Als vor zwei Jahren das Märchen "Vom Fischer und seiner Frau" bei den Brüder Grimm Festspielen aufgeführt wurde, da regnete es nicht nur von Publikum und Presse Lob – es gab auch den Deutschen Musical-Theater-Preis für die beste Hauptdarstellerin und die besten Liedtexte.
Was lag also näher, als für die Erarbeitung eines Stückes über die Brüder Grimm selbst das Kreativ-Team von 2017 wieder zusammen zu trommeln?
"Never change a winning team" – so lautet im englischen Sprachgebrauch der gute Rat, an einer funktionierenden und erfolgreichen Mannschaft festzuhalten. Das hat sich Intendant Frank-Lorenz Engel zu Herzen genommen und die Inszenierung rund um die Namensgeber der Festspiele an ein Kreativ-Team herangetragen, das für seine gute Zusammenarbeit sogar schon preisgekrönt wurde: Autor Kevin Schroeder erhielt für seine "Fach-Anteile" an der erfolgreichen Inszenierung über den sprechenden Butt und die immer unzufriedene Fischersgattin die begehrte Auszeichnung der Musical-Branchenkenner, die Marc Schubring bereits für die Komposition von "Gefährliche Liebschaften" in München erhalten hatte. Nun sind sie also wieder dabei und wollen mit "Jacob und Wilhelm – Weltenwandler", das die 35. Festspiel-Saison am 10. Mai eröffnet, natürlich an den Erfolg von 2017 anknüpfen. Mit ihnen in der Riege der kreativen Köpfe: Künstler, deren Namen dem Hanauer Publikum keineswegs unbekannt sein dürften. Regie führt Jan Radermacher, die Choreographie und Co-Regie stammt von Bart de Clercq, die musikalische Leitung hat Pascal Kierdorf, das Arrangement macht Markus Syperek.
Wie aber kommen alle diese Komponenten unter einen Hut? Was ist zuerst da, wie wird untereinander abgestimmt, wer macht den Feinschliff? Fest steht jedenfalls: Am Anfang war die Idee. Die hatte zunächst Marc Schubring und stieß auf offene Ohren bei der Intendanz. "Frank-Lorenz Engel hat der Gedanke gefallen, ein Musical über die Brüder Grimm zu machen. Kevin Schroeder und ich haben dann zunächst gemeinsam eine Geschichte erarbeitet, die Kevin danach verfeinert und in Worte gefasst hat. Bei den Songs legen wir immer die genaue Situation fest, dann schreibe ich die Musik und danach schreibt Kevin den Text. Der nächste Schritt ist dann das ‚Putzen‘ der Songs", blickt Schubring zurück. Wie das Ganze angelegt sein sollte, darüber herrschte schnell Einigkeit bei Autor und Komponist: Keine trockene Biografie, sondern etwas Unterhaltsames sollte herauskommen. "Obwohl Jacob und Wilhelm eigentlich in Wirklichkeit wohl ein bisschen zugeknöpft waren", schmunzelt Kevin Schroeder, der sich gemeinsam mit Schubring zunächst durch eine große Menge historischer Daten, Fakten und Märchenfassungen ackerte, "wir wollten etwas Märchenhaftes, Zauberhaftes daraus machen. Und uns war klar, dass es kein weiteres Märchen-Mash-up werden sollte, sondern etwas Eigenes." Über mehrere Monate seien verschiedene Ideen entwickelt, weitergesponnen und auch wieder verworfen worden. Die Beschäftigung mit den Brüdern, ihrem Leben und den unterschiedlichen Märchen(figuren) sei aber hochspannend gewesen. Schroeder: "Das wäre auch eine super Netflix-Serie." Besonders herausfordernd sei bei diesem Projekt, dass es sich um zwei historische Figuren handele, aber eine phantastische Geschichte entstehen sollte. "Das ist ein schmaler Grat zwischen ‚was Neues schreiben‘ und trotzdem den Brüdern gerecht zu werden. Wir stellen uns vor allem die Frage ‚Was wollen wir am Ende erzählen?‘", erklärt der Autor.
