„Die Kleine lebt noch“: Vor 80 Jahren erreicht der Krieg Großkrotzenburg

Großkrotzenburg

Der der Heimat- und Geschichtsverein e.V. erinnert an die Tage im Dezember 1944, an denen der lange fern geglaubte Krieg das 3.000 Einwohner zählendes Dorf erreichte.

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15 Personen - Frauen, Männer und Kinder wurden dabei Opfer der Angriffe alliierter Kampfflugzeuge, viele Weitere wurden verletzt. Im Archiv des Museums werden die Aufzeichnungen des verstorbenen Ehrenmitglieds Heinz Klab aufbewahrt, aus denen hier in Auszügen berichtet wird:

„Es war bereits der sechste Kriegswinter und es wurde von Jahr zu Jahr schlimmer. Der Ring um Deutschland wurde immer enger und man machte sich Sorgen um die Angehörigen an der Front. In den Geschäften gab es kaum etwas zu kaufen und die Zuteilungen für Lebensmittel wurden immer knapper. Dann kam der 8. Dezember 1944. Es war ein Freitag, an dem um 11 Uhr die Sirenen heulten und einen Alarm auslösten. Kaum hatten sich die Dorfbewohner in den Luftschutzkellern versammelt, als Jagdbomber im Tiefflug Großkrotzenburg angriffen. Einer davon steuerte die Kreuzung Römer / Langestraße an und warf eine Bombe in das Wohnhaus der Familie Franz. Die Wirkung war verheerend, das Gebäude war dem Erdboden gleich und Tote und Verletzte lagen unter den Trümmern. Auch die gegenüberliegenden Häuser der Familien Pörtner und Bohländer wurden stark beschädigt. Mehrere Einschüsse trafen auch das Wohngebäude der Familie Zeller in der Langestraße. Der Angriff kostete sieben Menschen, darunter einem vierjährigen Mädchen das Leben. Die Opfer vom Freitag waren noch nicht beerdigt, da ertönten am Montag wieder die Sirenen und wenige Minuten später öffnete eine Gruppe Flugzeuge ihre Klappen und warfen Bomben auf Häuser im Unterhaag und in der Kirchstraße. Eine Bombe explodierte im Haus der Familie Bergmann, neben dem Gasthaus "Zum Schlüssel", drei Menschen kamen dabei ums Leben. Ein weiterer Sprengsatz traf den Keller der Familie Hain in der Unterhaagstraße. Nur wenig daneben befand sich ein gefüllter Feuerlöschteich. Das Wasser überflutete den Kellerraum und Mutter und Sohn ertranken. Es war am folgenden Dienstag wieder um die Mittagszeit, als ein Pulk schwerer Bomber am Himmel auftauchte und den Main entlang flog. Die meisten der Bomben schlugen im Wasser auf. Eine einzelne jedoch traf das Haus der Familie Ferdinand Wilz in der Augusta-Straße und tötete weitere drei Menschen. An all den Tagen war die Hilfsbereitschaft im Dorf sehr groß und mutige Männer bargen Tote und Verletzte aus den Trümmern. Der Einsatz eines Helfers ist besonders zu würdigen. Es war Pater Fuchs vom Orden der " Weißen Väter " Er war nach der Schließung des Klosters durch die Nationalsozialisten 1940 im Ort geblieben und machte sich in der Seelsorge nützlich. Er half bei der Bergung, begleitete die Schwerverletzten ins Krankenhaus, spendete Trost und beerdigte die Toten. Die Bombentage hatten die Einwohner in Angst und Schrecken versetzt. Viele glaubten die Angriffe gingen weiter und flüchteten mit Hand- und Kinderwagen in den Niederwald und versteckten sich dort. Die Großkrotzenburger Volksschule wurde am 15. Dezember 1944 geschlossen und der Unterricht begann erst wieder unter schweren Bedingungen am 25. Januar 1945.“

Kürzlich konnte der HGV ein Interview mit einer der damals betroffenen Personen aufzeichnen. Es handelt sich um Anneliese Lindenfeld geb. Bergmann, die zum Zeitpunkt der Bombenangriffe kurz vor ihrem zehnten Geburtstag stand und sich noch sehr detailreich erinnern kann. Nachdem am 11. Dezember die Sirenen wieder einen Alarm meldeten, versammelte sich die vierköpfige Familie zusammen mit den drei Mietern im eigenen Gewölbekeller, wie das schon einige Male der Fall gewesen war. Der Vater war wegen einer Kriegsverletzung zuhause auf Genesungsurlaub und beobachtete aus dem Kelleraufgang heraus das Geschehen an Himmel. Als er gerade wieder in den Keller zurückkehrte, fielen die Bomben. Anneliese Lindenfeld schildert: „Es wurde schwarz, an einen Knall kann ich mich nicht erinnern. Als ich wieder zu mir kam, war mein Vater neben mir und regte sich nicht. Es fühlte sich an, als rinne Wasser über mein Gesicht und ich sagte zu meinem Vater, er soll mich doch nicht nass machen. Auf der anderen Seite waren Geräusche zu hören, die ich damals nicht zuordnen konnte. Heute weiß ich, es war Wimmern. Das Nächste, an das ich mich erinnern kann, ist eine Stimme: „Die Kleine lebt noch!“ Dann wurde ich von starken Armen herausgezogen und auf einer Liege von zwei Buben weggetragen.“ Anneliese verlor an diesem Tag neben ihrer Mutter und der kleinen Schwester auch den Vater, der die Druckwelle der Explosion vor ihr verdeckte und dann blutend neben ihr verstarb.

Die Toten wurden einige Tage später in einem gemeinsamen Grab beerdigt, was zu einer nationalsozialistischen Propagandaveranstaltung inszeniert wurde. Fam. Bergmann beschloss, ihre Toten in geweihter Erde zu beerdigen, daher ruhen diese in einem anderen Teil des alten Friedhofs. Der Krieg sollte noch mehr als vier Monate dauern und unzähligen weiteren Menschen das Leben kosten.  Ihr Tod sollte Mahnung und Verpflichtung sein, sich für den Frieden einzusetzen.

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