Gedenken zum 80. Jahrestag der Deportation jüdischer Menschen aus Hanau

Hanau
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Zur Erinnerung und zum Gedenken an die in der Zeit des Nationalsozialismus verschleppten und ermordeten jüdischen Kinder, Frauen und Männer aus Hanau fand am Montagabend, 30. Mai 2022, an der Gedenkstätte ehemalige Ghettomauer am Freiheitsplatz eine Gedenkstunde statt.

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Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD), Stadtverordnetenvorsteherin Beate Funck (SPD) und Irina Pisarevska, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hanau, hatten alle Interessierten herzlich zur Teilnahme eingeladen. Rund 100 Menschen, darunter Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Vertreterinnen und Vertreter der Politik, Schulen und der Kirche, folgten der Einladung. Kurzfristig zugesagt hatten zudem Bundespräsident a.D. Joachim Gauck und seine aus Hanau stammende Lebensgefährtin Daniela Schadt. Prof. Alfred Jacoby, Vorstand des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, hielt eine Rede.

Nach einer Psalmrezitation durch Kantor Juri Zemski, sprach Oberbürgermeister Claus Kaminsky zu den Gästen: "Wir sind heute zusammengekommen, um uns an eines der dunkelsten Kapitel unserer Stadt- wie Landesgeschichte zu erinnern und zu gedenken. Der Verschleppung und Ermordung Hanauer Mitbürgerinnen und Mitbürger im sogenannten ‚Dritten Reich‘", erinnerte der OB. Am 30. Mai 1942, vor 80 Jahren, habe die erste vom NS-Regime organisierte und willfährig ausgeführte Deportation von 86 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus Hanau und der Region vom Hauptbahnhof stattgefunden. Am 5. September 1942 sei ein weiterer Zug mit 78 Jüdinnen und Juden über Kassel in die Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager; nach Majdanek, Sobibor, Theresienstadt, Kaunas, Treblinka und Auschwitz gefahren.

"Jüdische Kinder, Frauen und Männer wurden mit der Reichsbahn in die planmäßige industrielle Ermordung geschickt: Juristen, Handwerker, Handelsleute, Angestellte, Hausfrauen, Kinder; Nachbarn, Freundinnen und Freunde, Bürgerinnen und Bürger Hanaus. Die Hanauer Stadtgesellschaft wurde von wichtigen und wertvollen Gliedern amputiert", erinnerte Kaminsky. Viele der Einwohnerinnen und Einwohner, der Mehrheitsgesellschaft Hanaus, hätten um das Schicksal der Jüdinnen und Juden gewusst, "aber man schaute weg, als sie "abgeholt" wurden oder vom Jüdischen Gemeindehaus in der Nürnberger Straße mit Koffern zum Hauptbahnhof laufen mussten", berichtete der OB.

Aber nicht nur an diesen beiden Tagen im Mai und September 1942 sei es zu beispielloser Ausgrenzung, Entrechtung, Raub, Flucht, Vertreibung, Misshandlung, Zwangsarbeit, Freitod und Ermordung gekommen, die 1933 mit der Machtübernahme Hitlers und seiner Schergen begonnen habe. "Wir erinnern uns und gedenken auch heute an diesem Ort insgesamt 232 jüdischer Kinder, Frauen und Männer, die in Hanau geboren wurden oder hier lange Zeit lebten, ehe sie während des Zweiten Weltkriegs in Europa ausgegrenzt, verfolgt, ausgebeutet, in Konzentrationslager oder Ghettos verbracht wurden, Zwangsarbeit leisten mussten, den Freitod wählten oder in Vernichtungslagern ermordet wurden. Nur wenige konnten dem Morden entfliehen oder zuvor auswandern. Nur weil sie Juden waren, wurden die Menschen umgebracht. Nur weil sie aus ideologischen Gründen nicht in das abstruse rassistische Weltbild des Nationalsozialismus passten", sagte Kaminsky.

Nie dürften zeitliche und etwaig emotionale Distanzen zur NS-Zeit dazu führen, die damaligen Ereignisse zu verdrängen oder gar zu verharmlosen, betonte der OB.  "Angesichts wieder zunehmenden Rechtsextremismus´, von Verschwörungsmythen und Antisemitismus müssen wir mit Wissen und Reflexion die Verpflichtung der heutigen aber auch der kommenden Generationen ableiten, alles daran zu setzen, dass sich derartiges - durch Hass und Misstrauen gesätes – Leid nie wieder wiederholen darf. Dies sind wir den Opfern schuldig. Arbeiten wir alle zusammen, beständig und immer, in dieser vielfältigen, offenen Gesellschaft, für Versöhnung, Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Frieden, Freiheit, Verständigung und Toleranz", forderte  Oberbürgermeister Kaminsky.

Prof. Alfred Jacoby, Vorstand des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, erinnerte an die Entstehung der Ghettos und der Pogrome und sprach über die Aufarbeitung des Holocaust, die nach dem Krieg nur schleppend erfolgte. "Erst mit der Zeit entwickelte sich eine Erinnerungskultur, die wir nun durch sogenannte ‚Stolpersteine‘ oder eine Gedenkmauer wie diese hier in Hanau pflegen", so Jacoby, dessen Eltern den Holocaust überlebten und – wie er berichtete "von den schrecklichen Erlebnissen in dieser Zeit ihr Leben lang geprägt waren". Jacoby warnte vor der "Banalität des Bösen" und zog Vergleiche zum rassistisch motivierten Attentat auf 9 junge Menschen am 19. Februar 2020 in Hanau. "Die Geschichte wiederholt sich jetzt in der Ukraine, wo unter fadenscheinig konstruierten Vorwänden ein ungerechtfertigter Angriffskrieg von Russland geführt wird und unschuldige Menschen gefoltert und getötet werden", sagte Jacoby. Er forderte die Politik auf, alles Mögliche zu unternehmen, um dem Aggressor Putin Einhalt zu gebieten.

Anschließend folgte die Verlesung der Namen der im Nationalsozialismus verschleppten und ermordeten Hanauer Jüdinnen und Juden durch Schülerinnen und Schüler der Otto-Hahn-Schule Hanau. Die Gedenkstunde endete mit dem El Male Rachamim, dem Gebet für die Opfer des Nationalsozialismus durch Kantor Juri Zemski. Die Gedenkstätte Ehemalige Ghettomauer wurde 2010 in Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Hanau, dem Arbeitskreis Christen und Juden der evangelischen Kirche, dem Fritz-Bauer-Institut Frankfurt am Main, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hanau e. V. und dem Hanauer Geschichtsverein 1844 e.V. von der Stadt Hanau erarbeitet und eingeweiht. Individuelle Gedenktäfelchen erinnern an 232 jüdische Hanauerinnen und Hanauer, die in der Shoah ermordet wurden. Am 30. Mai 1942 erfolgte die erste von zwei Deportationen jüdischer Kinder, Frauen und Männer vom Hanauer Hauptbahnhof in die Konzentrations- und Vernichtungslager.

Eine weitere Gedenkveranstaltung findet am 5. September 2022, dem Tag der zweiten Deportation, am Hanauer Hauptbahnhof statt.

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Quelle: Stadt Hanau


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