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Stadt Schlüchtern

Mehrere Künstlerinnen und Künstler, deren Werke Teil der öffentlichen Galerie waren oder die sich dem Projekt eng verbunden fühlen, haben sich in den vergangenen Tagen an die Redaktion von Vorsprung-Online gewandt – möchten aber ihren Namen nicht nennen, weil sie befürchten, in Gelnhausen gar nicht mehr ausstellen zu dürfen. Ihr Vorwurf ist deutlich: Keine Vorabinformation, keine ernsthafte Kommunikation, kein kulturpolitisches Gespür. Stattdessen, so der Tenor, werde ein funktionierendes und identitätsstiftendes Kunstprojekt still und leise aus dem öffentlichen Raum entfernt.

„Das ist kein Verwaltungsvorgang, das ist ein kulturpolitischer Offenbarungseid“, sagt eine beteiligte Künstlerin gegenüber unserer Redaktion. „Über Kunst kann man streiten – und das ist sogar gut so. Aber doch nicht darüber, ob eine Stadt wie Gelnhausen sichtbare, öffentliche Kunst überhaupt haben sollte.“

Kunst verschwindet – und mit ihr ein Stück Atmosphäre

Die Idee hinter der Stadtgalerie war ebenso einfach wie stark: Kunst raus aus geschlossenen Räumen, hinein in die Stadt. Dorthin, wo Menschen unterwegs sind. Dorthin, wo Besucherinnen und Besucher Gelnhausen erleben. Dorthin, wo Kunst nicht elitär daherkommt, sondern Teil des Alltags wird. Genau das sei über Jahre gelungen, sagen die Künstler. Die Bilder entlang der Mauern hätten nicht nur Passanten überrascht, Gespräche ausgelöst und Spaziergänge bereichert, sondern auch gezeigt, dass Gelnhausen mehr sein kann als hübsche Fachwerkfassade und touristische Kulisse. „Diese Galerie hat Gäste angezogen, Künstlerinnen und Künstler aufmerksam gemacht und der Altstadt eine zusätzliche kulturelle Ebene gegeben“, sagt ein weiterer Künstler. „Dass man so etwas in einer Stadt, die sich selbst gerne mit Kultur schmückt, einfach abbaut, ist an Banausität kaum zu überbieten.“

Empfehlung aus dem Ortsbeirat – und die große Ratlosigkeit

Besonders fassungslos macht die Kulturschaffenden offenbar, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist. Nach den öffentlich gewordenen Informationen war es eine Empfehlung aus dem Ortsbeirat, die letztlich den Weg für den Abbau ebnete. Im Raum standen demnach Einschätzungen, die Bilder würden das historische Stadtbild stören oder von den Mauern ablenken. Diese Argumentation sorgt bei den Betroffenen für offenen Widerspruch – manche Mauern wurden dadurch erst aufgewertet.

„Dass ausgerechnet ein Gremium mit offenkundig sehr überschaubarer Nähe zur zeitgenössischen Kunst darüber befindet, was im öffentlichen Raum ästhetisch tragbar ist, ist schon bemerkenswert“, sagt eine Künstlerin. „Da sitzen dann wieder die vermeintlichen Besserwisser, die alles kuratieren wollen, was sie im Zweifel nie selbst geschaffen, aufgebaut oder kulturell getragen haben.“

Ein anderer Künstler formuliert es noch drastischer: „Man kann nicht bei jeder Gelegenheit von Aufenthaltsqualität, Tourismus, Innenstadtbelebung und Kulturstadt sprechen – und dann genau die Dinge entsorgen, die all das mit Leben füllen.“

Keine Information vorab – „das ist der eigentliche Skandal“

Was den Ärger zusätzlich verschärft: Viele Beteiligte fühlten sich nach eigener Darstellung übergangen. Mehrere Stimmen berichten gegenüber unserer Redaktion, vorab nicht informiert worden zu sein – obwohl sie mit Werken, Ideen oder ideeller Unterstützung mit dem Projekt verbunden gewesen seien. „Dass man die Bilder abhängt, ist schlimm genug. Aber dass man diejenigen, die dieses Projekt getragen haben, nicht einmal vorher anständig informiert, ist der eigentliche Skandal“, sagt eine Künstlerin. „Das ist nicht nur schlechter Stil – das ist respektlos.“

