Im Museumshof fliegt ein abgetrennter Fuß durch die Luft, während sich der Kaiser persönlich vor dem Gasthaus “Zum Löwen” von seiner Liebsten verabschiedet, die leichten Mädchen in der Petersiliengasse auf Kundschaft warten und Philipp Reis vor seinem eigenen Denkmal über sein Leben und Wirken sinniert.







Seit 20 Jahren nehmen die Gelnhäuser Erlebnisführer ihre Gäste mit auf spannende Zeitreisen. Das Jubiläum wurde jetzt beim Altstadt-Weinfest gebührend mi einer Premiere begangen: Mit der ersten Klappstuhlführung. In vier Gruppen zogen die Teilnehmer dabei zeitversetzt von Spielszene zu Spielszene und mussten beim Zuschauen nicht stehen, sondern konnten die Darbietungen – ähnlich dem Theater – auf mitgebrachten oder vor Ort geliehenen Stühlen sitzend verfolgen. Erster Stadtrat Dieter Ullrich ließ in seiner Begrüßungsansprache die Geschichte der Gelnhäuser Erlebnisführungen Revue passieren. Vor 20 Jahren sei das inzwischen oft kopierte Format in Gelnhausen aus der Taufe gehoben worden. „Die Mischung aus Anspruch, historischer Korrektheit, Humor und hohem Unterhaltungswert bildet die Grundlage für die dauerhafte Faszination, die von den Gelnhäuser Erlebnisführungen ausgeht“, so Ullrich. Aktuell könne das Team der Tourist-Info auf 50 aktive Gästeführer zurückgreifen, die Hälfte davon seien Erlebnisführer. Hinzu kämen 30 Helfer, die in Statistenrollen schlüpften. Simone Grünewald, Fachbereichsleiterin Tourismus, Kultur und Museum, lobte ihren kreativen Stab und ließ nicht unerwähnt, dass der Erfolg der Erlebnisführungen auch der Unterstützung durch die Altstadtbewohner geschuldet sei. Da Grünewald selbst in einer Szene mitspielte, übernahm die ehemalige Leiterin der Tourist-Info, Monika Hartmann, gemeinsam mit Dieter Ullrich die Begrüßung der weiteren Gruppen.
„Bewaffnet“ mit Klappstühlen zogen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dann von Szene zu Szene, die lückenlos ineinander übergingen. Sie litten mit Gela, die ihren geliebten Kaiser Barbarossa in die Schlacht verabschiedete, feierten mit Barbara und Eberhard Kohlepp im geschichtsträchtigen Gasthaus “Zum Löwen”, trafen auf Spielleute und an der Marienkirche auf das Pfarrer-Ehepaar Strupp. Im Museumshof sinnierte der junge Grimmelshausen über sein Werk und aufs Stichwort traten die Courasche und die Geyerin in Aktion. Nahtlos abgelöst wurden die literarischen Figuren durch die Kräuterfrau und um in diese Epoche abzutauchen, brauchten sie nur ihre Stühle in die andere Richtung zu drehen. Auch ein garstiges Weibsstück, Mönch und Pilger fehlten nicht. Die bierbrauende Wirtin des „Roten Ochsen“ stritt sich mit dem völlig verkaterten Weinhändler, auf dem Untermarkt bewunderte Philipp Reis mit seiner Frau die ihm zu Ehren errichtete Büste und zwei Hockenweiber priesen ihre Waren an. Nach einem Abstecher zu den Hübschnerinnen und der Seifensiederin in der Petersiliengasse stand zum Abschluss eine Begegnung an der engsten Stelle mit Konditorstochter Sophie und ihrer Tante Luise auf dem Programm. Hier lernten die Gäste, was man mit Schokolade so alles machen kann und erhielten zum Abschluss selbst je ein Täfelchen. Das neue Format wurde begeistert aufgenommen und so wird das sicherlich nicht die letzte Klappstuhlführung durch Gelnhausens Altstadt gewesen sein.
Auch das Altstadt-Weinfest an sich war ein voller Erfolg. In dessen Rahmen wurde nicht nur das Jubiläum der Erlebnisführungen, sondern auch der 50. Geburtstag des Fanfarenzugs Barbarossa gefeiert. Helfer aus rund 30 Vereinen sorgten dafür, dass die zahlreichen Gäste mit Weinen aus der näheren Umgebung, den deutschen Weinbaugebieten und den Regionen um die Partnerstädte Marling und Clamecy, aus der Grimmelshausen-Stadt Renchen sowie allerlei kulinarischen Leckereien verwöhnt wurden. Erster Stadtrat Dieter Ullrich eröffnete das Fest und ging auf die Vereinsgeschichte des Fanfarenzuges ein. Er würdigte unter anderem die Erfolge des Naturtonorchesters bei überregionalen Wettbewerben und das Engagement des Vereins in der Heimatstadt. „Wir freuen uns sehr, dass der Fanfarenzug zu seinem 50. Geburtstag den Tag der Spielleute, der die immense Vielfalt in den hessischen Musikvereinen zeigt, organisiert hat“, bedankte sich Christoph Degen, Vorsitzender des Hessischen Musikverbands, in seiner Ansprache. Auch sein Vorgänger Horst Sassik war unter den Gästen, die musikalische Unterhaltung auf höchstem spielerischem Niveau genossen. Den “Tag der Spielleute” gestalteten der Spielmannszug Eidengesäß, der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Somborn, das Musik- und Showcorps Birstein, der Spielmanns- und Fanfarenzug Ronneburg, die Drumband Büdingen, der Musikverein Eiterfeld-Arzell und das Schalmeiencorps aus Haiger. Abends heizten dann “Die Streuner” ein. Den zweiten Festtag eröffnete das Jugendorchester der katholischen Kirche Meerholz-Hailer unter der Leitung von Philip Bräutigam musikalisch. An beiden Festtagen konnten sich die Kinder in einer Spielecke vergnügen.
Foto: Publikum sitzt auf Klappstühlen am Löwen/Straßen sind gesperrt. (Foto: Roland Adrian)
Foto: Couraschegeyrin: Simone Grünewald als Courasche (rechts) und Sonja Funfack als Geyerin.
Foto: Hocken: Die Hockenweiber Helga Schneevogl (links) und Marianne Michael.
Foto: Hübschnerinnen: Die leichten Mädchen des Mittelalters May Gieshoff (hinten) und Christine Böhlke (vorne).
Foto: Philippreisundfrau: Daniel Glöckner und Andrea Sandow. (Foto: Roland Adrian)
Foto: Sophie und Tante: Tanja Steinbock (rechts) und Hannelore Stoppel-Garthe (sitzend).
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