30 Jahre Frauenbüro Hanau

Hanau
Tools
Typographie
  • Smaller Small Medium Big Bigger
  • Default Helvetica Segoe Georgia Times

Das Frauenbüro Hanau feiert in diesem Jahr sein 30jähriges Jubiläum mit zahlreichen Sonderveranstaltungen und einer Akademischen Feier mit hohen Gästen als Abschluss im November 2020.

frauenbuerohanaujubilaeum.jpg

Im August 1990 nahm die erste Hanauer Frauenbeauftragte Rosemarie Lück in Hanau ihre Arbeit auf, nachdem von Ende 1987 bis 1990 das Frauenbüro des Main-Kinzig-Kreises mit drei Frauenbeauftragen sowohl für den Kreis als auch die Stadt Hanau zuständig war. Lück war damals für Förderung und Durchsetzung der Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern sowohl innerhalb der Verwaltung, als auch innerhalb der Kommune zuständig.

"Hanau war damit seiner Zeit voraus, denn erst 1994 gab es mit Inkrafttreten des Hessischen Gleichstellungsgesetztes den gesetzlichen Auftrag an die Kommunen, eine interne Frauenbeauftragte einzusetzen", erinnert Oberbürgermeister Claus Kaminsky bei der Jubiläumsjahr-Auftaktveranstaltung "Wie alles begann – Zeitzeuginnen berichten" im Forum Hanau mit Ilse Werder, Heidi Bär und Sylvia Daneke. Schon sein Vorgänger Hans Martin hätte zur damaligen Zeit erkannt, dass es wichtig sei die Gleichstellung und Förderung von Frauen innerhalb der städtischen Strukturen zu unterstützen. "Heute sind rund 50 Prozent der Führungspositionen in der Stadtverwaltung mit äußerst kompetenten Frauen besetzt!", stellt der OB fest. Das sei erfreulich, aber jedoch kein Grund sich auf dem Erreichten auszuruhen. "Wir müssen dranbleiben!", sagte Kaminsky.

"Zu Anfang gab es große Blockaden, Abwehr und Skepsis gegenüber den Frauenbeauftragten, die sich über die gesamte Verwaltung erstreckten", weiß Monika Kühn-Bousonville, die seit 2015 die Position als (externe) Kommunale Frauenbeauftragte innehält aus den Erzählungen ihrer Vorgängerinnen zu berichten. "Die trinken ja doch nur Kaffee und quatschen" sei ein gängiges Vorurteil gewesen. Auch Rosemarie Lücks Nachfolgerin, Imke Meyer, die sich von 1995 bis 2015 um Frauenbelange in Hanau kümmerte, berichtete über fehlende Akzeptanz und viel Ignoranz.

"Damals muss der Kampfeswille der Frauenbeauftragten sehr stark gewesen sein und es war bestimmt nicht leicht, den gesetzlichen Auftrag für Gleichberechtigung und den Abbau von bestehender Benachteiligung unter diesen Bedingungen umzusetzen", sagt Kühn-Bousonville. Das sei – auch aufgrund der durchaus positiven Erfahrungen - heute zum Glück nicht mehr so ausgeprägt, wenngleich auch nicht völlig verschwunden.  "Es hat zwar eine positive Entwicklung gegeben, was die Akzeptanz der Frauenbeauftragten innerhalb der Verwaltung betrifft, aber da ist durchaus noch Luft nach oben" stellt sie fest.  Auch heutzutage bekomme sie noch oft zu hören: "Frauenbüro? Gibt es denn auch ein Männerbüro?", berichtet Kühn-Bousonville. Die Intention der Arbeit der Frauenbeauftragten – nämlich Gleichberechtigung und Chancengleichheit für alle herzustellen - sei leider doch noch nicht in allen Köpfen angekommen.

Trotz aller Widerstände hätten die Frauenbeauftragten im Frauenbüro viel auf den Weg gebracht, um die Lebensbedingungen von Frauen in Hanau - innerhalb und außerhalb der Verwaltung - in allen Lebensbereichen zu verbessern, stellt Kühn-Bousonville fest. So habe Lück einen Frauenförderplan entwickelt, eine Studie zur Situation von Frauen in Hanau auf den Weg gebracht, erfolgreiche Berufsorientierungskurse ins Leben gerufen, Beratung für Frauen in allen Lebenslagen angeboten, die Gründung von einigen wichtigen Institutionen begleitet sowie Broschüren erarbeitet und zukunftsweisende Impulse gegeben.

