Tiefe Einblicke in die vom Krieg zerrüttete Seele ukrainischer Menschen hat ein Benefiz- und Gesprächsabend der Medizinhilfe Karpato-Ukraine geliefert.
Tiefe Einblicke in die vom Krieg zerrüttete Seele ukrainischer Menschen hat ein Benefiz- und Gesprächsabend der Medizinhilfe Karpato-Ukraine geliefert.
Im Gemeindezentrum der wallonisch-niederländischen Kirche in Hanau hielt Maxym Tkalych, Juraprofessor der Universität Saporischschja, eine eindrucksvolle Rede über die Situation in seiner Heimat. Rund 30 Interessierte verfolgten die Schilderungen des 41-Jährigen gebannt und bewegt. „Die Psyche der Menschen steht am Abgrund“, sagte Tkalych im Gespräch mit dem Hanauer Journalisten, Holger Kliem, der den Abend moderierte.
Die Heimatstadt des Ukrainers liegt nur knapp 30 Kilometer von der Front entfernt. Die Region um die ehemals 800.000 Einwohner starke Stadt ist bekannt durch Europas größtes Atomkraftwerk, das auch immer wieder im Zentrum von Kämpfen steht. Saporischschja selbst ist weiterhin nahezu täglich russischen Luftangriffen mit Raketen und iranischen Kamikaze-Drohnen ausgesetzt. „Sie terrorisieren gezielt die Zivilbevölkerung und zerstören die Infrastruktur, insbesondere die Strom- und Heizkraftwerke. Mittlerweile wurden deshalb Zeitpläne für die Stromversorgung der Bürger eingeführt. Die zentrale Warmwasserversorgung wurde eingestellt. Warmwasserbereiter dürfen nicht mehr eingeschaltet werden, um Strom zu sparen“, sagte Tkalych sorgenvoll im Hinblick auf den Winter.
Vor dem Krieg war Saporischschja das industrielle Zentrum der südöstlichen Ukraine. In der Stadt gab es eine große Anzahl von Industrieunternehmen, von denen die meisten heute nicht mehr in Betrieb sind. Viele Menschen hätten aber trotz der massiven Bedrohung weiter enormen Mut und Antrieb, das alltägliche Leben zu meistern. „Egal wie schrecklich die Lage ist, sie arrangieren sich mit der Situation und versuchen zu überleben.“ Noch deutlich schlimmer sei es in den russisch besetzten Gebieten. „Dort herrscht willkürlicher Terror. Viele Menschen wurden bereits getötet, die Bilder von Massengräbern gehen um die Welt. Beschlagnahmung des Eigentums der Bewohner und Raub sind ein wichtiges Element der Besatzungspolitik. Energie, Wasser und Lebensmittel fehlen. Informationsquellen wie TV und Internet seien abgeschaltet oder blockiert“, so Tkalych. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht mit Blick auf den Ukraine-Krieg von der größten Vertreibung von Personen seit Jahrzehnten. „Etwa 14 Millionen Menschen wurden seit dem 24. Februar aus ihren Häusern vertrieben“, sagt UNHCR-Chef Filippo Grandi.
Umso dankbarer seien die Menschen für die Hilfsbereitschaft der Deutschen, sowohl der Politiker, aber vor allem auch der vielen privaten Initiativen wie die in Hanau. Seit dem Kriegsbeginn hat die Medizinhilfe bereits neun Sattelschlepper und vier Transporter mit Hilfsgütern in die Ukraine gebracht. Aktuell holen zudem private „Volunteers“ aus der Ukraine mit ihren Autos weiteres Hilfsmaterial. Bei der Medizinhilfe organisiert das die Hanauer Ärztin Dr. Martina Scheufler mit einem großen Netzwerk aus Kontakten, die oft bereits seit über 20 Jahren existieren - von der Westgrenze der Ukraine bis in die Kriegsregion im Osten.
Zwar sind aktuell alle Männer bis zum 60. Lebensjahr zum Kriegsdienst eingezogen und dürfen die Ukraine nicht verlassen, es gibt aber einige, wenige Ausnahmen. Sie dürfen zum Beispiel aus dem Land ausreisen, um bei der Rückkehr humanitäre Hilfsgüter in die Ukraine zu transportieren. So besuchte Tkalych in den vergangenen Tagen zunächst seine Frau, die in der Schweiz Unterschlupf gefunden hat und vor wenigen Tagen das zweite Kind des Paares zur Welt gebracht hat und seine Eltern, die nach Berlin geflüchtet sind und bei seiner Cousine wohnen. In Hanau packte er am Tag nach seinem Vortrag zusammen mit der Medizinhilfe sein Auto voller Kartons mit Verbandsmaterial, Medikamente sowie Naht- und Wundmaterial im Wert von über 10.000 Euro für die Heimreise. „Die humanitäre und medizinische Hilfe muss weiter gehen, sie sollte sogar ausgeweitet werden. Vor allem wünschen wir uns aber, dass der zerstörerische Krieg bald beendet wird“, sagt Dr. Martina Scheufler beim Abschied. Tkalych ist mittlerweile in seiner Heimat angekommen. Die Hilfspakete wurden bereits an die verschiedenen ärztlichen Empfänger im Raum Saporischschja übergeben. Derweil bereitet die Medizinhilfe die nächsten Transporte vor, unter anderem einen Sattelschlepper voller medizinischer Güter nach Kiew – noch vor Weihnachten.
Über die Medizinhilfe:
Die Medizinhilfe Karpato-Ukraine aus Hanau ist eine 1996 gegründete humanitäre Initiative. Der Schwerpunkt liegt auf der Verbesserung der medizinischen Versorgung - ursprünglich vorrangig in der Region Transkarpatien, seit Kriegsbeginn erstreckt sich die Hilfe auf das gesamte Land.
Spendenkonto:
Wer die Hanauer Medizinhilfe Karpato-Ukraine unterstützen möchte, überweist unter dem Verwendungszweck „Medizinhilfe“ Geld auf das Konto bei der Sparkasse Hanau mit IBAN DE62 5065 0023 0000 0503 51. Ab 300€ stellt das Team des Kirchenkreisamtes Spendenquittungen aus – bis zu der Summe reicht der Kontoauszug als Nachweis.




Emotionaler Bericht aus dem Kriegsgebiet: Maxym Tkalych bei seinem Vortrag im Gemeindezentrum der wallonisch-niederländischen Kirche in Hanau.

Selfie bei der Abreise: Maxym Tkalych mit Dr. Martina Scheufler und Wolfgang Felhauer.
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