Flüchtlinge vereint gegen Gewalt

Cornelia Gasche (links), Frauenbeauftragte der Stadt Hanau, ist begeistert vom Engagement der Geflüchteten für den diesjährigen Stadtlauf unter dem Motto „Stärke zeigen – gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“.

Hanau
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Sie kommen aus unterschiedlichen Ländern, haben verschiedene Hautfarben, sprechen nicht die gleiche Sprache.

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Aber eines haben die Kinder und Jugendlichen auf Sportsfield Housing in Hanau gemeinsam: Sie sind vor Krieg und Gewalt geflohen und haben in der Brüder-Grimm-Stadt eine Zuflucht gefunden. Nun möchten sie gemeinsam gegen Gewalt demonstrieren. Und zwar gegen die Gewalt an Frauen. "Der Hanauer Stadtlauf setzt ein deutliches Zeichen der Stadtgesellschaft gegen Gewalt an Frauen. Er stärkt als Gemeinschaftsereignis auch verschiedene Gruppen und Unternehmen, die sich hier zum Laufen treffen. Ich freue mich besonders über das Engagement der Hanauer Johanniter und der städtischen Ukrainehilfe. Sport verbindet", ordnet Oberbürgermeister Claus Kaminsky ein. Mit einer sehr großen Gruppe werden Geflüchtete beim Stadtlauf in Hanau am Freitag teilnehmen, der um 17 Uhr auf dem Marktplatz startet. Anmelden können sich Interessierte am Starttag zwischen 14 und 16.30 Uhr im Wettkampfbüro im Rathaus, Informationen sind auf der Internet-Seite hanauer-stadtlauf.de zusammengefasst.

Organisiert hat die Laufgruppe Dr. Benjamin Bieber von den Johannitern, die sich vor allem um die Ukraine-Flüchtlinge kümmern. Angesprochen für den Stadtlauf wurden aber auch die Flüchtlinge aus anderen Ländern, etwa aus Syrien, die derzeit in der bereits seit 2015 bestehenden städtischen Einrichtung des ehemaligen US-Army-Wohngeländes aufgenommen werden. Nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine hatte die Stadt kurzfristig auch den Teil von Sportsfield-Housing dazu gemietet, der früher zeitweise als Aufnahmeeinrichtung des Landes genutzt wurde.

Hier ist praktisch auch das "Trainingszentrum" für die bunt gemischte Gruppe eingerichtet worden. Auf den Rasenflächen zwischen den Wohngebäuden treffen sich regelmäßig rund 50 Geflüchtete – vor allem Kinder und Jugendliche -, um sich für den Stadtlauf fit zu machen. Schließlich möchte man ein kraftvolles Bild abgeben, wenn viele Läufer und Geher aus allen Bereichen der Stadt ihr Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit abgeben.

Trainiert wird unter Anleitung von Dr. Benjamin Biber. Nicht verbissen, sondern ganz locker. Und dabei finden einige Kinder, bei denen man nur ahnen kann, was sie erlebt haben, sogar ihr Lachen wieder. Stretchen oder Stehen auf einem Bein kann manchmal auch ganz komisch aussehen und Lachen ist schließlich eine universelle Sprache. Ohnehin spielt der unterschiedliche Wortschatz keine große Rolle. Teilweise läuft‘s auf Englisch, nicht wenige haben auch schon deutsche Begriffe gelernt und wenn gar nichts mehr geht, hat man ja Hände und Füße.

Damit die bunt gemischte Gruppe auch gut beim Lauf erkennbar ist, haben die Johanniter einheitliche T-Shirts gespendet, die jetzt von der Organisation, vertreten durch Bereichsleiter Christian Keller und den ehrenamtlichen Vorstand des Regionalverbandes Karl-Friedrich von Knorre, an den Leiter der städtischen Koordinierungsstelle Ukraine, Sven Holzschuh, übergeben wurden. Mit dabei waren auch Hanaus Frauenbeauftragte Cornelia Gasche und Stadtlauforganisator Thomas Ritter, die sich beide begeistert zeigten vom Engagement der Geflüchteten.

Dass sich für den guten Zweck Geflüchtete unterschiedlicher Nationen zusammenfinden und eine Gemeinschaft bilden, um die Stadt bei ihrem Anliegen zu unterstützen, "finde ich einfach prima" so Cornelia Gasche. Gewalt gegen Frauen sei schließlich ein internationales Thema. Sie finde in fast allen Ländern statt "aber auch in Deutschland, in Hanau und in unserer Nachbarschaft" erklärte die Frauenbeauftragte. Sexualisierte Gewalt werde als ritualisierte männliche Waffe der Überlegenheit eingesetzt. Sie trete in patriarchalischen Strukturen auf und besonders auch da, wo jegliche Ordnung und die Grenzen der Menschlichkeit aufgehoben scheinen, wie etwa in Kriegsgebieten. "Ich finde es daher so eindrucksvoll, dass sich in Sportsfield Menschen, die ihre Heimat wegen Bedrohung und Krieg verlassen mussten, die Gewalt gesehen und erlebt haben, zusammenfinden und nun gemeinsam Stärke und Haltung zeigen" betont Cornelia Gasche. Genau dies sei das Ziel des Benefizlaufes: öffentlich aufmerksam machen, öffentlich gemeinsam Haltung zeigen.

Die Geflüchteten auf Sportsfield Housing sind dazu jedenfalls fest entschlossen und haben dafür alle Sprachbarrieren und Nationalitätengrenzen überwunden. Sogar das große Tor im Zaun, das bisher die beiden Flüchtlingsunterkünfte trennte, wurde dafür geöffnet. Am 16. September wird jedenfalls eine große Gruppe Menschen aus Kriegsgebieten mit durch die Stadt laufen und gegen Gewalt demonstrieren. Wie üblich beim Stadtlauf werden die Läuferinnen und Läufer jeweils von den Zuschauerinnen und Zuschauern mit Applaus bedacht. Bei den Kindern und Jugendlichen, für die Gewalt keine Theorie, sondern erlebte Realität gewesen ist, dürfte der Applaus wohl besonders herzlich ausfallen, vermuten Sven Holzschuh und Dr. Benjamin Bieber und ergänzen: "das haben sie sich aber auch verdient".

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Dank der Johanniter-Unfallhilfe werden die Kinder und Jugendlichen aus den verschiedenen Kriegsgebieten beim Stadtlauf in einheitlichen T-Shirts gegen Gewalt an Frauen demonstrieren. Die Offiziellen sind jedenfalls schwer begeistert von dem Engagement der Geflüchteten (hintere Reihe von links): Stadtverordnete und Sportcoach Gabriele Ewald, Stadtlauf-Organisator Thomas Ritter, Frauenbeauftragte Cornelia Gasche, Johanniter-Bereichsleiter Christian Keller, der Leiter der Koordinierungsstelle Ukraine, Sven Holzschuh, Johanniter-Regionalvorstand Karl-Friedrich von Knorre und der Organisator der Aktion, Dr. Benjamin Bieber.

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Cornelia Gasche (links), Frauenbeauftragte der Stadt Hanau, ist begeistert vom Engagement der Geflüchteten für den diesjährigen Stadtlauf unter dem Motto „Stärke zeigen – gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“.