Vertrauen schaffen in der Fremde

Hanau

Sechs Willkommenslotsen stehen vor einem Wohnblock in Hanau bereit, um drei Flüchtlingsfamilien aus der Erstaufnahmeeinrichtung des Main-Kinzig-Kreises in Hof Reith in Schlüchtern zu empfangen.

Interkulturelle Wochen im Main-Kinzig-Kreis
Harth & Schneider

Für die Lotsinnen und Lotsen ist es das erst Mal, dass sie ihre Kenntnisse aus der interkulturellen Schulung der Stadt Hanau in der Praxis umsetzen können. Für Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel sind sie wichtige Brückenbauer in der städtischen Willkommensstruktur. Sie trügen dazu bei, dass sich Menschen, die vor Krieg und Terror geflüchtet sind, in Hanau möglichst schnell zurechtfinden und integrieren können.

Wenn es an einer gemeinsamen Sprache fehlt, geraten ehrenamtliche Lotsen schnell an ihre Grenzen. Die syrische Familie spricht nur Arabisch. Angelika Herbert-Müller kommt mit Englisch nicht weiter. Beide Seiten versuchen eine Kommunikation mit Händen und Füßen. Das lockert zumindest die Atmosphäre. Dann kommt Mustapha Jebabli. Kaum sind die ersten Worte in der vertrauten Sprache gewechselt, geht ein Lächeln über die Gesichter von Vater, Mutter und den zwei vier und fünf Jahre alten Söhnen. Der Tunesier mit deutschem Pass begleitet die Vier in die neue Bleibe im dritten Stock des Wohnblocks. Er hat in den vergangenen sechs Monaten mit weiteren 37 Frauen und Männern an den sechs Modulen der Willkommenslotsen-Schulung im Mehrgenerationenhaus Fallbach teilgenommen. Die Gruppe ist bunt gemischt. Die Teilnehmenden sind zwischen 35 und 78 Jahre alt. Viele engagieren sich bereits in den Bereichen Kirche, Politik, Senioren- und Sozialarbeit oder haben eine Flüchtlingsgeschichte. Dieser Tage überreichten ihnen Stadtrat Weiss-Thiel ihr Zertifikat als Willkommenslotsen. Die Ausbildung wurde aus Mitteln des hessischen Landesprogramms „WIR“ (Wegweisende Integrationsansätze Realisieren) finanziert.

„Wer sich in diesem sensiblen Bereich ehrenamtlich einbringen möchte, bekommt von uns das Rüstzeug dafür“, betont der Sozialdezernent. „Wir stehen meines Erachtens als Stadt in der Verantwortung, dass ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingsbetreuung auf soliden Beinen steht und sich die Interessierten gut auf das Ehrenamt vorbereitet fühlen.“ Diese Maßgabe garantiert auch die städtische Freiwilligenagentur, die in das Betreuungskonzept für Flüchtlinge fest eingebunden ist. „Mit der ersten Generation unserer ausgebildeten Willkommenslotsen, die die dezentrale Unterbringung begleiten, sammeln wir wichtige Erfahrungen, was beide Seiten brauchen. Auf die können wir dann zurückgreifen, wenn im August die kommunale Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Sportsfield-Gelände in Wolfgang in Betrieb geht.“ Für die Lotsenschulung hat die Stadt Frank Dölker von der Hochschule Fulda gewinnen können. Er ist Migrationsforscher und Trainer für  transkulturelle Kompetenz. Das Seminar ist breit angelegt und erfordert von den Teilnehmenden auch ein Stück Selbsterfahrung. Wie gehe ich mit Fremdheit um? Wie sind meine sozialen und familiären Prägungen? Was ist mein „Gewinn“ als Willkommenslotse? „Dieses Reflektieren hat mir viel gebracht“, sagt Burkhard Huwe. Als Beispiel nennt er seine Erkenntnisse bezüglich der Unterschiede im Zeitbegriff. „Die deutsche Pünktlichkeit ist weltweit wenig verbreitet. Zeit wird in den meisten Kulturkreisen eher als Raum verstanden.“ Wenn Willkommenslotsen das bewusst sei, komme es  vermutlich an dieser Stelle bei der Begleitung von Flüchtlingen nicht mehr zu kulturellen Missverständnissen.

Ganz wichtig ist nach Ansicht Dölkers, „dass Ehrenamtliche sich von einem Defizit-Denken verabschieden“. Sie sollten sich nicht als Problemlöser verstehen, sondern die Flüchtlinge dabei unterstützen, in der Fremden gut anzukommen, sich willkommen zu fühlen und auf eigenen Beinen stehen zu können. Hilfe zur Selbsthilfe eben. Das kann bedeuten, Menschen in der Unterkunft die Funktionsweise eines Elektroherdes oder einer Waschmaschine zu erklären, sie zu Behörden zu begleiten, sie mit in den Sportverein zu nehmen oder ihnen zu zeigen, wo der nächste Supermarkt ist.

Letzteres haben die Willkommenslotsen Angelika Herbert-Müller, Stefan Weiß und  Selahattin Duru bei ihrem ersten Praxistest gemacht. Jeder Lotse fühlt sich für eine der drei Flüchtlingsfamilien verantwortlich, hat Telefonnummern ausgetauscht und das nächste Treffen mit ihnen vereinbart. „Wir bieten ihnen unsere Hilfe an und sie sagen uns was sie möchten“, erklärt Angelika Herbert-Müller das weitere Vorgehen. „Wir wollen ihnen nichts überstülpen.“ Auch das haben sie in der Schulung gelernt – das richtige Maß zu finden. Damit sich keiner der Lotsen überfordert fühlt, wird die Stadt einen regelmäßigen Austausch organisieren, den ersten noch mit Frank Dölker. Wer sich für die Teilnahme an einer Willkommens- oder auch Sprachenlotsenschulung interessiert, erhält nähere Informationen  unter www.freiwilligenagentur-hanau.de. Die Stadt Hanau sucht darüber hinaus ehrenamtliche Dolmetscher, die die Lotsen bei Bedarf  unterstützen. Gebraucht werden noch Übersetzer für Arabisch, Eritreisch und Kurdisch. Ansprechpartnerinnen stehen ebenfalls auf der Seite der Freiwilligenagentur.

Foto: Sozialdezernent Axel Weiss-Thiel umringt von Willkommenslotsinnen und -lotsen sowie der zufriedene Schulungsleiter Frank Dölker (links). Foto: Stadt Hanau


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