Alle Schülerinnen und Schüler lesen in den mittleren Klassenstufen etwas über Torgau an der Elbe, weil dort am Ende des Zweiten Weltkrieges die amerikanischen und russischen Soldaten aufeinandertrafen und so die Besetzung Deutschlands besiegelten.
Alle Schülerinnen und Schüler lesen in den mittleren Klassenstufen etwas über Torgau an der Elbe, weil dort am Ende des Zweiten Weltkrieges die amerikanischen und russischen Soldaten aufeinandertrafen und so die Besetzung Deutschlands besiegelten.
Nicht in den Schulbüchern erwähnt ist der sogenannte „Jugendwerkhof“ Torgau, wo zwischen 1964 und 1989 etwa 4000 Jugendliche in ein ehemaliges Zuchthaus eingesperrt wurden, mit dem einzigen Ziel, Ihren Willen zu brechen.
Einer dieser unangepassten Jugendlichen, der 1967 in Ost-Berlin geborene Stefan Lauter, berichtete dieser Tage vor Schülerinnen und Schülern der Erich Kästner-Schule in Maintal-Bischofsheim aus seiner Zeit in Erziehungseinrichtungen der DDR, davon, wie er über eine Jugendliebe Zugang zu kirchlichen Diskussionsrunden bekam und anschließend im Unterricht die Lehrer mit politischen Tabuthemen konfrontierte. Das gipfelte in einem demonstrativen Austritt aus der FDJ, worauf er mit Zustimmung seiner Eltern eine „Erziehungshilfe“ bekam, was die Einweisung in ein Heim bedeutete.
In seinen Schilderungen scheute sich Lauter nicht, sich als renitenten, zu jeder Provokation und Destruktion bereiten Jugendlichen zu beschreiben. Auch wurde er wegen unerlaubten Fahrens mit fremden Mopeds und ähnlicher Delikte zeitweise inhaftiert. Irgendwann wurde es den staatlichen Stellen zu viel, und so kam er in den geschlossenen „Jugendwerkhof“ in Torgau, wo er nach mehreren Tagen Dunkelhaft in einer Einzelzelle „zum ersten und letzten Mal“ richtig geheult habe und letztlich bis zum 18. Lebensjahr weggesperrt war. Um das Handwerkszeug der dortigen Erzieher zu illustrieren, hatte Stefan Lauter einige Dinge wie Schließketten, Gummiknüppel und Totschläger mitgebracht. Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich dementsprechend schockiert.
Der Zeitzeuge machte keinen Hehl daraus, dass er jedes Mal Genugtuung empfindet, wenn einer der Verantwortlichen verstirbt: „Wenn Margot Honecker tot ist, gehe ich um 14.00 Uhr mit Punk-Frisur zum Alexanderplatz, trinke einen Sekt und spiele Musik von Rammstein.“ Die Frau des DDR-Staatschefs war damals zuständig für das gesamte Bildungs- und Erziehungssystem.
Die Veranstaltung an der Maintaler Schule war zuvor mit einem Dokumentarfilm und Textlesungen der Schriftstellerin Grit Poppe aus ihren Jugendromanen „Weggesperrt“ und „Abgehauen“ eingeleitet worden. Am Schluss bedankte sich Schulleiterin Birgit Hurst bei allen Beteiligten.
Zustande gekommen war der Vormittag durch das Engagement der Vereine Brüder-Schönfeld-Forum Maintal und „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ Berlin. Finanzielle Unterstützung gab es außerdem von der „Welle“ – Jugend- und Familienhilfe Maintal sowie der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung in Wiesbaden.
Foto: Grit Poppe (Potsdam) und Stefan Lauter (Berlin) vor Schülerinnen und Schülern der Erich-Kästner-Schule Bischofsheim.
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