Die hessenARCHÄOLOGIE hatte am Samstag, 22. November, zum jährlichen Vortragstag der Landesarchäologie nach Erlensee geladen und 384 Archäologieinteressierte folgten der Einladung.

In der vollbesetzten Erlenhalle begrüßte die Erste Stadträtin Birgit Behr in Vertretung von Bürgermeister Stefan Erb das Auditorium und verwies auf die erfolgreichen Ausgrabungen der letzten Jahre im Stadtgebiet, die z. T. herausragende Ergebnisse für die frühe Besiedlungsgeschichte Erlensees erbracht hatten. Anschließend überbrachte MinDirig. Günter Schmitteckert die Grüße der Hessischen Landesregierung und des Hessischen Ministers für Wissenschaft und Kunst Boris Rhein. Für den Main-Kinzig-Kreis hob die Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler in ihrem Grußwort die Verantwortung des Kreises für seine archäologischen Bodendenkmäler hervor, für die der Kreis als einer der wenigen in Hessen mit Claus Bergmann M. A. einen eigens dafür zuständigen Kreisarchäologen beschäftigt.
In seiner Einführung sprach der stv. Landesarchäologe Dr. Udo Recker zunächst seinen herzlichen Dank an die Stadt Erlensee aus, den hessenARCHÄOLOGIE-Tag 2014 auszurichten und die Kosten dafür zu übernehmen. „Nur mit solchen befreundeten Partnern ist es der Landesarchäologie möglich, eine derart große Tagung durchzuführen und damit die Arbeit der hessischen Archäologen einem breiten Publikum, das z. T. weit über die Landesgrenzen hinaus angereist ist, zu vermitteln,“ so Recker.
Anschließend erläuterte der stv. Landesarchäologe einige Aspekte der Arbeit der hessenARCHÄOLOGIE im Jahr 2013, wobei er zunächst den Focus auf die stark gestiegenen Antragsverfahren zur Errichtung von Anlagen zur Gewinnung regenerativer Energien – allen voran Windenergieanlagen – legte: „Die notwendigen Regelwerke in allen drei hessischen Regierungspräsidien befinden sich in unterschiedlichen Stadien der Aufstellung und werden wahrscheinlich auch nicht vor 2015/16 Rechtskraft erlangen und darüber hinaus handhaben die Regierungspräsidien als Genehmigungsbehörden die gesetzlich vorgeschriebene Beteiligung der Denkmalschutzbehörden von Fall zu Fall völlig unterschiedlich. Daher hat die hessenARCHÄOLOGIE als Teil der Denkmalfachbehörde, die Koordination aller übergreifenden raumplanerischen Belange in der Zentralstelle in Wiesbaden gebündelt. Die dabei sehr arbeitsintensive Vorgehensweise ist von besonderer Bedeutung, legt sie doch die Grundlagen für den künftigen Schutz von Bodendenkmälern bei der Ausweisung von Vorranggebieten für Windenergie. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund und der steigenden Beanspruchung der Landschaft – nicht nur durch Anlagen zur Gewinnung regenerativer Energien – waren die historisch gewachsenen Kulturlandschaften und die Bemühungen um ihren Erhalt auch 2013/14 ein wichtiges Beschäftigungsfeld.“
Zunehmend in das Blickfeld der Landesarchäologie rückten im Berichtszeitraum die Neuzeitarchäologie und insbesondere die sog. Archäologie des 20. Jahrhunderts, hierbei vor allem die archäologische Beschäftigung mit Relikten aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. „Was die materiellen Hinterlassenschaften dieser abgeschlossenen Perioden der jüngeren Vergangenheit anbelangt, vertritt die hessenARCHÄOLOGIE in Übereinstimmung mit den archäologischen Fachämtern anderer Bundesländer und auch entsprechenden Institutionen im benachbarten europäischen Ausland die Position, dass diese zwar nicht grundsätzlich und immer als Bodendenkmal einzustufen sind, einzelne Funde oder Befunde aus dieser Periode jedoch durchaus einen Denkmalcharakter aufweisen können. Verstärkte Aktivitäten von Sammlern und Sondengängern, etwa im Bereich von Flugzeugabsturzstellen oder sonstigen Stätten des Krieges sowie aktuelle Planungen zur Umgestaltung aufgelassener militärischer Areale - so auch im Fall des 1936 von der Reichsluftwaffe erbauten Flugplatzes am Ortsrand von Erlensee-Langendiebach - machen dies erforderlich“, betonte Recker.
