Jüdische Kultur und Religion: Facettenreich und lebendig

Blick auf die Startseite des virtuellen Rundgangs durch das jüdische Gemeindehaus in Hanau. Mit „Judentum digital“ lassen sich jüdisches Leben und Kultur online erkunden.

Hanau
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Mit dem Projekt „Judentum digital“ geht die Jüdische Gemeinde Hanau neue Wege: Sie lädt auf innovative Weise alle Interessierten dazu ein, sich mit dem jüdischen Glauben und der jüdischen Kultur zu beschäftigen.

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„Wir setzen damit auch ein Zeichen gegen Vorurteile und Hass. Denn viele Menschen in Deutschland wissen eigentlich gar nichts mit jüdischem Leben anzufangen“, erklärte Oliver Dainow, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Hanau, im Gespräch mit Landrat Thorsten Stolz (SPD). Dieser besuchte die Jüdische Gemeinde in Hanau und informierte sich über das neue Projekt, das sich auch an Schulklassen wendet. „Wegen der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie konnten wir in den zurückliegenden Monaten keine Klassenbesuche in der Synagoge ermöglichen.

Deshalb hat die Jüdische Gemeinde Hanau beschlossen, mit einem Projekttag direkt in die Schulen zu gehen und dort mit den jungen Leuten anhand des digitalen Rundgangs die Grundlagen des jüdischen Glaubens und der jüdischen Kultur zu erarbeiten, erklärte Oliver Dainow. Das Projekt wurde im Rahmen von „Hessen aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ gefördert. Erste Schule war die benachbarte Karl-Rehbein-Schule. Auf der Homepage der Jüdischen Gemeinde ist ein Film über dieses Projekt abrufbar (www.jg-hanau.de).

„Judentum digital“ bietet einen virtuellen Rundgang durch das Gemeindehaus und die Synagoge. Start ist dort, wo Besucherinnen und Besucher sonst auch als allererstes eintreten: ins Foyer der Jüdischen Gemeinde. Der Bezug zum heutigen Gemeindehaus in Hanau wird durch das bunte Bild eines Glasmosaik-Schwans hergestellt, das dort im Eingangsbereich auf die frühere Geschichte des Hauses als Sitz der Zahnradfabrik Schwahn verweist. Wer auf die im interaktiven Foyer zu sehenden Türen klickt, erfährt etwas über die Synagoge selbst, wie sie aufgebaut ist und warum Männer dort eine Kopfbedeckung, die „Kippa“ tragen. Weitere Themengebiete sind jüdische Feiertage und das Lehrhaus. Dabei gelingt es Oliver Dainow, Geschichte und Tradition in verschiedenen Kurzvideos gut verständlich zu erklären und in die heutige Zeit zu transportieren.

„Die virtuellen Gäste erleben auf digitalem Weg interessante Begegnungen. Es geht uns bei dem Projekt auch darum, dass wir die ganze Bandbreite jüdischen Lebens zeigen, losgelöst vom Holocaust, so wichtig die Beschäftigung damit auch ist“, erläuterte Dainow. Die Zeit der Verfolgung und Ermordung von Juden und Jüdinnen während der Nazi-Diktatur sei ein Kapitel deutsch-jüdischer Geschichte, das nicht in Vergessenheit geraten dürfe. Gerade in der heutigen Zeit gehöre es für jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger zum traurigen und bedrückenden Alltag, sich vor Anfeindungen und sogar Angriffen schützen zu müssen. „Die Sorge, Ziel eines Angriffs zu werden, ist allgegenwärtig“, erklärte Oliver Dainow. Er erläuterte dem Landrat deshalb auch, welche umfangreichen Vorkehrungen das Land Hessen zum Schutz jüdischer Einrichtungen auch in Hanau beschlossen habe. Religiöse Zusammenkünfte waren schon in der Vergangenheit nicht ohne Polizeischutz und Sicherheitsmaßnahmen möglich. Der abschließbare Zaun rund um das Gebäude sei deshalb kein Zeichen der Abschottung gegenüber der Außenwelt, sondern notwendiges Übel. „Es wäre uns natürlich lieber, wenn wir unsere Türen weit offenhalten könnten“, betont Oliver Dainow.

