Es erscheint ein Foto mit einer Frau, die auf jemanden wartet. Der abwesende Mensch ist ihr in diesem Augenblick näher als die Stühle in ihrer Umgebung.
„Der heilige Geist ist die Anwesenheit im Abwesenden“, so deutete Pfarrer Lukas Ohly diese Szene. Der Gemeindepfarrer, der zudem als Professor an der Frankfurter Goethe-Universität lehrt, hatte zu einer Podiumsdiskussion in die Ostheimer Kirche eingeladen und dabei sein neues Buch über den heiligen Geist vorgestellt. In drei kurzen Impulsen gab Ohly einen kurzen Einblick in einzelne Kapitel, bevor sie von Experten aus Kirche und Universität diskutiert wurden. Beispielsweise wurde die Alltagsszene zur wartenden Frau mit Bibelstellen theologisch interpretiert.
Unterstützung erhielt Ohly durch seinen Frankfurter Kollegen Dr. Michael Schneider, Dozent für Neues Testament ebenfalls an der Goethe-Universität. Bindung und Treue seien für die Wirkung des Geistes in der Bibel wesentlich. Für die Ausbildungsreferentin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Dr. Regina Sommer, war Ohlys Modell dagegen zu statisch. Ihr fehlten die wechselnden Momente von Geisterfahrungen. Die Professorin für Praktische Theologie bemerkte, dass der Wechsel aus Nähe und Distanz von Christen zu ihrer Kirche mit einem solchen Modell nicht hinreichend erklärt werden könne.
Die Diskussion mündete damit zur Frage nach der Kirchenmitgliedschaft. Pfarrer Alexander Brodt-Zabka, der in Berlin-Mitte eine Gemeinde mit dem jüngsten Altersdurchschnitt betreut, musste ebenfalls von den bundesweit höchsten Kirchenaustrittszahlen berichten. Die Bindung, die Ohlys Geistverständnis darstelle, beziehe sich bei diesen jungen Menschen nicht mehr auf die Kirche. „Man trifft sich auf Facebook und Twitter, aber nicht mehr in der Kirche“, so der Berliner Pfarrer. Daher solle die Kirche auch im Internet mehr Präsenz zeigen.
Für Ohly dagegen ist Kirche kein „Anbieter“, sondern ein politisches System. „Christen erkennen sich in der Kirche an.“ Wer aus der Kirche austrete, leistet diese Anerkennung nicht mehr, an die der heilige Geist sie bindet. Daran entzündete sich unter den rund 50 Besuchern eine rege Diskussion. Ein Besucher mahnte ebenfalls aus politischen Gründen die christliche Solidarität an, in der Kirche zu bleiben, „damit die Kirche auch künftig das tun kann, was sie heute tut.“ Bei der fairen aber kontroversen Diskussion sorgte Annette Böhmer mit ihrer klugen Moderation für eine angenehme Atmosphäre. Nach der Veranstaltung äußerten sich etliche Besucher, „wie spannend und gewinnbringend solche Veranstaltungen wie die heutige für uns Nicht-Theologen sind.“
Ihnen ist etwas Interessantes aufgefallen im Main-Kinzig-Kreis? Schreiben Sie uns an info@vorsprung-online.de
















