Zart besaitet und zupackend zugleich

Musik

Die Herren der Schöpfung hatten in diesem Nachmittag absolut nichts zu melden – außer vielleicht, dass sie selbst die Tasten bedienen oder singen durften.

Interkulturelle Wochen im Main-Kinzig-Kreis

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Werke von Komponistinnen standen beim diesjährigen Treppenkonzert der Paul-Hindemith-Musikschule Hanau (PHM) auf dem Programm. Unter dem Motto „Frauen-Power“ gelang es Schülern wie Dozenten der PHM, wertvolle Pretiosen der Musikgeschichte allesamt aus der Feder von Frauen im Treppenhaus der Pestalozzischule zu präsentieren.   

So wurden sowohl in verschiedenen Besetzungen als auch solistisch Kompositionen von Fanny Hensel, Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Alma Mahler, Gattin von Gustav Mahler, Anna Amalia von Preußen, Schwester von Friedrich dem Großen oder Clara Schumann, Gattin von Robert Schumann und anderen vor vollem Haus zum Erklingen gebracht. Manchmal zupackend, aber auch immer mit großem Einfühlungsvermögen konnten die kleinen wie großen Künstler auf der „Bühne“ einen facettenreichen Bogen quer durch die Geschichte der Musik schlagen, immer dabei aus dem Blickwinkel der bis heute meist  unterschätzten Komponistinnen.  

Als kleine Besonderheit kamen sogar zwei Komponistinnen zu Gehör, die beide fortgeschrittenen Schülerinnen der PHM sind: Helene Streck und Marlene Jacobs. Helene Streck holte sich erst kürzlich einen Förderpreis im Komponisten-Wettbewerb von „Jeunesses musicales Deutschland“ für eine Kammermusik-Komposition. Sie stellte am Flügel „3 Präludien“ vor, sehr unterschiedlich im Duktus, aber dennoch auch sehr abwechslungsreich. Die Abiturientin Marlene Jacobs überraschte am Flügel das Publikum mit einer zarten Reverie in cis-Moll, einem träumerisch in einem stets sich wiederholenden rhythmischen Mantel eingebetteten Thema dahingleitend. Beide jungen Komponistinnen zeigten hier schon eine beachtenswerte Leistung.

Nicht minder zart besaitet der Vortrag des Duo Appassionato, bestehend aus Christina und Christian Gutgesell an der Gitarre. Mit einer Cancion und Bossa Nova von Irina Kirchner entführten sie ihr Publikum in wärmere Gefilde, konnte man hier die von Blütenduft durchtränkte Luft regelrecht erhören. Von Blumen zeugten dann auch die beiden Heine-Vertonungen „Du bist wie eine Blume“ aus der Feder von Augusta Friederica Franziska von Spornberger und „Gruß“ von Fanny Hensel, sehr ergreifend und eloquent von den beiden PHM-Dozentinnen Bettina Weber (Gesang) und Sophie Gruzman-Jarczyk (Klavier) interpretiert.   

Jutta Wiltheiss an der Querflöte, begleitet von Ralph Wiltheiss am Klavier und Johanna Findling am Cello präsentierten mit Verve und großer Spielfreude die dreisätzige Sonate F-Dur für Flöte und Basso continuo  von Anna Amalia von Preußen. Dass Frauen des Komponisten-Handwerk ausübten, war in der damaligen Zeit eher eine  große Ausnahmeerscheinung, beschränkte sich die Rolle der Frau bis ins 19. Jahrhundert hauptsächlich auf Heim und Herd, wie PHM-Schulleiter Jörn Pick in seiner Moderation ausführte. Einer der Gründe dafür war, dass

man(n) Frauen den Zutritt zur Bildung verweigerte – es sei denn, sie trafen auf verständnisvolle (Ehe)-Männer, die ihre Frauen zum Komponieren ermutigten und sie dementsprechend auch förderten. Dazu zählt zweifelsohne Robert Schumann, der seine Frau Clara – ihr Konterfei zierte einst den Hundert-Mark-Schein – beim Komponieren kräftig unterstützte. Beredtes Zeugnis davon bekamen die Zuhörer mit dem sehr farbigen und anmutigen Lied „Das Veilchen“ geliefert.

„Wenn der Vater mit dem Sohne“: Moritz Wosch an der Violine, begleitet am Flügel von seinem Vater Frank Wosch legten sich mächtig ins Zeug in dem quirligen Allegro aus dem „Concertino in G-Dur“ der Polin Grazyna Bacewicz. Zupackend ließen beide die Funken sprühen, die von diesem herzerfrischenden Werk ausgehen. Ebenfalls mit viel hintersinnigem Spielwitz versehen das kleine Stück „The Puppet Show“ von Josephine Trott, fröhlich und munter vorgetragen von Henry Tylinda an der Violine in Begleitung von Anne Paul.

Die PHM-Dozentin Anne Paul war es dann auch, die zusammen mit ihrem PHM-Projektchor „CHORioso“ den Schlusspunkt unter das Komponistinnen-Porträt der PHM setzte. So gab es hier das rhythmisch aufwendig konstruierte, vierstimme Chorwerk „Im Wald, im hellen Sonnenschein“ von Fanny Hensel zu hören, bevor die Zuhörerschaft zum Abschluss dann mit Annie Lennox‘ „Sweat dreams“ tatsächlich mit süßen Träumen nach Hause geschickt wurde. Am Ende waren sich alle einig: Eigentlich schade, dass diese wunderbaren Werke, hervorgebracht von mutigen und selbstbewussten Frauen, so selten in den Konzertprogrammen zu finden sind. Ihre Werke – und das hat das „Frauen-Power“-Konzert eindrucksvoll bewiesen - stehen jedenfalls denen ihrer männlichen Pendants in nichts nach.       

Die PHM lädt ein zu ihrem Nikolauskonzert am Sonntag, 11. Dezember um 15 Uhr, in die Baptistengemeinde Hanau, Frankfurter Tor 16. Auf dem Programm steht adventliche Musik, vorgetragen von PHM-Schülern. Der Eintritt ist frei.

Foto: Jutta Wiltheiss (Querflöte) zeigte zusammen mit Ralph Wiltheiss (Klavier) und Johanna Findling (Cello) die hohe Kompositionskunst von Anna Amalia von Preußen mit der Sonate für Flöte und Basso Continuo.

Foto: Präsentierten mit „Frauen-Power“ einen weit gespannten Bogen aus weiblicher Sicht quer durch die Musikgeschichte. Die Solistinnen und Solisten der Paul-Hindemith-Musikschule (PHM) interpretierten Werke aus der Feder von Komponistinnen.


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