Wie der Begriff "Weltenwandler" bereits andeutet, spielt sich das Musical in verschiedenen Welten ab, nämlich in der Realität und im Märchenreich. Um das zu betonen und unterschiedlichen Ebenen gegeneinander abzugrenzen, hat Marc Schubring sich entschlossen, zwei musikalische Richtungen einzusetzen: die kammermusikalische Realität und die poppigere phantastische Märchenwelt. Er sagt: "Die dramaturgische Funktion bestimmt den Charakter der Songs." Aber nicht nur musikalisch, auch sprachlich können sich die Zuschauer auf eine besonders große Bandbreite freuen. "Es sind doch ziemlich viele Figuren entstanden", stellt Kevin Schroeder fest, "das Publikum wird auch Charaktere aus älteren, nicht so bekannten Märchenfassungen kennenlernen. Ich bin sehr gespannt, wie das ankommt."
Bei den Kollegen des Kreativ-Teams haben er und sein musikalischer Partner jedenfalls schon gepunktet. Lob gibt es unter anderem von Regisseur Jan Radermacher, der ja immerhin die ganze "Bande" auf die Bühne bringen muss: "Die unterschiedlichen Welten in der Menschenwelt und vor allem die der Märchen sind von Kevin und Marc so wunderbar bunt illustriert! Man kann zusammen mit den Schauspielern immer wieder neue Facetten der Figuren und ihrer Welten entdecken. Zumal ist es bei einer Uraufführung so, dass man keinen schon vorher gegangenen Pfad gehen kann, sondern das ganze Stück zum allerersten Mal entdeckt. Somit geht man als Regisseur auf eine phantastische Abenteuerreise, die den Probenprozess ungeheuer spannend und vielfältig macht."
Und was ist mit dem Musicalpreis für den "Fischer" - Ansporn oder Angstfaktor? Marc Schubring bringt es diplomatisch auf den Punkt: "Eine Auszeichnung zu bekommen, ist immer etwas Tolles und wichtig, um das Genre Musical noch präsenter zu machen. So etwas kann schon beflügeln. Aber vor allem haben wir natürlich das Stück im Auge und dass es so gut wie möglich wird."
Hintergrund: Mit den Brüder Grimm Festspielen ehrt die Stadt Hanau seit 1985 die deutschen Märchensammler und Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm, die in Hanau geboren wurden. Jedes Jahr locken die preisgekrönten Festspiele rund 80.000 Besucher an. Bei den Grimm-Inszenierungen handelt es sich um Uraufführungen, die in den vergangenen Jahren mehrfach mit dem "Deutschen Musical Theater Preis" ausgezeichnet worden sind. 2019 finden die 35. Festspiele mit den Stücken "Jacob und Wilhelm - Weltenwandler" (Musical/Premiere am 10. Mai), "Die Bremer Stadtmusikanten" (Familienstück mit Musik/Premiere am 1. Juni), "Schneewittchen" (Schauspiel/Premiere am 8. Juni) sowie "Maria Stuart" (Reihe Grimm Zeitgenossen/Premiere am 18. Mai) vom 10. Mai bis 28. Juli statt. Spielstätte ist das überdachte Amphitheater im Park von Schloss Philippsruhe. In der Reihe "Junge Talente" wird in der Wallonischen Ruine außerdem "Die Leiden des Jungen Werther" (Premiere am 19. Juli aufgeführt).
Weitere Informationen über die Brüder Grimm Festspiele gibt es im Internet unter www.festspiele.hanau.de. Tickets gibt es im Hanau Laden am Freiheitsplatz, an allen bekannten Vorverkaufsstellen sowie im Internet unter www.frankfurt-ticket.de oder auch unter der Telefonnummer 069 / 13 40 400. Die Festspiel-Tickets berechtigen zwischen dem 10. Mai und dem 28. Juli 2019 auch zum kostenfreien Eintritt ins GrimmsMärchenReich, dem neuen Mitmachmuseum im Schloss Philippsruhe.