„Wir erleben seit einigen Jahren in Deutschland verstärkt die Situation, dass Menschen mit jüdischem Glauben angegriffen und angefeindet werden und Terroranschläge auf Synagogen und die dort ein- und ausgehenden Menschen verübt werden. Das bereitet mir große Sorge und es ist für unsere gesamte Gesellschaft wichtig, dass wir hier entschieden gegensteuern und Antisemitismus benennen und verurteilen. Die freie Religionsausübung ist ein Grundrecht in Deutschland und antisemitische Äußerungen, Anfeindungen, Drohungen und sogar tätliche Angriffe sind etwas, das wir nicht tolerieren und das wir gemeinsam bekämpfen müssen“, stellte der Landrat fest. Es sei gut zu sehen, dass sich in Hanau in den zurückliegenden Jahren wieder eine jüdische Gemeinde etabliert hat – nach den Gräueltaten und der Ermordung so vieler jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger während der Nazizeit. „Umso unerträglicher ist es, wenn wir sehen, dass dieser Hass auf Menschen nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit noch immer nicht überwunden ist und sogar noch Zulauf bekommt. Das Projekt ,Judentum digital‘ ist eine tolle Idee, um insbesondere jungen Menschen jüdische Religion und Kultur näher zu bringen. Aber auch für Ältere ist der virtuelle Rundgang spannend und informativ “, erklärte Thorsten Stolz.

All das sei aber auch ein großer Ansporn, immer wieder den Blick in die Zukunft zu richten und zu zeigen, wie lebendig und facettenreich das Judentum ist. Neben religiösen Aktivitäten werden Integrationssprachkurse, Computerkurse und eine Sonntagsschule für Kinder und Jugendliche angeboten. Es gibt einen Seniorenclub und ein Kulturprogramm mit Konzerten und Vorträgen. 2019 wurde das Jüdische Lehrhaus in Hanau eröffnet, im selben Jahr hatte die Jüdische Gemeinde erstmals zu Jüdischen Kulturwochen eingeladen. Diese finden in diesem Jahr wieder von September bis Dezember statt und bieten ein reichhaltiges Programm: Ausstellungen, Vorträgem, Führungen, Konzerte und einen Tag der offenen Tür. Mehr dazu gibt es auf der Seite der Jüdischen Gemeinde unter www.jg-hanau.de.

Die Gemeinde musste gerade in der Corona-Pandemie Lösungen finden, wie Gottesdienste weiterhin gefeiert und gleichzeitig die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden können – und hat kreative Ideen entwickelt. Auch digitale Kommunikation sei durch diese kontaktarme Zeit erheblich verbessert worden, auch wenn die Umstellung sicherlich nicht für alle einfach war. Der Landrat wünschte der Jüdischen Gemeinde für das laufende Projekt viel Erfolg und sagte seine Unterstützung zu. „Es ist wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben. Der virtuelle Rundgang ermöglicht Einblicke und ist auch eine Einladung, sich näher mit jüdischem Leben zu beschäftigen“, so Landrat Thorsten Stolz.

Hintergrund
Seit 2005 gibt es in Hanau wieder eine jüdische Gemeinde, nachdem zwei vorherige bei Pogromen zerstört wurden: einmal im Spätmittelalter und dann noch einmal 1938 während der Zeit des Nationalsozialismus. 230 Hanauer Juden und Jüdinnen wurden im Holocaust ermordet. Es dauerte 67 Jahre, bis erneut eine Jüdische Gemeinde in Hanau gegründet wurde. Ihr gehören Menschen aus dem gesamten Main-Kinzig-Kreis an.

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