Im Bieberer "Stollen": Comeback von „The Fashions“ nach 27 Jahren

Stehen für die Rockmusik und das Lebensgefühl der 1960er und 70er Jahre (von links): Dietmar Kaufmann (Rhythmusgitarre, Gesang), Heinz „Sam“ Sauer (Solo-Gitarre, Gesang), Hermann Weber (Schlagzeug) und Bernhard Grob (Bassgitarre). Foto: Weigelt

Musik
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Alle Resonanzkörper im Raum schwingen. Fingerkuppen schlagen Saiten an, Drumsticks treffen auf Membranen. „Da stimmt was nicht!“ Töne verklingen. Der Bassist vernimmt eine leichte Disharmonie. Fehlersuche. Noch einmal und noch einmal hallt „Sweet Little Sixteen“ von den Wänden des Probenraums wider, dessen funktionales hölzernes Mobiliar die Kulisse für modernes elektronisches Equipment bietet. Dann sitzt der Song.

Von Elke Weigelt

Die Musiker sind zufrieden. Sie haben sich musikalisch weiterentwickelt, sind selbstkritischer als damals, nahezu sechs Jahrzehnte zuvor, als sie begonnen haben, in Biebergemünd-Bieber Rockmusik zu machen. „The Fashions“ wollen ihren in Ehren ergrauten „Groupies“ und alterslosen Fans handgemachter Rockmusik der 1960er und 70er Jahre noch einmal richtig einheizen und geben am Samstag, 1. Oktober 2022, ab 20.30 Uhr in der Kult-Kneipe „Zum Stollen“ in Bieber nach 27 Jahren Bühnenabstinenz wieder ein Konzert (Eintritt frei, Austritt nach Belieben). Gemeinsam bringen sie 283 Jahre Lebenserfahrung und ehrliche Rockmusik von den Beatles, Shadows, Stones, Animals, Kinks und Yardbirds, von Jimi Hendrix, Chuck Berry und Deep Purple auf die Bühne. Und nicht zuletzt den eigens für diesen Auftritt geschriebenen „Stollen-Blues“.

Über 30 Songs haben sich Dietmar Kaufmann, Heinz „Sam“ Sauer, Hermann Weber und Bernhard Grob in den vergangenen Monaten wieder „draufgeschafft“. Die ersten Proben sind mühsam. Der in die Jahre gekommene Klangkörper muss nach Jahrzehnten erst wieder zusammenwachsen, die Harmonie(n) finden. „Aber jetzt läuft es richtig gut“, fühlen sich die Alt-Rocker für ihren Auftritt gewappnet. Sie haben zu ihrer alten Kraft zurückgefunden. Was im Probenraum deutlich zu hören ist.

Mit dem Hören von Musik beginnt auch ihre musikalische Geschichte. Der Bieberer Junge Heinz Sauer aus dem Schmelzweg muss 1963 den örtlichen Hausarzt Dr. Kaufmann aufsuchen, um etwas für seine Mutter abzuholen. Im Wartezimmer sitzend, dringen Gitarrenklänge aus dem Obergeschoss zu ihm vor. Neugierig folgt er der Spur der Töne und trifft auf den zwei Jahre älteren Dietmar Kaufmann, der in seinem Zimmer die Saiten einer Gitarre anschlägt. Die Rockmusik ist gerade im Entstehen - im Spannungsfeld von Wegbereitern wie den Beatles, den Kinks und den Rolling Stones. Für die Jungen aus der hessischen Provinz ist diese Musik Ausdruck ihres Lebensgefühls auf dem Weg in ein anderes Wertesystem, Ausdruck der Rebellion gegen die Eltern, die sich, von den Traumata des Krieges gezeichnet, kaum von vertrauten, konservativen Strukturen lösen können, und nicht zuletzt der Rebellion gegen die Prüderie der 1950er Jahre.

