Druschel in Schlüchtern schließt: Traditionsunternehmen kapituliert vor Fachkräftemangel

Jutta und Volker Schauberger – hier mit einem Werbeschild des Firmengründers - schließen ihr Geschäft in der Schlüchterner Innenstadt. Foto: Ulrich Schwind

Schlüchtern

In der Schlüchterner Geschäftswelt endet eine bedeutende Ära: Die Firma Druschel Raum und Design schließt für immer ihre Pforten. 96 Jahre hat das Unternehmen bestanden. Die Nachricht von der Schließung traf viele Menschen im oberen Kinzigtal völlig unvorbereitet. Sie zeigten sich geschockt, bei manchen flossen auch Tränen. Alle zeigten aber Verständnis für die Entscheidung.

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Denn diese kam nicht über Nacht, sondern wurde vom Besitzerpaar Jutta und Volker Schauberger reiflich überlegt. Mehr noch: Schon seit sechs Jahren hatten sie sich redlich um eine Nachfolgeregelung bemüht. Letztlich ohne Erfolg. Schon lange war klar, dass die beiden Kinder des Ehepaares beruflich andere Wege einschlagen. Sowohl extern als auch intern in der eigenen Belegschaft wurde nach einem Nachfolger geforscht. Auch die Suche nach Kollegen, die die Firma Druschel als Filiale übernehmen würden, war erfolglos. Die bundesweiten Anfragen bei allen Meisterschulen und Institutionen der Raumausstatter-Branche führte zu einer Interessentin, die später aber auch absagte.

Bei der Entscheidung zur Schließung hat letztlich der Fachkräftemangel eine entscheidende Rolle gespielt, da die letzte Vollzeitkraft als Raumausstatterin die Firma im März verließ. Volker Schauberger ist seit einem Arbeitsunfall vor einem Jahr gehandicapt. Wegen eines Muskelrisses im Oberschenkel ist der 64-Jährige nur noch zu etwa 70 Prozent einsetzbar. Gerade das Verlegen von Fußböden fällt ihm schwer. Diese Rahmenbedingungen – und nicht etwa wirtschaftliche Gründe - führten letztlich zu der bitteren Entscheidung, das Traditionsunternehmen endgültig zu schließen.

Die Anfänge des Unternehmens reichen zurück bis ins Jahr 1929. Damals gründete der Großvater Johannes Druschel im Stadtteil Wallroth ein Sattler- und Polstergeschäft. Im Jahr 1933 übernahm dieser die Sattlerei und Polsterei Nicolas Wiederhold in der Neugasse in Schlüchterns Innenstadt. 1938 wurde der Betrieb in die Obertorstraße 28 verlegt, wo er heute noch ansässig ist.

Tochter Erna Druschel begann 1950 den Handel mit Lederwaren. Nach und nach kam der Verkauf von Gardinen und Teppichen hinzu. In den Anfangsjahren fuhr sie noch mit dem Zug in die Lederstadt Offenbach oder nach Frankfurt, um dort persönlich neue Handtaschen oder Polsterstoffe einzukaufen. 1954 trat ihr Ehemann Otto Schauberger, Kaufmann und Raumausstatter-Meister, in den Betrieb ein. Ein großer Umbau der Räumlichkeiten fand 1961 statt, die 1972 durch den Erwerb des Anwesens Grabenstraße 17 erweitert wurden.

1986 begann Volker Schauberger, Raumausstatter-Meister, seine Tätigkeit im Betrieb. Von 1991 bis 1992 fanden weitere Umbauten der Geschäftsräume statt, so dass die Fläche auf knapp 400 Quadratmeter anwuchs. Jutta und Volker Schauberger übernahmen die Geschäftsführung im Jahr 1992.

In den vergangenen Jahren hatten die Schaubergers mit ihrem motivierten Team den Einzelhandel in Schlüchtern und weit darüber hinaus mitgeprägt. Tausende Kunden von Fulda bis Frankfurt bedienten sie nicht nur erfolgreich mit Top-Qualität von Stoffen bis Bettwaren in ihrem Ladengeschäft, sondern versorgten sie auch mit guter Handwerksleistung. Teilweise bei namhaften Privatleuten oder in Firmen verlegten sie Fußböden, montierten Sonnenschutz oder verschönten mit modernen Gardinen das Interieur. Auch hochwertige Sattlerarbeiten waren stets gefragt. Der Großvater fuhr regelmäßig zu landwirtschaftlichen Betrieben in der Region, um vor Ort das Pferdegeschirr anzupassen. Auch Matratzen stellte die Firma früher selbst her.

Nicht nur in zahlreichen privaten Gärten, heimischen Schulen oder Kindergärten schützen heute Sonnensegel aus dem Hause Druschel die Menschen vor zu viel Sonneneinstrahlung, sondern beispielsweise auch bei der Sportuniversität Göttingen die Studenten bei der Nutzung der Outdoor-Sportgeräte. Unvergesslich ist zudem eine Aktion beim Helle Markt 1999, als die Firma Druschel mit 119,37 Meter das längste Tischtuch der Welt in der Obertorstraße auslegte.

Mut zum Risiko, faire Preispolitik, individuelle Beratung sowie ein hoher Qualitätsanspruch - Begriffe, die heute in der Branche längst nicht mehr selbstverständlich sind - hatten im Hause Druschel in den vergangenen Jahrzehnten oberste Priorität. Die überwältigende Resonanz bei den Kunden hat dies bestätigt.

Jutta und Volker Schauberger schließen nun ihr Geschäft mit gemischten Gefühlen. Da sei auch ein „weinendes Auge“ mit dabei, räumen sie ein. Schließlich hätten sie und die zuletzt noch vier Mitarbeiter das Unternehmen „mit viel Herzblut“ betrieben. Jetzt begleiten sie auch den Totalausverkauf, der voraussichtlich bis zum März andauern wird. Die Aufträge für den Handwerksbetrieb werden noch bis in das Frühjahr hinein abgearbeitet. Im Übrigen bemühen sie sich, den Kunden für später andere Firmen zu empfehlen. Nachdenklich stimme sie, warum kein externer Bewerber das Potenzial dieses Geschäftes erkannt habe und einsteigen wollte.

„Es war eine schöne Zeit mit Höhen und Tiefen“, blickt das Ehepaar Schauberger zurück. Die Schließung jetzt falle ihnen deswegen schon schwer, bekennen sie wehmütig. / hd

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Jutta und Volker Schauberger – hier mit einem Werbeschild des Firmengründers - schließen ihr Geschäft in der Schlüchterner Innenstadt. Foto: Ulrich Schwind

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Die Plakate in den Schaufenstern der Obertorstraße 28 verkünden das nahe Ende der Firma Druschel. Foto: Ulrich Schwind

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Ein Bild aus vergangenen Tagen, als auch noch ein großes Sortiment an Lederwaren zur Angebotspalette zählte. Repro-Foto: Ulrich Schwind

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In den 1960er Jahren präsentierte sich das Geschäft dem Betrachter von der Straßenseite in dieser Form. Foto: privat


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