Buchpremiere: Philipp Zieg und seine Ahnen

Hüttengesäß
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Reiner Erdt, Chef des Gasthauses „Zur Krone und 2. Vorsitzender des Ronneburger Geschichtsvereins, hatte gerufen und konnte am 4. Dezember um 19:00 Uhr rund 30 Personen zur Präsentation des neuen Buches des Hobbyhistorikers Michael Zieg begrüßen.

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Zieg war gekommen, um sein Buch „Philipp Zieg und seine Ahnen. Die Geschichte einer Hüttengesäßer Schultheißenfamilie“ vorzustellen. Um die Besucher einzustimmen hatte Reiner Erdt den Vortragssaal mit Fotos der Familie Zieg und Kopien erhaltener Schriftstücke liebevoll dekoriert. Auch Bürgermeister Andreas Hofmann ließ es sich nicht nehmen, nach Erdts kurzer Einleitung auf den Wert historischer Forschung für das heutige Ronneburg einzugehen und auch die auf diesem Gebiet bisher erfolgte Arbeit des dortigen Geschichtsvereins hervorzuheben.

Nach der Würdigung der geleisteten Arbeit durch den Bürgermeister war der Autor selbst an der Reihe. Seit dem Jahr 1363 lebte die ursprünglich aus Sotzbach bei Birstein stammende Familie Zieg in Gelnhausen und ging dort dem Beruf des Bäckers nach. Familienmitglieder wurden Zeuge der Auseinandersetzungen zwischen dem Rat der Stadt und zahlreichen Zünften, darunter der Bäckerzunft, zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Diese waren nur einer der vielen Gründe für die Verarmung der Stadt im Verlauf dieses Jahrhunderts. Da die Familie Güter des Gelnhäuser Klosters Himmelau in Selbold gepachtet hatte, scheint sie um die Mitte des 15. Jahrhunderts nach Selbold übergesiedelt zu sein. Dies fiel ihr um so leichter, da sie auch Pächter des Selbolder Klosters war. In Selbold ist 1477 erstmals Peter Zieg belegt, der am Brücklesbörnchen Güter besaß. Gemeinsam mit der Familie Geibel pachtete die Familie zwei Hufen Land vom Selbolder Pfarrer. Um 1550 blühten mehrere Familienzweige in Selbold-Hausen und Selbold „Am Markt“. Kurz vor Beginn lebten in Selbold noch die Cousins Werner und Johann Zieg.

#Werner Zieg lebte im Stadtteil Hausen und sein Sohn Hans war es, der 1633 Katharina Klingler aus Hüttengesäß heiratete. Er war es, der als einziger Zieg den 30jährigen Krieg überlebte und in Hüttengesäß rasch Anschluss an die alteingesessenen Familien fand. Die Folgen des 30Jährigen Krieges, vor allem die andauernden Durchzüge marodierender Soldaten und Auseinandersetzungen innerhalb der herrschenden Familie der Isenburger, ließen erst 1672 an einen geordneten Wiederaufbau der Landesherrschaft denken. Dass Hans´ Sohn Niklas Zieg in eben diesem Jahr der erste Hüttengesäßer Schultheiß seit dem 30jährigen Krieg wurde, kann als Hinweis darauf gesehen werden, dass die Bevölkerungszahl sich auch in Hüttengesäß wieder erholt hatte. Nikolaus war von 1672 bis zu seinem 1711 erfolgten Tod Schultheiß, betrieb eine Gastwirtschaft und fungierte als Kirchenbaumeister, also als einer der Verwalter der Gelder der Kirchengemeinde. Seine Amtszeit war geprägt von großen Wiederaufbauleistungen. So wurde Neuwiedermuß, auch Fuchsgraben genannt, welches im Krieg vollkommen zerstört worden war, wieder aufgebaut und in langjährigen Prozessen, das Recht am Weidgang der Hüttengesäßer gegen die Stadt Büdingen verteidigt. Zieg fand rasch Anschluss an andere führende Familien im Ort, wie die Familien Köhler, Neidhardt, Habermann und Bender. Niklas Frau Barbara entstammte der Hüttengesäßer Schultheißenfamilie Kuhn. Von seinen zahlreichen Kindern trat nur ein Sohn in seine Fußstapfen: Jost Zieg wurde Wirt und Gerichtsschöffe. Sein Leben war bestimmt von Verstößen gegen die kirchlichen Normen und Gebote. Er duldete Trinkgelage während der Gottesdienste, wurde zu zahlreichen Geldstrafen verurteilt, gelobte Besserung und ließ dennoch munter weiterfeiern. Als er 1724 verstarb war sein Sohn Johann Caspar Zieg erst 12 Jahre alt und wurde bei einem Stiefvater groß, der die Gaststätte übernommen hatte. Im Alter von 35 Jahren wurde Johann Caspar Schultheiß. Rasch geriet er in Auseinandersetzungen mit dem ihm vorgesetzten Amtskeller in Langenselbold. Immer und immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen wegen ausstehender Zehnter der Hüttengesäßer. Außerdem war auch Johann Caspar Wirt und ließ die Hüttengesäßer an Feiertagen munter Kegelspielen. Offensichtlich war man zu der Überzeugung gelangt, dass Johann Caspar seinem Amt nicht gewachsen war und entließ ihn 1755. Zurück blieben seine Söhne Johann Jakob und Johannes, von denen alle heute in Hüttengesäß lebenden Ziegs abstammen. Während Johann Jakob 1787 Schultheiß wurde ergriff Johannes den Beruf des Wagners. Es war Johann Peter Zieg, ein Sohn von Johannes, der 1797 Gerichtsschöffe wurde und sicher hoffte, seinen Onkel Johann Jakob eines Tages als Schultheiß zu beerben. Seine Pläne wurden aber dadurch vereitelt, dass Johann Jakob sich seinen gleichnamigen Sohn als Adjutanten beigeben ließ, was diesem die Nachfolge sicherte.

