Totschlag im Seniorenheim: Täter vom Satan getrieben

Langenselbold

Die Worte von Jürgen K. sind nur schwer zu verstehen, leise und in sich versunken erzählt der 67-Jährige, was im Juli 2013 in der Senioranlage „Haus Gründautal“ in der Uferstraße in Langenselbold passiert ist. An einem Sonntagmorgen gegen 10 Uhr hatte er mit einem Beil seine 62-jährige Ehefrau erschlagen, die drei Tage später tot in der gemeinsamen Wohnung aufgefunden wurde.

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netz gerichtnetz gericht1netz gericht2netz gericht3Getrieben wurde Jürgen K. nach seinen Angaben vom Satan, der ihm seit fast 40 Jahren immer wieder erschienen sei und ihn zu der Tat gezwungen habe. Den Gedanken, sich und seine Frau umzubringen, äußerte er bereits Mitte Februar 2013 gegenüber seiner Hausärztin, woraufhin er bis Ende April stationär in der Psychiatrie in Schlüchtern untergebracht war. Anschließend wurde er in einem angeblich stabilisierten Zustand an einen Facharzt für eine ambulante Therapie überwiesen, die Tat im Juli hatten ihm die Mediziner offenbar nicht zugetraut.

Vor die 1. Große Strafkammer am Landgericht Hanau wird ein gebrochener Mann in Handschellen geführt, der sich seines Schicksals bewusst ist. Seit seiner Verhaftung am 30. Juli 2013 ist er in einer geschlossen Klinik untergebracht und dort wird er aller Voraussicht nach auch den Rest seines Lebens verbringen. Die Staatsanwaltschaft Hanau jedenfalls verzichtet auf die Beantragung einer Freiheitsstrafe und fordert mit der Anklageschrift wegen Totschlags die dauerhafte Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung. Die Strafkammer unter Vorsitz von Dr. Peter Graßmück will am Freitag ihr Urteil verkünden und wird sich aller Voraussicht nach dieser Einschätzung anschließen.

Bis zu einem 28. Lebensjahr hatte Jürgen K. schon dreimal versucht, sich das Leben zu nehmen, war alkoholabhängig und lebte auf der Straße im Hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli. 1946 in Rickling im Kreis Segeberg geboren, sei er schon im Alter von acht Jahren von seinem Vater zum Trinken animiert worden und nicht mehr davon losgekommen, erzählt er mit zittriger Stimme. Mit 18 Jahren brach er den Kontakt zu seinen Eltern und den drei Geschwistern ab und landete zehn Jahre später mit schweren psychischen Störungen in einer Erziehungsklinik im hessischen Bad Hersfeld. Dort lernte er seine Ehefrau kennen, die dort ebenfalls behandelt wurde. Gemeinsam verließen beide die Klinik, begannen ein vergleichsweise normales Leben. Über Hausmeistertätigkeiten in Oberursel und Grünberg landete er 1995 schließlich in Langenselbold, dort ging er bis zu einem Unfall seinem gelernten Beruf als Maler und Lackierer nach. Heimisch wurden beide auf dem Campingplatz am Kinzigsee, wo sie sich einen Dauerwohnsitz einrichteten. Alkohol habe in ihrem Leben laut Aussage des Angeklagten keine Rolle mehr gespielt.

Was Jürgen K. allerdings niemandem verriet: Seit der Zeit in Bad Hersfeld litt er unter Wahnvorstellungen, in unregelmäßigen Abständen erschien ihm der Satan. Ein roter Halbmond mit einem schwarzen Umhang sei immer wieder urplötzlich vor ihm aufgetaucht. Drei Wochen vor der Tat hatte er offenbar eigenmächtig seine Tabletten abgesetzt, die für sein psychisches Gleichgewicht sorgen sollten. Wohl der Auslöser für das, was dann am 28. Juli 2013 geschah. In der Woche vor diesem Sonntag habe ihm der Satan befohlen, das Beil aus der Werkstatt der evangelischen Kirchengemeinde in Langenselbold zu holen. Dort mähte er ehrenamtlich den Rasen, besuchte mit seiner Frau viele Veranstaltungen. „Da haben wir uns wohl gefühlt“, sei dies aber mittlerweile auch die einzige Gemeinsamkeit in der Beziehung gewesen. Das Beil versteckte er in seinem Wäscheschrank im Schlafzimmer, seine Frau sollte nichts davon mitbekommen. Die 62-Jährige war schwer krank, Zucker, Asthma und eine Krebserkrankung hatten sie gezeichnet, wurde von ihrer Hausärztin aber dennoch als lebens- und unternehmenslustig beschrieben.

