„Ich bin nicht freiwillig in der AfD"

Hanau
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„Die Reinhardskirche war wie immer der perfekte Rahmen für einen Bürgerdialog. Nicht nur das Faible der Freiheitlichen für historische Kulissen, auch die zeitgenössische Qualität der Teilnehmer an der Podiumsdiskussion sorgten für ein volles Haus!“, so fängt AfD-Ortssprecher Dippel seinen Bericht an, in Anlehnung an einen Artikel der Lokalpresse, die lieber einer elitären Veranstaltung im Golfclub beigewohnt habe.

Prominentester Teilnehmer des Abends war der Landessprecher der Hessischen AfD, Robert Lambrou, der auch Vorsitzender der Fraktion im Hessischen Landtag ist. Nicht minder interessant seien Lambrous Gesprächspartner auf dem Podium gewesen. Mit dem Aschaffenburger Kreisvorstand Mario Garcia-Lezama, dem Limburger Stadtverordneten Meysam Ehtemai und dem Schatzmeister des Ortsverbands MKK-Mitte Czeslaw Janowski waren noch drei AfDler eingeladen, die etwas zum Thema Integration zu sagen hatten. Unter dem Titel „Doppelpass, Weg oder Hindernis zur Integration?“ stellten die vier Männer zunächst ihre eigenen Migrationserfahrungen vor.

"Schon diese Lebensgeschichten, die aus den unterschiedlichsten Weltecken in die AfD führten, Stoff für mehrere Abende gewesen. Im Dialog mit dem Publikum bildeten sich Erkenntnisse, wie Integration gelingen kann. Den Beginn machte der Lokalmatador. Als Czeslaw Janowski, in der Region bekannt als Sportschütze mit nationalen Erfolgen, von seinen Erfahrungen in der Gewerkschaft Solidarnosz erzählte, wurde das Publikum mucksmäuschenstill. Er erzählte vom Kriegsrecht in Polen und wie er aus politischen Gründen verfolgt wurde", so die AfD in der Pressemitteilung.

Auf die Frage von Marcus Marx, dem AfD-Bürgermeisterkandidaten in Gründau und Diskussionsleiter des Abends, nach seiner Motivation, nun in Deutschland ebenfalls wieder in einer Bürgerrechtspartei aktiv zu werden, antwortete Janowski: „Ich bin nicht freiwillig in der AfD. Ich habe mich dazu gezwungen gefühlt durch die äußeren Umstände in unserem Land!“ Auch zum Thema Doppelpass hatte Janowski eine Erklärung, die das Publikum staunen machte: „ Ja ich habe neben dem deutschen Pass auch noch den polnischen. Man weiß ja nie, wie sich die politischen Verhältnisse in Deutschland noch zum Schlechteren wenden. Vielleicht werde ich noch einmal froh sein in Polen Asyl zu bekommen!“

Als zweiter Redner des Abends berichtete Garcia-Lezama, dass er nur einen Pass hat und zwar den mexikanischen. Trotzdem fühle auch er, der als Ingenieur in der Automobilindustrie arbeitet, sich gezwungen in der AfD mitzuarbeiten: „Gerade als Ausländer sieht man, was Deutschland zu verlieren hat und wie schnell sich die Zustände in unserem Land verschlechtern! Man kann mit einem mexikanischen Pass in diesem Land prima leben, und trotzdem fühle ich mich Deutschland so verbunden, dass ich mit meiner Parteimitgliedschaft helfen möchte, den Niedergang zu bremsen.“

Einen ähnlichen Blick von außen, allerdings mit völlig anderem Ergebnis, hat der Limburger Dipl. Ing. Meysam Ehtemai. Geboren in Persien kam Ehtemai in den Wirren der islamischen Revolution als Kind nach Deutschland. Sein Vater gehört durch Gefängnis und staatliche Repression zu den wenigen Menschen, die wirklich Asyl nach Art 16 GG bekommen haben. Die Worte von Ehtemai über seine Integration werden den Besuchern noch lange in den Ohren klingen: „Ich konnte kein Wort Deutsch, saß auf einmal als Schulkind in einem demokratisch verfassten Staat und hatte gottseidank keine dieser ehrenamtlichen Helfer, die heute versuchen, alle Last von Migranten abzunehmen. Mir hat keiner etwas geschenkt, außer die Freiheit!“

