Trauer um langjährige Grundschullehrerin

Freigericht

Jahrzehntelang hat Sieglinde Betz vielen Bernbacher Jungen und Mädchen lesen und schreiben beigebracht und noch auf dem Sterbebett erzählte sie ihrem Sohn Markus, wie sehr sie über jedes Wiedersehen mit ihren ehemaligen Schülerinnen und Schülern gefreut hat.

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sieglindebetzsieglindebetz1Am 4. März 2014 verstarb die ehemalige Grundschullehrerin im Kreise ihrer Familie im Alter von 91 Jahren in ihrem Zuhause in Altenmittlau.

Sieglinde Betz (Mädchenname Rohrbach) stammte aus Nordmähren im Sudetenland, wo sie 1941 das Abitur ablegte, was zur damaligen Zeit bei Frauen eher die Ausnahme war. Nach dem Ablegen der Hochschulreife arbeitete sie als junge Frau in ihrer ursprünglichen Heimat zunächst in der kaufmännischen Leitungsebene eines großen Betriebes. Nach dem Kriegende 1945 wurde Sieglinde Betz zusammen mit ihrer Familie im Februar 1946 aus der Region des Altvatergebirges, in der ihre Vorfahren schon seit Jahrhunderten siedelten und lebten, vertrieben. Über das Flüchtlingslager Wegscheide bei Bad Orb kam sie nach der Aussiedelung mit ihren Verwandten schließlich nach Somborn. Hier lernte sie ihren späteren Mann Walter Betz kennen, den sie im April 1957 heiratete. Die Heirat fand in Form einer legendären Doppelhochzeit mit dessen Bruder Bernhard Betz, dem langjährigen Vorsitzenden des Musikvereins Altenmittlau und dessen Ehefrau Erna, in der St. Markus Kirche in Altenmittlau statt. Aus der Ehe gingen Tochter Bettina und die drei Söhne Markus, Ulrich und Joachim hervor. Ein großer Schicksalsschlag war der Tod ihrer Tochter Bettina, die mit nur 28 Jahren im Februar 1986 verstarb und drei Kinder hinterließ. Für ihre drei Enkelkinder war sie ein wichtiger emotionaler Rettungsanker in dieser schweren Zeit. Später im bereits hohen Alter von 79 Jahren kam dann noch die Tochter ihres Sohnes Markus, Katharina, als viertes Enkelkind hinzu.

Nach dem Kriegsende sollten unter der Aufsicht der damaligen Besatzungsmächte politisch unbelastete Lehrkräfte in den Schuldienst eingestellt werden, weshalb Personen mit Hochschulreife ohne nationalsozialistische Vergangenheit gesucht wurden. Diese Voraussetzungen erfüllte Sieglinde Betz und begann mit dem Lehramtsstudium, das sie später auch erfolgreich beendete. Nach verschiedenen schulischen Stationen - unter anderem an der Konrad Neumann Schule in Neuses - kam sie Anfang der 1950er Jahre an die Volksschule in Bernbach, an der die damals noch üblichen neun Schuljahrgänge unterrichtet wurden. Aus dieser Volksschule ging später zunächst die Grundschule und danach die heutige Regenbogenschule Bernbach hervor. An dieser Schule prägte Sieglinde Betz als Lehrerin das schulische Grundwissen von Bernbacher Kindern über viele Jahre, wobei sie relativ früh ihren pädagogischen Schwerpunkt in den ersten beiden Schuljahrgängen setzte. Hier lag ihr Augenmerk - und zwar bereits Jahrzehnte vor PISA - auf der Vermittlung solider Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen. Auch als die ersten ausländischen Kinder der damals so genannten “Gastarbeiter” den Unterricht an der Bernbacher Volksschule besuchten, kümmerte sich Sieglinde Betz intensiv um ihre neuen Schützlinge. Pädagogische Integrationsprojekte des Staates oder der Kultusbehörden für Kinder mit Migrationshintergrund oder andere Maßnahmen der Bildungsunterstützung suchte man damals vergeblich. Dies hielt sie jedoch nicht davon ab, gerade diesen Kindern nach Unterrichtsschluss durch persönlichen Nachhilfeunterricht die notwendigen schulischen Grundkenntnisse – insbesondere die Sprache ihres neuen Gastlandes - zu vermitteln. Passend zu ihrem christlich geprägten Menschenbild und ihren fürsorglichen, sozialen und verantwortungsvollen Charakter erteilte sie  diesen Nachhilfeunterricht kostenlos. Im Jahre 1982 wechselte Sieglinde Betz in den Ruhestand und kümmerte sich fortan mit viel Liebe und Aufmerksamkeit um ihren Mann, ihre Familie und auch die drei Enkelkinder ihrer Tochter Bettina.

Als Ehefrau von Walter Betz, dem ehemaligen Freigerichter Förster, Musiker und Vereinsmenschen, der am 10. Oktober 2013 verstarb, war Sieglinde Betz der unauffällige, gute Geist im Hintergrund. Im Gegensatz zu ihrem Ehemann, der am Freigerichter Vereinsleben viele Jahre seines Lebens aktiv mitwirkte und den man sich beim Komitee für Europäische Verständigung nicht wegzudenken konnte, wirkte sie im Stillen. Sei es, dass sie ihren Mann beim Verfassen und Schreiben von Texten auf der Schreibmaschine im Rahmen seiner Vereinsarbeit unterstützte oder seinen Freunden oder Bekannten als liebenswürdige Gastgeberin diente. Mit Freunden aus Frankreich, die sie über die Arbeit ihres Mannes im Komitee kennengelernt hatte, pflegte sie ein inniges herzliches Verhältnis. „Fürsorge, gegenseitige Unterstützung sowie ein liebe- und respektvolles Miteinander und Zusammenleben waren ihr sehr wichtig. Aus diesem Grund hatte ein geborgenes Zuhause auch einen enorm hohen Stellenwert in ihrem Leben“, erinnert sich ihr Sohn Markus. Gerade aus diesem Grund sei es für sie großer Trost gewesen, dass sich ihr letzter innigster Wunsch erfüllte, trotz schwerer Krankheit ihre letzten Tage in ihrem Heim in Altenmittlau im Kreise ihrer Lieben verbringen zu können und dort auch zu sterben.


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