Überfall auf Tierärzte: Langenselbolder Brüderpaar schweigt

Schlüchtern

Großes Polizeiaufgebot im Landgericht Hanau: Zwei zu lebenslanger Haft verurteilte Brüder aus Langenselbold wurden am Dienstag zu ihrer Zeugenaussage vorgeführt. Verhandelt wird vor der 1. Großen Strafkammer derzeit ein Überfall auf drei Tierärzte in Schlüchtern im Dezember 2010, den die Brüder, die dafür bereits verurteilt wurden, gemeinsam mit einem jetzt angeklagten 27-jährigen Mann begangen haben sollen. Doch aus den erhofften Belastungsaussagen wurde nichts: Beide verweigerten überraschend die Aussage.

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In der Nacht vom 29. auf den 30. Dezember 2010 waren drei Männer in das Haus in Schlüchtern eingedrungen und hatten die drei dort lebenden Tierärzte, ein älterer Mann mit seinen zwei Söhnen, teilweise schwer verletzt. Da sich einer von ihnen zu einer nahegelegenen Polizeistation retten konnten, flüchteten die Täter ohne Beute. Nach der Verurteilung der beiden inzwischen 57 und 46 Jahre alten Brüder aus Langenselbold, die bis heute jegliche Tatbeteiligung bestreiten, hatte sich im vergangenen Jahr eine neue Entwicklung ergeben: Gegenüber den Ermittlungsbehörden bezeichneten sie den 27-Jährigen als einen der Männer, die den Überfall begangen haben. Kurioserweise war der Angeklagte nach einer Verurteilung im Amtsgericht Gelnhausen just in der Justizvollzugsanstalt untergebracht worden, in der auch die Brüder einsitzen. Dem Vernehmen nach soll dort ein reger Austausch unter den Dreien stattgefunden haben. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen allerdings schon seit langem davon aus, dass alle gemeinsam für die brutale Tat in Schlüchtern verantwortlich sind.

Als Erstes wurde am Dienstag der jüngere Bruder in den Zeugenstand gerufen, der in Begleitung eines Anwaltes kam. Der Jurist bereitet ein Wiederaufnahmeverfahren für die beiden Langenselbolder vor. Aus ihrer erhofften Aussage wurde wohl auch deshalb nichts, der Jüngere begründete sein Schweigen allerdings damit, dass die Strafkammer des Hanauer Landgerichts ihn zu Unrecht verurteilt habe und er deshalb nichts sage. Zwei Stunden später glänzte auch sein Bruder durch Schweigen im Zeugenstand. Das Gericht verhängte daraufhin gegen beide ein Ordnungsgeld von 500 Euro ersatzweise 30 Tage Haft, was angesichts ihrer Verurteilungen zu lebenslangen Haftstrafen und ihrer Mittellosigkeit nicht sonderlich ins Gewicht fallen dürfte.

Für den 27-jährigen Angeklagten, der mehrfach vorbestraft ist und mit dem sich die Polizei auch schon mal eine irre Verfolgungsjagd durch Gründau-Lieblos lieferte, waren die schweigsamen Brüder natürlich Gold wert, allerdings fielen seine Alibi-Zeugen, die sich angeblich sehr gut erinnern, in der Tatnacht im Dezember 2010, also vor fünfeinhalb Jahren, mit ihm auf einer Party gewesen zu sein, ebenfalls durchs Glaubwürdigkeitsraster. Prozessbeobachter waren sich dennoch einig, dass eine Verurteilung aufgrund der fehlenden Aussagen durch die Brüder nun schwierig werden wird.

Neue Erkenntnisse lieferte überraschend die Putzfrau der Tierärzte: Sie sagte aus, dass sie einen der Brüder aus Langenselbold schon einmal in der Praxis in Schlüchtern gemeinsam mit einem der Tierärzte gesehen habe. Bislang war davon ausgegangen worden, dass nur die Mutter des jetzt angeklagten 27-Jährigen ihren Hund dort behandeln ließ und anschließend verurteilt wurde, weil sie die Rechnung nicht bezahlte. Außerdem sagte die Putzfrau überraschend aus, dass ihr der Vater der Tierärzte unmittelbar nach der Tat erzählt habe, dass er einem der Angreifer die Strumpfmaske vom Gesicht gerissen und in das Gesicht eines Mannes mit Bart geblickt habe. Da beides trotz bislang mehreren Verhandlungen und zahlreichen Prozesstagen neue Erkenntnisse sind, sollen zwei der drei Tierärzte beim nächsten Verhandlungstermin erneut als Zeugen gehört werden.

Der Angeklagte wird sich unterdessen demnächst gegen einen weiteren Vorwurf verteidigen müssen: Die Staatsanwaltschaft Fulda hat ebenfalls Anklage wegen versuchten Mordes gegen ihn erhoben. Am 22. Dezember 2010 waren ein Pfarrer und ein Kaplan Pfarrhaus in Flieden überfallen und brutal mit einer Kaminschaufel zusammengeschlagen worden. Auch hier waren es drei Täter, die beiden Brüder aus Langenselbold wurden hierfür bereits in getrennten Verfahren zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, die dann in die lebenslangen Gefängnisstrafen einbezogen wurden. Dritter Mann bei diesem Überfall soll auch hier der 27-Jährige gewesen sein.


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