Das Projekt: "Hanau-die Zeitbewusste Stadt", das Imke Meyer auf den Weg brachte, habe auch über die Grenzen Hanaus hinaus Anerkennung gefunden. Auch intern sei einiges in Bewegung gekommen, berichtet die aktuelle Frauenbeauftragte: "Es wurde ein Come-Back-Programm für Frauen, die aus dem Mutterschutz oder der Erziehungszeit kamen, aufgelegt, über die Anpassung von Arbeitszeiten der Beschäftigten an die Kinderbetreuung diskutiert und das Audit Familie und Beruf gestartet, dass das Ziel hat, eine noch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen", berichtet sie. Auch das Frauenplenum, in dessen Rahmen über Gleichberechtigung, Chancengleichheit und viele weitere Themen diskutiert werden konnte, wurde vom Frauenbüro ins Leben gerufen, genauso wie die Hanauer Frauenwochen, die in diesem Jahr zum 25 Mal stattfinden.

All diese umfangreichen und aufwendigen Projekte führten letztlich dazu, dass eine Teilung der Aufgaben des Frauenbüros in "intern" und "extern" erforderlich wurde. Im Jahre 2008 wurde Brigitte Keese zur Gleichstellungsbeauftragten für die Stadtverwaltung ernannt, um die internen Projekte zu begleiten. Heute teilen sich die Kolleginnen Kirsten Badock-Menz und Julia Bergmann diese Aufgabe. Imke Meyer konnte sich im Frauenbüro ab 2008 wiederum ganz den externen Projekten zur Unterstützung und Förderung der Frauen in der Kommune widmen.

"Das Thema Gewalt gegen Frauen beschäftigte die Frauenbeauftragten leider damals wie heute", berichtet Kühn-Bousonville, denn es sei eine Tatsache, dass es im Bereich häusliche Gewalt kein Rückgang zu verzeichnen gebe. "Jeden 3. Tag stirbt in Deutschland eine Frau durch eine Person im häuslichen Umfeld", berichtet sie. Mit vielen Aktionen und Veranstaltungen wurde und werde immer wieder versucht, das Thema "Gewalt gegen Frauen" aus der Tabuzone zu holen. "Der Hanauer Stadtlauf wurde 2001 ins Leben gerufen, findet in diesem Jahr zum 19. Mal statt, und ist schon eine feste Institution in Hanau", stellt sie fest. Das zeige auch die in den letzten Jahren stetig steigende Zahl der Teilnehmenden. "Auch die öffentliche Tanzaktion zu ‚One Billion Rising‘, die seit 2016 in Hanau stattfindet, geht auf die Gewaltproblematik ein", sagt Kühn-Bousonville. Am 14. Februar, um 16 Uhr, treffen sich auch in diesem Jahr wieder auf dem Marktplatz viele Menschen, um sich an dem internationalen Aktionstag ein Zeichen gegen Gewalt zu setzten und gemeinsam zu tanzen.

Sehr aktuell und ein Zeichen der sich verändernden Gesellschaft sei die Problematik der KO-Tropfen, die das Hanauer Frauenbüro ebenfalls aufgegriffen habe. "Denn nicht nur in Clubs oder in Disco, auch auf Festen und privaten Feiern müssen Frauen - und auch Männer - mit KO-Tropfen in ihrem Getränk rechnen. Die Vorfälle nehmen zu!", berichtet die Frauenbeauftragte. Hier stehe für das Frauenbüro die Präventionsarbeit an Schulen im Vordergrund. Zudem verteile es Armbänder an Frauen und Mädchen, mit deren Hilfe sich Drinks auf gängige KO-Tropfen testen ließen.

"Ebenfalls zur Prävention organisiert das Frauenbüro am 25. November - dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen - Filmvorführungen für Schulklassen zum Thema häusliche Gewalt", zählt sie weiter auf. "Auch mit unserer Bäckertüten-Aktion "Gewalt kommt mir nicht in die Tüte" bringen wir die Beratungs- und Hilfsangebote zu den Frauen nach Hause", so Kühn-Bousonville. Leider seien diese Aktionen und Veranstaltungen immer noch erforderlich, denn Gewalt gegen Frauen sei nach wie vor mit eins der wichtigsten Themen der Arbeit im Frauenbüro.

