTa Rückingen zu arbeiten, bestand für sie darin, die sogenannte „praxisintegrierte vergütete Ausbildung (PivA)“ zu absolvieren, ein neuer Ausbildungsgang, der es insbesondere Quereinsteigerinnen und -einsteigern leichter machen soll, noch einmal einen neuen Berufsweg einzuschlagen. Hierbei erhalten die sogenannten „PivAs“ eine Ausbildungsvergütung und verbringen zwei bis drei Tage in der Woche in einer KiTa, an den anderen Tagen gehen sie in die Berufsschule.

So entschied sich Judith Köller, noch einmal die Schulbank zu drücken und beendete die Ausbildung erfolgreich im Januar 2022. In allen KiTas der Stadt Erlensee werden inzwischen mehrere PivAs ausgebildet, mit Erfolg, denn die KiTa-Leitungen schätzen an den Quereinsteigerinnen und -einsteigern insbesondere die Lebenserfahrung, die sie ergänzend zu den fachlichen Impulsen und Ideen, die sie von den Berufsschultagen mit in die KiTa bringen. Die Fachdienstleiterin für Kinderbetreuung Sandra Wunder ist in diesem Zusammenhang des Öfteren in Beratungsgesprächen mit Menschen, die gerne noch einmal einen anderen Berufsweg einschlagen und in einer KiTa arbeiten würden, denen jedoch die fachliche Qualifikation fehlt. Aber je älter die Beratenden sind, desto höher sind die Vorbehalte, noch einmal eine ganze Ausbildung zu absolvieren. Um diese Personengruppe besser beraten zu können, entschied sie sich dazu, Judith Köller über ihre Erfahrungen während der Ausbildung zu befragen.

Judith Köller berichtet: „Ich war in meiner Berufsschulklasse mit Abstand die Älteste, was aber kein Problem war. Da meine Ausbildungszeit jedoch in die Corona-Zeit fiel, habe ich zusätzlich Dinge gelernt, die ich so gar nicht erwartet oder geplant hatte.“ So habe sie wie ihre Mitschülerinnen Flexibilität zeigen müssen und die meiste Berufsschulzeit im Homeschooling verbracht. Dazu musste sie sich sehr viel neue Medienkompetenz aneignen, die ihr jedoch schließlich auch im KiTa-Alltag zu Gute kam. Denn sie war  mit einem zweisprachig aufwachsendem Kind Teil der Studie „Landkarte sprachlicher Bildung und Förderung“, in dessen Rahmen sie sich weitergehend online fortgebildet und mit dem Kind diverse pädagogische Methoden zum Spracherwerb durchgeführt hat. Zum Abschluss konnten sie und das Kind ihre gemeinsame Arbeit in einem Video dokumentieren.

„Früher habe ich eher intuitiv gearbeitet. Durch die Ausbildung und die Studie habe ich viele neue Methoden kennengelernt und eine stärkere innere Haltung zu Lernprozessen entwickeln können. In unserer KiTa gibt das Kind das Thema und das Tempo vor, Partizipation wird ganz großgeschrieben. Das bedeutet, wenn zum Beispiel ein Kind ein Buch von hinten aufschlägt, dann fange ich eben mit dem Kind das Buch von hinten an. Denn es geht beim Spracherwerb nicht darum, einfach nur ein Buch vorzulesen. Wir nennen es Buchbetrachtung und das Ziel ist es, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen, es selbst zum Sprechen zu bringen. Es war erstaunlich, welche Fortschritte das Kind während dieser Zeit gemacht hat.“

Judith Köller hat die Arbeit in der KiTa von Anfang an viel Spaß gemacht, weil sie selbst gerne spielt: „Aber die Arbeit in der KiTa ist viel, viel mehr als einfach nur Spielen. Kinder sind authentisch, wissbegierig und neugierig. Durch diese Begeisterungsfähigkeit bekommt man sehr viel zurück und befindet sich mit den Angeboten, die man den Kindern macht, selbst permanent in einem Lernprozess. Ich bin sehr stolz auf meine Arbeit, denn die KiTa ist meist die erste Institution, die die Kinder mit allen Sinnen außerhalb des Elternhauses auf das Leben, auch die Schule, vorbereitet.“

Da die Ev. KiTa Rückingen mit nur zwei Gruppen eine sehr kleine KiTa ist, sei auch die Zusammenarbeit mit den Eltern sehr eng. „Wir betrachten nicht nur das Kind, sondern die ganze Familie und möchten, dass es Allen gut geht. Wir hören zu und geben, falls notwendig, Erziehungstipps oder Informationen zu Fachberatungsstellen. Aktuell haben wir ein Flüchtlingskind aus der Ukraine aufgenommen. Da helfen wir auch mal ganz unbürokratisch beim Ausfüllen von Behördenformularen.“ Die Frage, ob sich die Ausbildung gelohnt hat, beantwortet Judith Köller mit einem klaren Ja: „Zum einen konnte ich meine Anstellung in der KiTa dauerhaft sichern. Neben den neuen methodischen Impulsen, Themen und Ideen hat die Ausbildung dazu beigetragen, dass ich Prozesse und auch mich selbst ganz anders reflektieren kann. Ich würde sagen, dass ich besser geworden bin und kann jedem, der gerne mit Kindern arbeitet, aber die gesetzlichen Voraussetzungen noch nicht erfüllt, dazu raten, den Weg in die PivA zu gehen.“

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Judith Köller mit Kindern beim Frühstück in der gemütlichen Küche der Ev. KiTa Rückingen.

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Judith Köller mit KiTa-Leitung Miriam Zver, die sehr froh darüber ist, dass Judith Köller weiter mit im Team ist.

Fotos: Stadt Erlensee


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