Ein Künstler spricht von einem „Verfahren hinter verschlossenen Türen“, das exemplarisch für ein problematisches Kulturverständnis stehe: „Kunst wird gern benutzt, wenn sie auf Flyern gut aussieht oder wenn man sich nach außen modern geben möchte. Aber wenn sie wirklich sichtbar, eigenständig und öffentlich wirksam ist, wird sie plötzlich als Störfaktor behandelt.“

Kritik an Bürgermeister Christian Litzinger

Besonders scharf fällt die Kritik am Bürgermeister Christian Litzinger (CDU) aus. Denn aus Sicht der Kunstschaffenden hätte es an ihm gelegen, das Projekt nicht nur zu verwalten, sondern politisch zu verteidigen. Bürgermeister Litzinger steht an der Spitze der Stadtverwaltung Gelnhausen. „Gerade ihm hätte es gut zu Gesicht gestanden, Rückgrat zu zeigen und dieses hervorragende Projekt weiterzutragen“, heißt es aus dem Kreis der Betroffenen. „Stattdessen entsteht der Eindruck, als lasse man es möglichst geräuschlos aus dem Stadtbild verschwinden.“

Und noch ein Vorwurf steht im Raum – als politische Deutung, nicht als gesicherte Tatsache, aber mit hörbarer Bitterkeit formuliert: Manche Kulturschaffende haben das Gefühl, dass Projekte des früheren Amtsinhabers in der heutigen Stadtpolitik nicht gerade mit besonderer Zuneigung behandelt werden. „Ein Schelm, wer Böses dabei denkt“, sagt ein Künstler. „Aber der Eindruck drängt sich auf, dass hier Dinge, die der Vorgänger angestoßen oder sichtbar gemacht hat, nicht weiterentwickelt, sondern eher abgewickelt werden.“

Ein anderer zieht einen historischen Vergleich, der sitzt: „Es wirkt fast wie im Alten Ägypten – als hätte man beschlossen, die Spuren des Vorgängers aus den Kartuschen herauszumeißeln. Nur dass es hier eben nicht um Steintafeln geht, sondern um sichtbare Kultur im öffentlichen Raum.“

Kulturstadt – aber bitte nur auf dem Papier?

Gerade deshalb trifft der Vorgang in Gelnhausen einen empfindlichen Nerv. Denn die Stadt präsentiert sich nach außen ausdrücklich als Ort mit kulturellem Anspruch und bewirbt regelmäßig ihr kulturelles Profil. Umso größer ist das Unverständnis darüber, dass ausgerechnet niedrigschwellige, frei zugängliche Kunst im öffentlichen Raum verschwindet. „Was ist das bitte für ein Signal?“, fragt eine Künstlerin. „Man erzählt überall etwas von Kultur, Lebensqualität und Stadtentwicklung – und dann verschwindet Kunst mir nichts, dir nichts von den Mauern. In einer echten Kulturstadt passiert so etwas nicht einfach nebenbei.“

Die Kritik zielt dabei nicht nur auf eine einzelne Entscheidung, sondern auf ein grundsätzliches Problem: Kultur wird allzu oft als dekoratives Beiwerk behandelt – nicht als Teil städtischer Identität. „Kunst ist kein Luxusproblem und kein Deko-Element, das man bei Gegenwind mal eben wieder abschraubt“, sagt ein Künstler. „Kunst im öffentlichen Raum ist ein Statement: Diese Stadt traut ihren Bürgern, Gästen und Künstlern etwas zu. Wenn man das abbaut, baut man eben mehr ab als nur ein paar Bilderrahmen.“

Mehr als ein paar Bilder an einer Mauer

Und genau darum geht es vielen, die sich jetzt melden: nicht bloß um einzelne Werke, sondern um die Frage, welches Selbstverständnis Gelnhausen eigentlich haben will. Will diese Stadt nur dann Kultur, wenn sie unauffällig, gefällig und konfliktfrei ist? Oder will sie eine Stadt sein, die Kunst aushält, zulässt und sichtbar macht? „Man muss nicht jedes Bild lieben. Das ist doch überhaupt nicht der Punkt“, sagt eine Künstlerin zum Schluss. „Aber man sollte in einer Stadt wie Gelnhausen wenigstens den Mut haben, Kunst im öffentlichen Raum nicht als Problem, sondern als Chance zu begreifen. Dass man das offenbar nicht mehr tut, ist ein Armutszeugnis.“

Fest steht für die Künstler: Der Abbau der Stadtgalerie mag verwaltungstechnisch schnell erledigt sein. Kulturpolitisch ist er ein Rückschritt. Und einer, der in Gelnhausen noch lange nachhallen dürfte.

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