"Glücklicherweise hat sich in den Letzten 30 Jahren für Frauen auch vieles zum Positiven verändert", sagt Kühn-Bousonville. Frauen hätten in der Gesellschaft einen anderen Stellenwert, seien schulisch und beruflich erfolgreicher und würden mehr als 50 Prozent der Hochschulabschlüsse bestreiten. "Frauen sind beruflich besser eingebunden und kommen - sehr langsam – auch in den Führungsetagen an", stellt sie fest. Verändert habe sich dadurch auch der Bedarf an Betreuungsplätzen. "Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist ein wichtiges Erfordernis für berufstätige Frauen!" Um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen seien vor allem ausreichend Betreuungsplätze von Nöten. Aber auch die neue Generation der Väter wolle erfreulicherweise mehr in die Familienarbeit eingebunden werden und erhalten vom Gesetzgeber auch die Möglichkeit dazu.

"Für die Themen der Zukunft sind Frauenbeauftragte - auch 30 Jahre nach dem Beginn ihr Arbeit - unabdingbar. Sie sind wichtige Anlaufstellen für Frauen, sie einwickeln und unterstützen frauenpolitische Infrastruktur, sie bringen geschlechterspezifische Themen ein und geben Frauen eine Stimme", stellt Kühn-Bousonville fest. Geschlechtergerechtigkeit, Gleichberechtigung, gleiche Chancen, Lohngerechtigkeit und Altersarmut, seien nur einige der Themen die noch auf der Agenda des Frauenbüros stünden. "Die Errungenschaften der Frauen sind nicht in Stein gemeißelt und müssen nach wie vor verteidigt werden. Gerade in Zeiten des aufkeimenden Rechtspopulismus, der die Frauenrechte erneut in Frage stellt", ist sie sich sicher.

"Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist nicht nur Sache der Frauen. Wir alle sind gefragt, diese Herausforderungen anzunehmen und eine gerechtere Gesellschaft anzustreben", betont auch Oberbürgermeister Claus Kaminsky. "Das Hanauer Frauenbüro ist und bleibt eine wichtige Institution in unserer Stadt, und - nicht nur im Hinblick auf die angestrebte Kreisfreiheit - ein Angebot, auf das wir nicht verzichten können und wollen!", so der OB abschließend.

Im Laufe des Jahres finden verschiedene Jubiläumsveranstaltungen statt:
6.-16. März:  Über 45 Veranstaltungen im Rahmen der 25. Frauenwochen in Hanau 22. April, 19 Uhr: Podiumsdiskussion "Gleichberechtigung Frauensache? MÄNNERSACHE!" im Kulturforum am Freiheitsplatz mit Politikerinnen und Politikern 26. Mai, 19.30 Uhr: Comedy/Kabarett im Nachbarschaftshaus Tümpelgarten. Das Frauenbüro der Stadt Hanau präsentiert: Mädelsabend mit Bibi Maaß: "Ein Dreier - allein!"
19. Juni, 19 Uhr: Poetry Slam im Kulturform am Freiheitsplatz mit Sara Palys und Schülerinnen aus Hanauer Schulen 2. September, 16 Uhr: Auf den Spuren Hanauer Frauen…. Führung durch die Innenstadt mit Karolina Dols, Treffpunkt: Brüder-Grimm-Denkmal 2. Oktober, 19.30 Uhr: Soloprogramm Cornelia Gutermann-Bauer "Das wahre Leben ist doch anders"…. Frei nach Anton Tschechow im Nachbarschaftshaus Tümpelgarten 18. November, 15 Uhr: Akademische Feier in der alten Johanneskirche, Johanneskirchplatz 1, Hanau.
Redner u.a. OB Claus Kaminsky, Kai Klose - Staatsminister für Soziales und Integration, Vortrag von Antje Schrupp (deutsche Politikwissenschaftlerin, Journalistin, Buchautorin und Übersetzerin), Show-Act aus dem Ensemble der Hanauer Brüder Grimm Festspiele, musikalische Untermalung durch die Paul-Hindemith-Musikschule

Foto: Zum Auftakt des Jubiläumsjahrs sprachen (von links): Ilse Werder, Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD), Heidi Bär , Monika Kühn-Bousonville (aktuelle Frauenbeauftragte) und Sylvia Daneke im Forum Hanau.

Foto: Stadt Hanau

Gefällt Ihnen
VORSPRUNG-ONLINE?
Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!?
€0.50
€1
€2
€5
Eigener Betrag:
 
Powered by
BLOG COMMENTS POWERED BY DISQUS

PS: Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan von VORSPRUNG!