„Warte noch, warte noch“, habe ihm der Satan ständig gesagt, als sich das Beil bereits in der Wohnung befand, bevor um 10 Uhr morgens am 28. Juli der Befehl kam: „Auf jetzt, hol das Beil!“ Der 67-Jährige schnappte sich das Werkzeug und ging Richtung Wohnzimmer, dort lag seine Frau lesend auf der Couch. Als er im Flur war, schlug sie plötzlich die Tür zu: „Als ob Gott sie schützen wollte“, bricht er bei seinen Erzählungen zum wiederholten Male in Tränen aus, allerdings hielt ihn auch dieses vermeintliche Zeichen nicht von der Tat ab. Die Teufelserscheinung befahl ihm ‚Jetzt schlag zu‘, er öffnete die Tür und traf seine Frau mit der stumpfen Seite des Beils am Hinterkopf. „Sie hat Aua, Aua gesagt“, anschließend habe er nur noch ein Röcheln vernommen. Das Blut spritzte durchs Wohnzimmer, später schnitt er ein Stück aus dem Teppich raus, um die Spuren zu verwischen.

Anschließend holte er einen Gürtel, legte diesen unter ihre Achseln und zog die 62-Jährige auf dem Bauch liegend durch den Flur. Vermutlich hat sie da noch gelebt, es folgten jedoch 13 weitere Schläge mit dem Beil auf den Kopf, so dass dann auch das Röcheln aufhörte. Im Schlafzimmer zog er ihr eine Plastiktüte über den Kopf, um die auslaufenden Körperflüssigkeiten aufzufangen und legte mehrere Decken auf den Körper. Anschließend säuberte er die komplette Wohnung, fuhr am Nachmittag an eine Tankstelle und betrank sich mit dem dort gekauften Schnaps. „Ich wollte mich ja selbst umbringen, aber es war noch nicht so weit“, wartete er auf weitere Anweisungen von seiner Teufelserscheinung.

Die blieben in den folgenden beiden Tagen aber aus. Am Montagmorgen schrieb er einen Einkaufszettel für den Baumarkt: Teichfolie, Klebeband, Müllsäcke und eine Rosenschere kaufte er laut dem von der Polizei in einem Papierkorb gefundenen Kassenzettel ein. Die Folie legte er über seine Frau und klebte sie feinsäuberlich am Boden fest. Wohl um den Geruch zu unterbinden, als die Polizei am 31. Juli 2013 die Wohnung stürmte, waren zudem alle Fenster geöffnet und überall hingen Duftbäumchen. Auch der Fernseher lief noch und das Licht war an. Die Schlafzimmertür war am Boden mit einem Handtuch abgedichtet.

Jürgen K. hatte sich kurz zuvor einem Mitglied seiner Kirchengemeinde offenbart. Er war auf dem Weg zum Langenselbolder Bahnhof, um sich vor einen Zug zu werfen und ging ein letztes Mal in die Gemeinderäume. Seine Suizidgedanken und den Tod seiner Frau konnte er dort aber nicht verheimlichen. „Ich habe meine Frau umgebracht“, sagte er dem Polizisten am Telefon, der daraufhin Großalarm auslöste. Den Beamten übergab er den Wohnungsschlüssel, die wenig später den schrecklichen Fund im 2. Obergeschoss der Seniorenwohnanlage machten.

Es ist deutlich zu spüren im Gerichtssaal, wie schwer dem 67-Jährigen der Umgang mit der Teufelserscheinung in den vergangenen Jahrzehnten fiel und fast schon Erleichterung bei ihm zu erkennen, dass er jetzt unter dauerhafter medizinischer Aufsicht steht. „Dass ich da bleiben kann“, beantwortete er mit einem Halbsatz die Frage, wie es mit ihm weitergehen soll. Der Satan sei ihm aber auch dort vor drei Wochen wieder erschienen, doch zumindest die Sorge um seine Frau, um die er sich trotz aller Probleme in den vergangenen Jahren gekümmert hatte, ist ihm jetzt genommen. Jürgen K.: „Ich weiß ja, dass meine Frau im Himmel ist, sie hat in der Gemeinde immer gesagt, sie will zu Jesus.“

Foto: Jürgen K. mit seinem Verteidiger Ulrich Will.


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