„Die Magie auf der Bühne erfordert hartes Training“

Hanau

Was auf der Bühne im Amphitheater so mühelos und elegant gesprungen, geschwebt und getanzt wird, ist das Ergebnis harten Trainings.

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Wie anstrengend und schweißtreibend es auch für Bühnen-Profis sein kann, eine neue Choreographie zu lernen, sich unbekannte Melodien zu erarbeiten und Texte in mitreißendes Schauspiel umzusetzen, zeigt der Blick hinter die Kulissen bei den Proben des Ensembles, die für das Muscial "Jacob und Wilhelm – Weltenwandler" gerade begonnen haben. Intendant Frank-Lorenz Engel hat sich für das kleine Jubiläum der 35. Spielzeit entschieden, dem Publikum der Brüder Grimm Festspiele etwas ganz Besonderes zu bieten und im Musical die Märchensammler selbst zu Wort kommen zu lassen. Dabei steht weniger die exakte Wiedergabe ihres Lebensweges im Vordergrund als vielmehr ein magisches Verweben ihrer ganz unterschiedlichen Charaktere mit den bekannten Figuren der von ihnen aufgeschriebenen Geschichten.

Wilhelm, der jüngere der beiden, will sich der Aufgabe widmen, die alten Volksmärchen vor dem Vergessen retten. Seine Argumente für dieses Projekt überzeugen aber weder das Kollegium der Marburger Universität noch seinen Bruder Jacob. Doch die Märchenwelt findet eigene Wege, den älteren der beiden doch noch von der Sinnhaftigkeit zu überzeugen. Ganz unverhofft steht Jacob plötzlich den Figuren, die sonst die Erzählungen bevölkern, gegenüber. Weit weg von der heimatlichen Schreibstube findet er sich in einem fantastischen Wald wieder, wo er Dornröschen, Rapunzel, Froschkönig, der Fischersfrau Ilsebil, Rotkäppchens Wolf und anderen seltsamen Wesen begegnet. Am Ende des magischen und spannungsreichen Abenteuers müssen die beiden Grimm-Brüder nicht nur die Welt der Märchen, sondern auch ihre eigene vor dem Untergang retten.

Bis es soweit ist, wird allerdings diskutiert und gestritten, debattiert und gesungen, getanzt und gerungen. Das Training und Proben dafür laufen traditionell im Herbert-Dröse-Stadion, wo die große Halle am Rand des Geländes, wo während der Sommermonate die Ferienspielkinder ihr Quartier haben, insbesondere für die raumgreifenden Tanz- und Kampfszenen viel Platz bietet. Beim Betreten des zum Tanzsaal umfunktionierten Raums fällt sofort die provisorische Spiegelwand ins Auge, die an der langen Breitseite aufgebaut ist. Damit haben alle Tänzerinnen und Tänzer ihre Bewegungen genau im Blick, während sie den Kommandos von Bart de Clercq folgen, der die komplizierten Bewegungsabläufe entwickelt hat. Der gebürtige Belgier gehört seit 2013 zum Kreativteam der Brüder Grimm Festspiele. Für seine Choreographien der preisgekrönten Inszenierung "Vom Fischer und seiner Frau" und dem Musical des vergangenen Jahres "Dornröschen" war er für den Deutschen Musical Theater Preis nominiert. In diesem Jahr hat er die Choreographien für das Musical sowie für das Familienstück "Die Bremer Stadtmusikanten" entwickelt.

Um seine Ideen von den Tanz- und Kampfszenen möglichst anschaulich zu verdeutlichen, steht im Hintergrund schon ein Miniaturmodell vom diesjährigen Bühnenbild. Der Entwurf, der wieder von Tobias Schunck stammt, wartet einmal mehr mit dem einen oder anderen Überraschungseffekt auf, der bei den Bewegungsabläufen berücksichtigt werden muss. Unterdessen haben die übrigen Mitglieder des Musical-Ensembles die Räume der Gaststätte belegt. Dort findet das gerade ein Gesangstraining statt, das nicht weniger Konzentration erfordert. "Du bist einen Halbton zu tief", korrigiert Marc Schubring, Komponist des Musicals aus dem Hintergrund, woraufhin Pascal Kierdorf sein Klavierspiel zunächst unterbricht, um dann den Sängerinnen des Ensembles in einer schnellen Tonfolge die korrekte Melodie noch einmal vorzuspielen. Als musikalischer Leiter des Musicals beweist er ebenso einen Hang zum Perfektionismus wie ausgeprägte Geduld und Humor. Als Peter Lewys-Preston als Wilhelm Grimm seinen Einsatz verpasst, weil er gerade mit Schubring noch ein Detail in der Notenschrift klärt, sorgt Kierdorf mit einem kleinen musikalischen Intermezzo aus der West Side Story für Heiterkeit und einem spontanen Solo von Jonas Hein.

Die Regie hat für "Jacob und Wilhelm – Weltenwandler" Jan Radermacher übernommen, der seit 2016 stellvertretender künstlerischer Leiter der Festspiele ist. In Hanau ist sein Name kein unbekannter, denn er gehört seit seinem Debüt in 2014, als er mit seinem Buch zu dem Stück "Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen" den ersten Autorenwettbewerb für sich entscheiden konnte, regelmäßig zum Kreativteam der Festspiele. In diesem Jahr zeigt Radermacher, mit der Inszenierung des Musicals eine neue Facette seines Könnens. Bis die Premierenfanfare am 10. Mai im Amphitheater erklingt, liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor dem Ensemble und dem Kreativteam. Erste Ergebnisse gibt es am Samstag, 27. April, zu sehen und zu hören, wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler zur mittlerweile traditionellen Roadshow in die Hanauer Innenstadt kommen, um zwischen 12 und 15 Uhr auf dem Marktplatz und im Forum Hanau auf den bevorstehenden Start der neuen Spielzeit hinzuweisen.

Hintergrund: Mit den Brüder Grimm Festspielen ehrt die Stadt Hanau seit 1985 die deutschen Märchensammler und Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm, die in Hanau geboren wurden. Jedes Jahr locken die preisgekrönten Festspiele rund 80.000 Besucher an. Bei den Grimm-Inszenierungen handelt es sich um Uraufführungen, die in den vergangenen Jahren mehrfach mit dem "Deutschen Musical Theater Preis" ausgezeichnet worden sind. 2019 finden die 35. Festspiele mit den Stücken "Jacob und Wilhelm - Weltenwandler" (Musical/Premiere am 10. Mai), "Die Bremer Stadtmusikanten" (Familienstück mit Musik/Premiere am 1. Juni), "Schneewittchen" (Schauspiel/Premiere am 8. Juni) sowie "Maria Stuart" (Reihe Grimm Zeitgenossen/Premiere am 18. Mai) vom 10. Mai bis 28. Juli statt. Spielstätte ist das überdachte Amphitheater im Park von Schloss Philippsruhe. In der Reihe "Junge Talente" wird in der Wallonischen Ruine außerdem "Die Leiden des Jungen Werther" (Premiere am 19. Juli aufgeführt). Weitere Informationen über die Brüder Grimm Festspiele gibt es im Internet unter www.festspiele.hanau.de. Tickets gibt es im Hanau Laden am Freiheitsplatz, an allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie im Internet unter www.frankfurt-ticket.de oder auch unter der Telefonnummer 069 / 13 40 400. Die Festspiel-Tickets berechtigen zwischen dem 10. Mai und dem 28. Juli 2019 auch zum kostenfreien Eintritt ins GrimmsMärchenReich, dem neuen Mitmachmuseum im Schloss Philippsruhe.

Fotos: BGF / Stadt Hanau


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