Nach dem Überfall auf eine Tierarztpraxis in Schlüchtern im Dezember 2010 soll in diesem Jahr dem bislang gesuchten mutmaßlichen dritten Täter der Prozess gemacht werden. Die Brüder Michael und Andreas S. aus Langenselbold waren im Dezember 2013 von der 1. Großen Strafkammer des Hanauer Landgerichts bereits zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden und haben jetzt offenbar ihren Komplizen verraten. Unklar ist noch, ob dieser sich auch wegen eines Überfalls auf ein Pfarrhaus in Flieden wenige Tage zuvor verantworten muss.
Auch hier waren es nach Überzeugung der Ermittler drei Täter, verurteilt wurde bislang aber nur das Brüderpaar.
Der Hanauer Oberstaatsanwalt Jürgen Heinze bestätigte auf Anfrage die Anklageerhebung am 5. Februar zur Schwurgerichtskammer des Landgerichts Hanau. Dem 27 Jahre alten Beschuldigten werde gemeinschaftlich versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und versuchter Raub vorgeworfen. In der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 2010 soll er gemeinsam mit den Brüdern gewaltsam in das Haus der Tierärzte eingedrungen und die drei dort wohnhaften Veterinäre zum Teil lebensgefährlich verletzt haben. Nur weil sich einer von ihnen zur naheliegenden Polizeistation in Schlüchtern retten und Hilfe holen konnte, flüchteten die Täter ohne Beute.
Schon bei der Verhandlung gegen die beiden Brüder aus Langenselbold im Dezember 2013 war immer von drei Tätern ausgegangen worden. Auch der Name des jetzt angeklagten Mannes wurde des Öfteren genannt. Der 27-Jährige soll in verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem Brüderpaar gestanden haben, die inzwischen aber anscheinend nicht mehr bestehen. In der Verhandlung hatten die Langenselbolder ihren Komplizen zwar nicht verraten wollen, der damals 54 Jahre alte Michael S. erklärte allerdings zweimal: „Wir haben damit nichts zu tun, aber ich weiß, wer der Täter ist.“ Inzwischen scheint das Schweigen gebrochen zu sein, möglicherweise erhoffen sich beide Hafterleichterungen, außerdem wurde bei einem erneuten Auftritt im Landgericht Hanau im März 2015 bekannt, dass sie die Wiederaufnahme ihrer Verfahren anstreben.
In die Verurteilung in Hanau waren die Entscheidungen des Landgerichts Fulda aus dem Dezember 2011 und dem April 2012 wegen des Überfalls auf das Pfarrhaus in Flieden eingeflossen. Dort waren Michael S. zu einer neunjährigen Freiheitsstrafe und sein zehn Jahre jüngerer Bruder Andreas zu acht Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Allerding ist noch unklar, ob sich der jetzt angeklagte mutmaßliche Komplize auch wegen dieser Tat verantworten muss. Der Fuldaer Oberstaatsanwalt Las Streiberger erklärte auf Nachfrage, dass er dazu derzeit keinerlei Auskünfte geben könne.
Wegen erpresserischen Menschenraubes in einem anderen Fall ermittelt derzeit allerdings auch die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg gegen den 27-Jährigen, das dortige Amtsgericht hatte daher bereits Anfang November 2015 Haftbefehl gegen ihn erlassen. In Untersuchungshaft sitzt er seit dem 25. November, nachdem auch vom Amtsgericht Hanau ein Haftbefehl gegen ihn wegen versuchten Mordes erging. Zuletzt soll sich der Beschuldigte hauptsächlich in Thüringen aufgehalten haben, war zwischenzeitlich allerdings auch in Bad Soden-Salmünster wohnhaft. Gegenüber den Ermittlern soll er bislang erklärt haben, dass er mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen nichts zu tun habe. Er gilt als gefährlich und soll bei den Überfällen besonders brutal vorgegangen sein. Sollte die Schwurgerichtskammer die Anklage zulassen und das Verfahren gegen den 27-Jährigen eröffnen, wird der dann in diesem Jahr zu erwartende Prozess im Landgericht Hanau vermutlich unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen stattfinden.