Sein Weg zu einem akademischen Titel und zu einem vollwertigen aktiven Mitglied der deutschen Gesellschaft könnte ein ganzes Buch füllen. Auch für Ehtemai gehört zu einer vollwertigen Mitgliedschaft in einer demokratischen Gesellschaft die Teilhabe am politischen Leben. So war er bis Dezember 2018 Mitglied der SPD und in vielen gesellschaftspolitischen Positionen tätig. So als Ausländerbeiratsvorsitzender in Limburg und in der Europaunion. Groß war seine Verwunderung, dass er nach seinem Wechsel zur AfD in breiter Linie angegriffen wurde und „Säuberungsaktionen“ zum Opfer fiel. Er habe sich doch als Mensch nicht verändert, rief er mit Unverständnis den Rotgrünen zu. Er wollte die Methoden der Gutmenschen nicht ganz mit den Erfahrungen im Iran vergleichen und doch erkannten die Besucher die gleichen Schemata. Spannend auch die Tatsache, dass das Zurückgeben eines Iranischen Passes ein schwere bürokratische Aufgabe ist, der sich die Familie Ehtemai gerade unterzieht.

Den Abschluss der Vorstellungsrunde machte dann der Landessprecher. Robert Lambrou, erzählte von seinen griechischen Wurzeln und von seiner Kindheit zu einer Zeit, als er der einzige Ausländer in der Klasse war: „Mir ist gar nichts anderes übriggeblieben, als mich zu integrieren!“ Durch diesen guten Start unterscheide sich sein Weg zum Diplomkaufmann und sein Weg in die AfD wegen der Europroblematik nicht von „biodeutschen“ AfD-Mitgliedern. Lambrou sprach ausdrücklich von Assimilation und dass er gar nicht auf die Idee käme, einen anderen Pass als den Deutschen zu haben. Gerne besuche er regelmäßig seine Verwandtschaft in Griechenland, und verleugne nicht seine Wurzeln, aber dazu brauche er keinen griechischen Pass.

"Am Wort „Assimilation“ entzündete sich dann eine zielführende Diskussion. Das Gegenmodell zu den vier Teilnehmern auf dem Podium sind die Anhänger des türkischen Präsidenten, der Assimilation mit Völkermord gleichsetzt. Unter diesem völkisch-rassistischen Vorzeichen ist Integration deutlich erschwert, wenn nicht verhindert. Lambrou konnte mit einem weiteren Beispiel aus seiner Wiesbadener Heimatstadt die Problematik erläutern. Nachdem sich Kollege Ehtemai dafür ausgesprochen hat, die Verleihung der Staatsbürgerschaft, wie aus den USA bekannt, mit einem feierlichen Akt zu verbinden, erklärte der Landessprecher: „In der Landeshauptstadt Wiesbaden wird genau diese offizielle Zeremonie in einem angemessenen Rahmen zelebriert!“ Zur Verwunderung des Publikums setzte Lambrou fort: „ Und wenn sich dann zu diesem Festakt nur 15% der „neuen“ Deutschen einfinden, während die anderen sich ihre neuen deutschen Personaldokumente einfach so im Rathaus abholen, denke ich, hier läuft etwas grundsätzlich falsch. Man kann nicht von Integration sprechen, wenn den Menschen dieser tiefe Einschnitt in ihrem Leben egal ist. Hier sollte vor Zuerkennung der Staatsbürgerschaft eine echte Integration stattfinden. Und dabei schadet der Doppelpass mehr als er hilft.“ Alle vier Podiumsteilnehmer waren sich darin einig, dass Integration eine Bringschuld der Neuen ist, die Aufnahme in unserem tollen Land finden. Ebenfalls aus eigenen Erfahrungen schlossen alle vier, dass ein extrem und als Ideologie gelebter Islam ein Intergrationshindernis ist. „Eine Wahrheit, die man als optisch erkennbarer Zuwanderer leichter aussprechen kann“ so schloss Herr Ehtemai sein Statement, und fuhr fort mit der Aufforderung an Zuwanderer und gleichermaßen an „die die schon länger hier leben“ für die Werte der Aufklärung und eines säkularen Staates zu kämpfen. Den Abend schloss Marcus Marx, dem die Hanauer AfD alles Gute wünscht für die Direktwahl am 24.03.2019. Mit der souveränen diplomatischen Gesprächsführung trug er zum Erfolg des Abends bei und empfiehlt sich ein weiteres Mal für das Bürgermeisteramt in Gründau. Sein Leitspruch: „Handeln statt nur Verwalten!'", so die AfD abschließend in ihrer Pressemitteilung.

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