Als infolge der Niederlage Napoleons und dem Verlust der isenburgischen Landesherrschaft Kurhessen Landesherr wurde, ergriff Johann Peter seine Chance. Er bewarb sich um die neugeschaffene Stelle eines Hoheitsschultheißen. Dieser sollte im Gegensatz zu den nun standesherrlichen Dorfschultheißen hoheitliche Aufgaben wahrnehmen, wie z. B. die Aushebung der Rekruten. In den folgenden Jahrzehnten entspann sich eine regelrechte Fehde zwischen den beiden Familienzweigen, welche die Familie natürlich erheblich schwächten. Während die Schultheißenlinie im Jahr 1842 mit Philipp Zieg erlosch, kam es nur zwei Jahre zuvor zu folgenschweren Ereignissen, die den Familienzweig des Hoheitsschultheißen an den Rand des Ruins brachten. Als Johann Philipp Zieg, Bruder des Hoheitsschultheißen, 1838 starb, hinterließ er zwei Söhne. Philipp war Schuhmacher, Christian aber, als der Jüngste, sollte zur kurhessischen Armee eingezogen werden. Die Familie wandte sich an ihren einflussreichen Onkel, der das Rekrutierungszeugnis zugunsten Christians fälschte. Die Sache flog auf, der Hoheitsschultheiß wurde verhaftet und er und alle Mitwisser zu empfindlichen Geldstrafen verurteilt. Von diesem Schlag sollte sich die Familie Jahrzehnte lang nicht erholen. Erst dem Enkel von Philipp, dem 1854 geborenen Johannes Zieg, gelang es, die finanziellen Verhältnisse zu konsolidieren und das seit dem Jahr 1800 im Familienbesitz befindliche Haus in der heutigen Langstraße 17 für die Familie zu sichern. Der Vortrag schloss mit den Kriegserlebnissen von dessen Sohn Philipp Zieg, den der erste Weltkrieg an die Ufer des sibirischen Baikalsees führen sollte und der erst 1921 zurück nach Hüttengesäß kam. Michael Zieg sprach frei, ganz ohne unterstützendes Bildmaterial. Familienzusammenhänge wurden spontan an einem Flipchart skizziert, was dem Abend eine ungeahnte Lebendigkeit verlieh. Je länger der Vortrag andauerte, umso öfter kamen Zwischenfragen aus dem Publikum. Schnell war man beim „Du“ und der Abend entwickelte sich immer mehr zu einem großen Familientreffen.

„Der Abend war ein voller Erfolg und den Leuten hat es einen Heidenspaß gemacht“, befanden Reiner Erdt und Michael Zieg nach einer zweistündigen Reise durch die Ronneburger Geschichte. Eine Wiederholung ist für die beiden auf jeden Fall nicht ausgeschlossen. Das Buch mit 440 Seiten ist für 35 Euro erhältlich im Gasthaus Zur Krone, Ronneburg Hüttengesäß, oder direkt beim Verlag www.cardamina.net

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