Kraftwerk Staudinger auf frühgeschichtlichem Boden

Großkrotzenburg
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Wo heute die Kamine und Kühltürme des Kraftwerkes Staudinger in den Himmel ragen, begann vor  6000 Jahren das menschliche Leben in unserer Heimatgemeinde.

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Am 26. Juni 1963, legte die ehemalige Preußen Elektra den Grundstein für die beiden Kraftwerksblöcke eins  und zwei. Jeder, mit Steinkohle betriebene Block lieferte pro Stunde eine Leistung von 247000 KW und zählte damals zu den modernsten Kraftwerksanlagen in Deutschland. Namensgeber für das Großprojekt war Prof. Hans Staudinger, Aufsichtsratsmitglied im preußischen Elektrizitätskonzern.

Im frühgeschichtlichen Raum des Großkrotzenburger Museums erinnern Bodenfunde aus der Jungsteinzeit, der Hügelgräberbronzezeit, der Hallstattzeit und der Eisenzeit an dieses Medienereignis. Die ausgestellten Exponate aus fünf Geschichtsepochen wurden teilweise in den ehemaligen Kiesgruben oder beim Bau der Kraftwerksblöcke gefunden. Die Mitglieder des Heimat-und Geschichtsvereins, die das Museum leiten und betreuen, werden in ihren Bemühungen die Großkrotzenburger Ortsgeschichte zu erforschen stets von der Betriebsleitung und der Belegschaft des Kraftwerkes unterstützt. Besonderen Dank gehört verdientermaßen den beiden ehemaligen technischen Leitern Georg Brehm und Edgar Kaufhold.

Die Gemarkung  Großkrotzenburg war in frühgeschichtlicher Zeit eine Insel. Ein Wasserarm des Mains floss, an der Kahlmündung beginnend, in einem großen Bogen um den heutigen Ort und mündete kurz  vor Großauheim wieder in den Main. Diese Insel bot den Wanderbauern, die das Gebiet bereits 3000 Jahren v. Chr. besiedelten Schutz vor feindlichen Angriffen und wilden Tieren. Von diesem Wasserarm zeugt heute noch eine ca 200 Meter breite Sumpflandschaft im Niederwald, die 1953 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Auf dem Kraftwerksgelände, welches früher teilweise zur Kiesgewinnung genutzt wurde, entdeckte man in 8 Meter Tiefe den Schädel eines Wisent, dessen Alter Experten  30.000 bis 50.000 Jahre schätzten. Außerdem fand man dort einen 110 cm langen Mammutstoßzahn, Mammutbackenzähne, Zähne von Wildpferden, Röhrenknochen von Bisons und Hirschgeweihe, die alle ein Alter von mindestens 10.000 bis 20.000 Jahren haben sollen. Im Herzen des heutigen Kraftwerkes lagen auch die ersten menschlichen Siedlungen. Bei Baggerarbeiten wurden zwei Wohngruben der Bandkeramiker angeschnitten, die heute als vertiefte Innenräume von Hütten gedeutet werden.

Die Bandkeramiker, die ihre Töpferwaren mit bandartigen Mustern verzierten, lebten 2000 bis 3000 Jahre v. Chr. Nahe ihren ehemaligen Siedlungen fand man eine Anzahl Scherben, aus denen vier Gefäße zusammengesetzt werden konnten. Als 1963 eine Bahnlinie zum Kraftwerk gebaut wurde, mussten ca 10.000 Kubikmeter moorigen Boden abgetragen werden. In diesem Abraum entdeckte man ebenfalls mehrere bandkeramische Scherben und Hüttenlehm mit Flechtmuster.

Die Erfindung der Bronze um 1600 v. Chr. war ein bedeutender Fortschritt in der kulturellen Entwicklung, denn nun fertigten die Menschen ihre Waffen, Werkzeuge und Schmuckgegenstände fast ausschließlich aus diesem Metall, einer Legierung aus Kupfer und Zinn. Im heutigen Kraftwerksgelände legten Baggerarbeiten mehrere Frauengräber aus der Hügelgräberbronzezeit frei, in denen kunstvoll verzierte, Armspangen, Ringe, Spiralen, Gewandnadeln und Brillenanhänger lagen, die von ihren Besitzerrinnen als Gürtel getragen wurden. Zu Beginn des 12.Jahrhunderst v. Chr. kamen Einwandere aus dem Alpenvorland in unseren Raum. Ihre Kultur wird Urnenfelderkultur genannt, weil sie ihre Toten verbrannten und in ca  60 cm hohen Urnen beisetzten. Während des ersten Bauabschnittes stieß man im Kraftwerksgelände auf schwarzgraue Scherben eines Gefäßes, das fast vollständig erhalten war.

Nach der Restaurierung konnte die frühgeschichtliche Sammlung im Museum mit einer Tasse aus der Urnenfelderzeit ergänzt werden. Etwa 500 Jahre v. Chr. wanderten keltische Stämme vom Mittelrhein in die Maingebiete und blieben dort mehrere Jahrhunderte sesshaft. Aus der keltischen Eisenzeit wurden im Kraftwerksgelände 10 Brandgräber freigelegt. Man fand darin mehrere Urnen und Schalen, eiserne Lanzenspitzen, gebogene Schwerter, Gürtelhaken, Rasiermesser, ein Tüllenbeil, aus Eisen sowie eiserne Ringe und Scheren. Sämtliche Funde können nach der Restaurierung und Wiedereröffnung des Museums besichtigt werden. Die Mitglieder des Heimat-und Geschichtsverein freuen sich nach der Coronakrise auf zahlreiche Besucher.

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