Bei der jüngsten Monatsversammlung des Heimat- und Geschichtsvereins Linsengericht in der Zehntscheune in Altenhaßlau referierte Pfarrer Dr. Michael Lapp vom Verein für Hessische Geschichte und Landeskunde über die Hyperinflation der 1920er Jahre und die Auswirkungen auf das Kinzigtal.
Die Hyperinflation von 1923 wirkt als Trauma bis heute nach. Geldscheine mit astronomischen Summen, mehrfach überdruckt. Bilder, auf denen zu sehen ist, wie wäschekörbeweise Geld für die Lohnzahlung herbeigeschafft wurde, das kaum für das Nötigste reichte. Mehrmals täglich mussten die Preise angepasst werden. Handwerker wurden nicht selten in Naturalien bezahlt, das Papiergeld wurde immer wertloser. Die Inflation war eine Folge des verlorenen Ersten Weltkrieges und des anschließenden Versailler Vertrages, der Deutschland enorme Reparationszahlungen auferlegte. Auch die französische Besetzung des Ruhrgebiets und der daraus resultierende passive Widerstand der Bevölkerung in Form von Streiks trugen zur Inflation bei, da die Reichsregierung die Streikenden finanziell unterstützte. Das Geld wurde jedoch aus der Druckerpresse geschöpft. Erst eine Währungsreform im November 1923 durch Reichskanzler Gustav Stresemann beruhigte die Lage.
Neben der Beschreibung der Ursachen warf Pfarrer Dr. Michael Lapp anhand von Pfarr- und Schulchroniken einen Blick auf die Situation vor Ort. So bemühte sich der damalige Ortspfarrer Lorenz Kohlenbusch um die Wiederbeschaffung der 1917 eingeschmolzenen Glocken. Der kalkulierte Preis betrug 1920 50000 Mark, bei Lieferung 1922 wurden 118600 Mark für eine Glocke in Rechnung gestellt. In diesem Zusammenhang ist auch ein Beispiel für den Außenwert der Mark aufschlussreich. Die Gemeinde erhielt von einem in die USA ausgewanderten Meerholzer eine Spende von 5 Dollar, die sie Anfang 1923 in 200000 Mark umtauschen konnte, aber anstatt, wie vom Spender gewünscht, die Glocken zu finanzieren, „sparte“ die Gemeinde das Geld, verlor es aber durch die galoppierende Inflation innerhalb eines Jahres vollständig. Die Schulchroniken geben einen Einblick in die Teuerung der Güter des täglichen Bedarfs. So kostete Butter im April 1923 7000 Mark, im August bereits 1 Million. Der Milchpreis stieg im gleichen Zeitraum von 550 Mark auf 36 Millionen. Die Inflation wurde durch eine Währungsreform im November 1923 beendet, die den Kurs der nun neuen Reichsmark wieder auf den Vorkriegswert von 4,20 Mark für 1 Dollar setzte. Auch die Gehälter der Lehrer und Pfarrer wurden auf den Stand von 1914 zurückgesetzt. Bis heute hat sich die Inflation von 1922/23 in das kollektive Gedächtnis der deutschen Bevölkerung eingebrannt.
Als kleines Dankeschön überreichte Simone Bohlender vom Heimat- und Geschichtsverein Linsengericht ein Exemplar der Linsengerichter Geschichtsblätter und eine Flasche Wein.