„Der große Exodus“: Vortrag von Rolf Jülg beim Heimat- und Geschichtsverein

Rolf Jülg beim Vortrag über die Auswanderungen im 18. Jahrhundert aus dem Amt Lohrhapten.

Linsengericht

Bei der jüngsten Monatsversammlung des Heimat- und Geschichtsvereins Linsengericht in der Zehntscheune in Altenhaßlau referierte der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Lohrhaupten, Rolf Jülg, über die Auswanderungen im 18. Jahrhundert aus dem Amt Lohrhaupten.

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Zunächst ging der Referent auf die Ursachen der Auswanderung der Menschen aus dem nördlichen Spessart ein. Nach dem 30-jährigen Krieg war der Wiederaufbau der Gebäude kostenintensiv. Die hohen Abgaben an die Landesfürsten von Hanau belasteten die Untertanen in hohem Maße, da der Lebensstil der Obrigkeit viel Geld kostete. Die Ausgaben für Hofstaat und Militär waren beträchtlich. Die Erweiterung des Hanauer Schlosses und der Bau des Prachtschlosses Philippsruhe mit Park und Fasanerie verschlangen enorme Summen. An einem Beispiel der Dorfmeisterrechnung von Lohrhaupten konnte man das gut erkennen. 1668 entrichteten die Bewohner des Amtes noch 104 Gulden, ca. 70 Jahre später 1735 waren bereits 848 Gulden (das 8-fache) fällig. Die Ausbeutung und Unterdrückung der Menschen waren wie in vielen anderen Regionen Deutschlands nicht mehr zu ertragen.

Weitere Ursachen warum die Menschen ihre Heimat verlassen haben waren in wirtschaftlichen Veränderungen begründet. Das Ende der Glashütten im Spessart durch die Heilbronner, Elsässer und Böhmische Konkurrenz und das Verbot der privaten Glashütten um 1740 waren ausschlaggebend. Mit dem Verlust von Arbeitsplätzen (Meister, Einbläser, Schmelzer, Hafenmacher, Schürer, Pottaschesieder, Glasmüller, Holzfäller, Fasserinnen und Kraxenträger) war die Not und Armut weitergewachsen.

Daneben spielte der Wegfall der Waldnutzung in der Landwirtschaft eine wichtige Rolle. So sahen viele Menschen die Auswanderung nach Amerika als einzigen Ausweg aus dem Dilemma. Auch persönliche Gründe wie die Abenteuerlust und die Flucht vor der Justiz spielten eine wichtige Rolle.

Die Anreize zur Einwanderung nach Nordamerika wurden von Agenten und Neuländern („Schleusern“) und in Werbeschriften den Auswanderungswilligen nahegebracht. Die Erwartungen waren natürlich geprägt von der Last der Ausbeutung und Unterdrückung befreit zu werden. Sich von der Leibeigenschaft befreien zu können und keine Frondienste mehr verrichten zu müssen. Geringere Steuern und die in der Regel uneingeschränkten Waldnutzungsrechte. Zukünftiger Landbesitz und die Aussicht besserer Lebensumstände rundeten das Wunschbild der Auswanderer ab. Die Religionsfreiheit spielte nur eine untergeordnete Rolle.  

Die Ziele der Auswanderer waren die Englische Kronkolonien in Nordamerika (ab 1776: „Vereinigte Staaten“). Das bevorzugte Siedlungsgebiet war Pennsylvania. Es gab aber auch Faktoren, die verschwiegen, beschönigt oder unterschätzt wurden. Das Klima, die Fruchtbarkeit der Böden und die Mühen der Urbarmachung des Waldes bzw. Urwaldes. Die Risiken wie Falschinformation, Sprachbarriere im Einwanderungsland, die Reise und deren Kosten. Auch das Überleben war nicht einfach (Indianerkriege) und die Rückkehr war so gut wie ausgeschlossen.

In den meisten Fällen reichte das Vermögen der Auswanderer nicht aus, um die Reise zu finanzieren. Die Reise kostete für eine 6- köpfige Familie ca. 500 Gulden. Um die Reise trotzdem antreten zu können unterschrieben die Auswanderer vor der Abreise eine Rückzahlungsverpflichtung („Redemption“). In Nordamerika angekommen wurden sie an einen Dienstherrn verkauft/versteigert. Der Kapitän des Schiffes übergab die Einwanderer an den Dienstherrn. Während des Dienstverhältnisses hatten die „Neubürger“ freie Kost und Logis. Bei Vertragsbruch waren harte Strafen vorgesehen.

Die Reise erfolgte in drei Abschnitten. Der erste Abschnitt auf dem Main und Rhein bis Rotterdam dauerte etwa 5-7 Wochen. Der zweite Abschnitt von Rotterdam nach England meistens bis zum Hafen Cowes auf der Isle of White 2 Wochen. Der dritte Abschnitt dann nach Philadelphia in Pennsylvania 8-14 Wochen. Die Gesamtreisedauer bewegte sich im besten Fall von drei Monaten bis auch zu sechs Monaten aufgrund der sehr unterschiedlichen Witterungsverhältnissen.

Nach der Ankunft mussten alle männlichen deutschen Einwanderer über 16 Jahren einen Eid unterzeichnen („Oath of Allegiance“ – Treue-Eid auf die britische Krone). Aufgrund einer weiteren Verordnung des Provinzialparlaments war dann ein zweiter Eid notwendig, der Eid des „Abschwörens“ („Oath of Abjuration“) richtete sich gegen die katholische Kirche (Papst).

Zum Schluss der Monatsversammlung bedankte sich der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Linsengericht Heinz Breitenbach bei Herrn Rolf Jülg für den informativen und spannenden Vortrag und überreichte als kleines Dankeschön einen Bocksbeutel und ein Exemplar der Linsengerichter Geschichtsblätter.

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Rolf Jülg beim Vortrag über die Auswanderungen im 18. Jahrhundert aus dem Amt Lohrhapten.


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