Neun Jahre Haft: Ehefrau in Flüchtlingsheim in Steinau getötet

Marjoß
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Das Urteil im Marjosser Tötungsprozess ist gefallen: Die 1. Große Strafkammer am Landgericht Hanau geht von Totschlag aus. Der 40-jährige Angeklagte soll deswegen neun Jahre ins Gefängnis. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Dr. Mirko Schulte folgte damit zu großen Teilen der Argumentation der Verteidigung. Allerdings ging er von einer vollen Schuldfähigkeit bei dem Afghanen aus, die der Rechtsbeistand angezweifelt hatte. Auch hielten die Anwälte eine Haftstrafe „nicht über sieben Jahre“ für angemessen.



Staatsanwalt Dr. Oliver Piechaczek hatte hingegen auf Mord plädiert und damit eine lebenslange Haft gefordert. Er kündigte auf Nachfrage nach der Urteilsverkündung an, dass die Anklagebehörde das Urteil und mögliche Rechtsmittel dagegen in den nächsten Tagen sorgfältig prüfen werde.

Der verurteilte Familienvater folgte der rund 90-minütigen Urteilsbegründung in gewohnter Weise: pausenlos heulend, vorne übergebeugt mit der Stirn auf der Anklagebank liegend, beide Hände auf die Ohren gepresst. Selbst als der Vorsitzende ihn mahnte, wenigstens zum jetzigen Zeitpunkt aus Respekt vor seiner verstorbenen Frau und seinen Kindern sich zu fassen und den Dingen ins Auge sehen, zeigte er keinerlei Reaktion.

Nach Ansicht des Gerichts habe sich die Mordanklage im Laufe der Hauptverhandlung nicht bestätigt. Die Anklagebehörde hatte dem dreifachen Familienvater aus Afghanistan vorgeworfen, in den frühen Morgenstunden des 8. Juni vergangenen Jahres auf brutale Weise seine 32-jährige Ehefrau in einer Flüchtlingsunterkunft im Steinauer Stadtteil Marjoß umgebracht zu haben. Die Frau war infolge Gewalteinwirkung mit einem äußerst scharfen Santoku-Messer verblutet.

Der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer das Mordmerkmal der Heimtücke als erfüllt angesehen. Das Tatmesser habe der Afghane zunächst vor den Augen seiner Frau gegen sich selbst gerichtet, dann aber unvermittelt einen Stein gepackt und ihr gegen den Kopf geschlagen, bevor er mehrfach mit dem Messer auf die 32-Jährige einstach. Das Opfer sei in diesem Moment arg- und wehrlos gewesen.

Dieser Ansicht war das Gericht nicht. Die Ehefrau habe sich in der heftigen Streitsituation mit ihrem Ehemann unmittelbar vor der Bluttat stark und standhaft gezeigt. Selbst als der Verurteilte das Messer aus der Küche geholt habe und damit drohte, sich selbst etwas anzutun, sei sie couragiert aufgetreten und habe ihm das Messer aus der Hand genommen. Gleichzeitig provozierte sie ihn mit einem heftigen Vergleich zum vermeintlichen Nebenbuhler: „Du bist kein Mann. Er ist ein Mann.“ Nicht mal dafür, das Messer gegen sich selbst zu richten, sei er Mann genug.

Dies habe zu einem „Affektstau“ bei dem 40-Jährigen geführt, der dann spontan in die nicht geplante Bluttat mündete. Zunächst schlug er dem Opfer mehrfach im Stehen und dann im Liegen mit einem rund 2,5 Kilo schweren Pflasterstein auf den Kopf, ehe er ihr – auf ihrem Körper sitzend - sechs tiefe Einstiche im Rücken- sowie zwei im Brustbereich zufügte, die zeitnah zu ihrem Tod führten.

Nach Ansicht des Gerichts hatte die 32-Jährige nach der Flucht der Familie aus Afghanistan wesentlich schneller Fuß in Deutschland gefasst und die Chancen eines freien Lebens erkannt. Er hingegen zeigte sich überfordert mit der Tatsache, dass das Ansehen des Mannes hier ein völlig anderes als in seiner Heimat ist. Die Ehefrau gab sich selbstbewusster und nahm schleichend die Rolle des Familienoberhauptes ein. Während er sich in heroische Handyspiele flüchtete, habe „die Frau gelernt, sich zu verlieben“ und zwar in einen anderen Bewohner der Unterkunft, woraus sich zumindest eine Romanze ergab. Als sie den 40-Jährigen dann mit Trennungsabsichten konfrontierte, rastete dieser aus.

Der Angeklagte sei voll schuldfähig, zeige allerdings durch sein vor Gericht permanent gezeigtes Heul-Verhalten wie wenig erwachsen er sei und bade theatralisch permanent in Selbstmitleid. Reue und Geständnis könnten dem Angeklagten strafmildernd angerechnet werden. Dennoch sprach Richter Schulte bei den verhängten neun Jahren von einer „harten Strafe“, die auch eine Botschaft an die drei minderjährigen Kinder sei, die nunmehr ohne Eltern aufwachsen müssten. Der Verurteilte habe im Gefängnis viel Zeit, um an sich selbst zu arbeiten und erwachsen zu werden. hd  


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