Da sich die hessenARCHÄOLOGIE auch der Ausbildung des akademischen Nachwuchses verpflichtet fühlt, wurden die Kooperationen mit den hessischen Hochschulen verstärkt, um zur Verbesserung der praktischen Ausbildung von Studierenden archäologischer Fächer beizutragen. Unter Beteiligung von Studierenden an entsprechenden Hochschulinstituten in Gießen und Marburg wurden dazu Lehrgrabungen durchgeführt. Mit der erstmals 2013 durchgeführten Archäologischen Sommerakademie in Hessen wurde der Rahmen sogar über die hessischen Hochschulen hinaus erweitert – ein persönliches Anliegen des stv. Landesarchäologen: „ Studierende aus den Niederlanden, Finnland und Großbritannien arbeiteten für zwei Wochen mit Studierenden der Universitäten Gießen und Marburg zusammen an einem Projekt. Neben der praktischen Ausbildung und dem Austausch von Erfahrungen standen auch fachsprachliche Kurse in Deutsch und Niederländisch auf dem Programm. 2013 galten die Untersuchungen einem Bereich der ottonisch-salischen Befestigungsanlage auf dem Grasser Berg bei Hungen, in 2014 der durch Militariasammler gefährdeten Absturzstelle eines britischen Bombers aus dem II. Weltkrieg. Insbesondere in 2014 darf auch der besondere Aspekt nicht außer Acht gelassen werden, dass hier junge angehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als die Nachfahren von Opfern wie auch von Tätern gemeinsam aktiv wurden. Vor diesem Hintergrund freut es mich umso mehr, dass zwischenzeitlich auch eine polnische und eine israelische Hochschule ihr Interesse bekundet haben, künftig an den Summer Field Schools in Hessen teilnehmen zu wollen.“
Anschließend stellte Dr. Recker das neue Jahrbuch „hessenARCHÄOLOGIE 2013“ vor - mit 268 Seiten sowie 375 farbigen Abbildungen, Karten und Plänen der umfangreichste der bisher erschienenen Bände. Darin präsentieren neben der Landesarchäologie auch die Kreisarchäologien und städtischen Denkmalämter, die Museen und Universitäten erneut ein facettenreiches Bild der archäologischen Aktivitäten im Land Hessen. Der zeitliche Rahmen der mehr als 70 Beiträge reicht diesmal von der frühen Jungsteinzeit, dem so genannten Neolithikum, bis in die Zeitgeschichte hinein. Er umfasst damit einen Zeitraum von rund 11.000 Jahren.
Die neun Vorträge des Tages aus den verschiedensten Bereichen der archäologischen Arbeit wurden in bewährter Weise vom Redaktionsleiter der hessenARCHÄOLOGIE Dr. Guntram Schwitalla moderiert, der als zuständiger Bezirksarchäologe des Main-Kinzig-Kreises und aufgrund seiner langjährigen Grabungen in Erlensee eine besondere Beziehung zum Tagungsort hatte.
In der Mittagspause bestand die Gelegenheit, in einer Kurzexkursion den Fliegerhorst Langediebach zu besuchen – das größte Konversionsgelände Deutschlands. 1936 wurde hier ein Flugplatz gebaut, der seit 1945 bis 2009 von den Amerikanern weiterbenutzt wurde und nun in einen Logistik- und Gewerbepark umgewandelt wird. Dank der Unterstützung der die Fa. Böhrer Baumaschinen konnten die Teilnehmer einen der zuletzt von den Amerikanern noch benutzten Hubschrauberhangars besichtigen.
Im spannenden Abendvortrag zur Archäologie des Main-Kinzig-Kreises, zeigte der stv. Landesarchäologe Dr. U. Recker in einer Tour d’Horizon die reiche Siedlungsgeschichte des Kreises seit der Frühzeit des Menschen bis heute auf. Traditionell beschloss danach der Empfang der Stadt den erfolgreichen Tag - eine willkommene Gelegenheit für die Teilnehmer, das Gehörte und Gesehene Revue passieren zu lassen und sich bei anregenden Gesprächen persönlich und fachwissenschaftlich auszutauschen.
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