Prozessauftakt: Rassistisch motivierte Attacke in Schlüchtern?

Schlüchtern
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Im Amtsgericht Gelnhausen müssen sich aktuell ein 44-jähriger Mann und sein 21-jähriger Sohn aus Sinntal vor Jugendrichterin Petra Ockert wegen Beleidigung und Körperverletzung verantworten. Der Tatort soll vor gut einem Jahr auf der Straße im Bereich des Schlüchterner „Amtsberg“ gewesen sein. Zudem steht der Vorwurf im Raum, dass die Angeklagten aus rassistischen Motiven gehandelt haben.

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Die Beteiligten kannten sich vor der Tat offensichtlich nicht, aus einer zufälligen Begegnung entwickelte sich in kurzer Zeit ein heftiger Konflikt. Laut Staatsanwaltschaft fuhr in den frühen Abendstunden des 19. Mai vergangenen Jahres das spätere Opfer – ein 58-jähriger Schlüchterner, der aus Pakistan stammt – mit seinem Auto in der Dreibrüderstraße stadteinwärts.

Der 21-jährige Angeklagte war zu dieser Zeit auf dem rechten Bürgersteig mit Freunden zu Fuß unterwegs. Als seine Freundin zumindest teilweise beim Laufen auch auf die Straße geriet und damit nahe an das Auto des 58-Jährigen hielt dieser an. Es entwickelte sich sofort ein Wortgefecht zwischen beiden Männern, in dessen Rahmen der Jüngere den Älteren als „Neger“ oder „Nigger“ beleidigt haben soll. Anschließend rief der Angeklagte telefonisch seine Eltern zu Hilfe, die kurz danach mit einem Auto vorfuhren. Mittlerweile hatte sich die Szenerie in den Bereich Amtsberg vor eine Metzgerei verlagert. Dort soll der 44-Jährige laut Anklage das Opfer fest am Kragen gepackt und ihn gewürgt haben. Dadurch traten bei ihm Schluckbeschwerden auf und ein roter Fleck entstand. Der Geschädigte tritt in dem Verfahren daher mit einer Anwältin als Nebenkläger auf.

Beide Angeklagten verweigerten die Aussage und ließen über ihre Verteidiger vorgefertigte Einlassungen verlesen. Nach diesen sei der 58-Jährige äußerst dicht an der Freundin des jungen Mannes vorbeigefahren, die er noch instinktiv zurückzog. In der Folge habe er eine Handbewegung in der Bedeutung von „Pass doch auf“ gemacht. Darauf soll sein Gegenüber mit Aussagen wie „Ich gebe Dir“ und „Ich hau dich“ verbal aggressiv reagiert haben. Er habe Angst bekommen und telefonisch seinen Vater um Hilfe gerufen.

Dieser erschien dann rund eine halbe Stunde später mit der Mutter am Tatort. Zu dieser Zeit war auch der 58-Jährige immer noch vor Ort. Der Vater solle nach den Einlassungen zu dessen Auto gegangen sein und gefragt haben, was los sei, worauf angeblich sinngemäß die Antwort kam „Willst Du auch aufs Maul?“ Schließlich habe er den Mann „kurz“ am Hemd gepackt mit den Worten „Du hast meinen Sohn bedroht“ und „Verpiss dich“. Von Handgreiflichkeiten oder Beleidigungen habe er nichts mitbekommen. Der Vater wunderte sich in seiner Stellungnahme, warum die Tochter des Opfers später in einem Zeitungsartikel von einem „rassistisch motivierten Mordversuch“ sprach. Er sei kein Rassist und habe diverse Nationalitäten in seinem Bekanntenkreis.

Das Gericht befragte den 58-Jährigen umfassend als Zeuge zu dem Vorfall. Nach seiner Aussage wurde er schon unmittelbar bei der ersten Begegnung in der Dreibrüderstraße von dem 21-Jährigen beleidigt mit Worten wie Neger, Schwein und Arschloch. Gleichzeitig soll dieser ihm den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt und gedroht haben, ihn umzubringen. Der Vater soll ihn später bis zur Luftnot gewürgt haben. Er habe Todesangst gehabt und gedacht „es wäre fertig“. In der Folge habe er „starke Schmerzen“ verspürt und deswegen Tabletten nehmen müssen. Gericht, Staatsanwalt und Verteidigung fragten bei ihm mehrfach nach, weil sie in Detailfragen Diskrepanzen zwischen seinen beiden polizeilichen Aussagen und den Angaben vor Gericht ausmachten.  Auch wurde er gefragt, warum er nicht nach der ersten Begegnung unmittelbar die Szenerie verlassen habe. Seine Antwort: Er dachte, der junge Mann habe die Polizei gerufen und deswegen wollte er noch vor Ort bleiben.

Zwei unbeteiligte Zeugen, die beide zufällig vorbeikamen, sollten Licht in den Vorfall bringen. Zum einen eine 57-jährige Fuldaerin. Laut ihren Aussagen war die gesamte Familie aggressiv gewesen, der 21-Jährige sogar extrem. Sie habe sich zwischen die Beteiligten stellen müssen, um die Lage zu befrieden. Schließlich habe sie sich sogar als Polizeibeamtin ausgegeben – was sie nicht ist, - die auf ihre Kollegen warte, um für Eindruck zu sorgen.

Der andere Zeuge war ein 35-jähriger Schlüchterner. Beide erinnerten sich übereinstimmend an die „Nigger“-Beleidigungen des Sohnes und einen Schlag von ihm auf die Motorhaube des Autos des 58-Jährigen - und gleichzeitig das ruhige, verängstigte Verhalten des Opfers. Von der Würgeattacke hatten beide nichts mitbekommen, allerdings davon gehört - der Schlüchterner wusste von dem 44-Jährigen als Täter, die Fuldaerin allerdings von dem 21-Jährigen. Wegen des jungen Alters des Sohnes wird der Vorfall vor einer Jugendrichterin verhandelt. Der Prozess wird kommende Woche mit weiteren Zeugen fortgesetzt. / hd


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