Tagelang hatte der Gelnhäuser Bürgermeister Christian Litzinger (CDU) behauptet, seine Aussage in einem Interview mit dem Fernsehsender WELT TV zu den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen im Freibad Gelnhausen sei aus dem Kontext gerissen worden und sogar über eine Rechtsanwaltskanzlei eine Abmahnung an den Axel Springer-Verlag verschicken lassen (wir berichteten). Als das komplette Interview zum Vorschein kam, räumte er ein, dass die Aussage doch nicht in einen falschen Zusammenhang gerückt wurde (wir berichteten). Doch was hatte Litzinger eigentlich in dem Interview genau gesagt?
Das wollte die VORSPRUNG-Redaktion vom Gelnhäuser Bürgermeister wissen, bekam allerdings eine Absage: „Die Dokumentation des Interviews wird nicht zur Verfügung gestellt“, teilte Marc André Kiwitz, zuständig für die Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei der Stadt Gelnhausen, mit. Genau diese Dokumentation liegt der VORSPRUNG-Redaktion allerdings inzwischen vor.
Es geht genau um diesen Satz: „Mit hohen Temperaturen liegen, ja, auch die Gemüter manchmal blank“. Litzinger hatte behauptet, damit Vorfälle aus der Vergangenheit gemeint zu haben. Öffentliche Unterstützung erhielt er unter anderem durch den Bürgermeister von Bad Soden-Salmünster, Dominik Brasch (parteilos), der sich selbst bei Litzinger erkundigt haben wollte und von einer öffentlichen Hinrichtung seines Amtskollegen sprach (wir berichteten). Auch die Spitze CDU Main-Kinzig stellte sich hinter ihren Gelnhäuser Rathauschef und sprach von „einem aus dem Zusammenhang gerissenen einzelnen Zitat“ (wir berichteten). Doch was meinte Litzinger tatsächlich mit diesem Satz?
In der Richtigstellung seiner Anwaltskanzlei heißt es dazu: „Es bleibt aber dabei, dass unser Mandant mit dem zitierten Satz ausschließlich verbale Ausfälle im Schwimmbad in der Vergangenheit gemeint hat und nicht die aktuellen Vorfälle sexueller Übergriffe. Unser Mandant wollte keine sexuellen Übergriffe im Freibad relativieren und diese insbesondere nicht damit erklären, dass zu heiße Temperaturen eine Erklärung dafür sein könnten.“ Ähnlich hatte es Litzinger in einem inzwischen gelöschten Posts in Facebook (liegt der VORSPRUNG-Redaktion ebenfalls vor) formuliert. Nur: In der Frage der Reporterin ging es nicht um die Vergangenheit, vielmehr begann sie ihre Frage mit der Formulierung: „Jetzt vielleicht ein kleiner Blick in die Zukunft (…)“. Und zudem wurde er auch explizit nach eine „Vorfall dieser Art“ befragt.
Die Vorfälle in der Vergangenheit wurden in diesem Interview bereits mit der ersten Anfrage abgehandelt. Fälle von sexueller Belästigung im Freibad Gelnhausen sind in der Tat in jüngster Zeit nicht öffentlich bekannt geworden, „kleinere Delikte“, wie es Litzinger formulierte, gab es allerdings, wie beispielsweise hier nachzulesen ist: „Hausverbot erteilt: Polizeieinsatz im Freibad Gelnhausen“. Der Beitrag stammt aus dem Sommer 2022, Litzinger war da noch nicht Gelnhäuser Bürgermeister.
Unklar ist noch, welche Kosten durch die juristischen Schritte von Litzinger entstanden sind. Möglicherweise gibt es darauf eine Antwort in einer Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung Gelnhausen, die in circa zwei Wochen stattfinden soll. Der Magistrat soll sich in dieser Woche bereits ausschließlich mit der Situation im Freibad und den Debatten danach beschäftigt haben. Von den Parteien in Gelnhausen hat sich nach der Rücknahme der juristischen Schritte von Litzinger bisher nur die SPD geäußert (wir berichteten).
Nachfolgend die vollständige Dokumentation des Fernseh-Interviews von Christian Litzinger (CDU), Bürgermeister der Stadt Gelnhausen, mit WELT-TV im Wortlaut:
Frage: „Jetzt sprechen wir ja hier leider aus einem unschönen Grund, über diesen Vorfall, der da stattgefunden hat. Sie als Bürgermeister, was sind da Ihre Gedanken zu diesem Vorfall? Also Sie hatten sich ja bereits geäußert, dass das der erste Vorfall dieser Art ist, hier in der Stadt.“
Antwort: „Ja. Also wir sind natürlich erschüttert, dass sowas bei uns im Freibad vorgefallen ist. Aber unser Personal reagiert da immer sofort und wir fahren auch eine Politik der Null-Toleranz. In der Vergangenheit gab es immer kleinere Delikte, wie kleinere Diebstähle oder mal Beleidigungen. Aber in dieser Art und Weise ist das wirklich der erste Vorfall.“
Frage: „Wie hat man da reagiert, was für Maßnahmen sind da getroffen?“
Antwort: „Nach der ersten Beschwerde war natürlich erhöhte Aufmerksamkeit geboten und nach der zweiten Beschwerde wurde dann von unserem Personal die Polizei kontaktiert. Die sind dann auch sehr zügig hier vor Ort eingetroffen und haben die entsprechenden Personalien aufgenommen. Wir von städtischer Seite haben sofort ein Bad- und Hausverbot ausgesprochen, wie wir es auch bei kleineren Vorfällen immer schon tun.“
Frage: Jetzt vielleicht ein kleiner Blick in die Zukunft: Was kann die Stadt und auch das Ratspersonal aller betroffenen Parteien, was kann man tun, damit sich ein Vorfall dieser Art nicht noch einmal wiederholt?
Antwort: „Also es ist natürlich immer bei hohen Temperaturen, ja, liegen auch die Gemüter manchmal blank, aber unser Personal ist entsprechend geschult. Wir werden noch weiter sensibilisieren, was wir von städtischer Seite aus tun konnten. Wir haben jetzt zusätzlich noch die Stadtpolizei hier vor Ort, die regelmäßig Streife läuft. Und ich hoffe jetzt, dass die entsprechenden Verantwortlichen dann auch – ja- zur Verantwortung gezogen werden.“
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