Die Begegnung der zwei jungen Männer im Hause Kaufmann ist der Funke, der ein lebenslang brennendes Feuer entzündet. Der Bieberer Bub Hermann Weber stößt zu den beiden Gitarristen hinzu und er hätte eigentlich Schlagzeug spielen wollen, wenn er denn eines gehabt hätte. Denn es fehlt den jungen Männern zwar nicht an Enthusiasmus, aber an Geld – was sie mit Improvisationstalent ausgleichen. So entsteht das erste „Schlag-zeug“ aus einer Waschmittelverpackung und einem Drahtkorb. Als Verstärker werden die Radios der Eltern eingesetzt und Dietmar Kaufmanns älterer Bruder hat die geniale Idee, eine Klingel als „Tonunterbrecher“ zwischen Gitarre und Radio zu basteln. Erste Proben finden 1963 im Party-Keller der Kaufmanns statt. Hermann Weber treibt Snare und Basstrommel vom Spielmannszug auf, als Mann am Bass kommt Dieter Bossert hinzu und Hans Schwarz aus Roßbach mit seiner zwei-manualigen Orgel. Die erste Band wird gegründet: Die „Five Sounds“ bespielen im Stil ihres großen Vorbilds „The Shadows“ im Saal von Karl Wolf die ersten öffentlichen Bieberer Teenager-Parties und treten in der Umgebung bei Feiern und Festen auf. „Unsere erste Gage bestand aus Bratkartoffeln mit Spiegelei“, erinnert sich Hermann Weber. Die technischen Möglichkeiten sind sehr begrenzt. „Viele Texte haben wir von den Schallplatten unserer Lieblingsbands abgehört. Frag nicht, was da manchmal an Texten rauskam“, sagt Sam Sauer und lacht. „Wir haben Musik damals geradezu inhalliert“, ergänzt Kaufmann. 1967 starten Hermann Weber, Sam Sauer, Dietmar Kaufmann und Joachim Weber, der inzwischen als Bassist fungiert, unter dem Bandnamen „The Fashions“ mit neuem Programm durch.

Bekannt sind sie vor allem im unterfränkischen Raum, in der Gegend um Lohr. Sie gewinnen einen Beat-Wettbewerb in Wächtersbach, treten als Vorgruppe der Londoner Band „Thursdays Child“, der „Lords“ und der Frauenband „The Liverbirds“ – dem weiblichen Pendant zu den Beatles - auf und touren mit den deutschen Spitzenbands „German Bonds“ aus Hamburg und „The Rollicks“ aus Berlin einige Tage durchs Frankenland. Als Hermann Weber zur Bundeswehr muss, bedeutet dies das vorläufige Aus für die „Fashions“. Zudem kommt den jungen Musikern auch das Leben dazwischen, das Erwachsenwerden. Sie stellen, jeder für sich, die Weichen für ihre berufliche und private Zukunft. Ein Todesfall im Freundeskreis bringt die Musiker Jahre später wieder zusammen.

Gitarrist Roland Krennrich stößt zu den „Fashions“, die ihren ersten Auftritt nach der langen Pause 1983 im Saal Urbach in Bieber feiern. Entgegen aller Brandschutzbestimmungen kommen nahezu 1000 Gäste, um handgemachten Rock zu hören. Gemeinsam mit der Kult-Tanzband „Concordia“ wird bis in die frühen Morgenstunden abgetanzt. Zuschauermassen begrüßen die „Fashions“ auch jedes Jahr bei ihren Auftritten zum Bieberer Schwimmbadfest. Die Fangemeinde ist hartgesotten, denn von den zehn Auftritten zwischen Mitte der 1980er und 90er Jahre, sind neun gnadenlos verregnet mit Wetterverhältnissen nah am Unwetter. Noch Anfang der 1990er Jahre stößt der hervorragende Pianist und Komponist Jürgen Moser-Hagel zur Band und verbessert die musikalische Qualität der „Fashions“ weiter. Trotzdem besteht Mitte 1995 Einigkeit darüber, dass die Band eine Auszeit braucht. Diese soll 27 Jahre dauern.

In den letzten sechs Jahrzehnten haben die Musiker Familien gegründet, sind in benachbarte Kommunen gezogen, haben an ihren Karrieren gebastelt, Verluste erlitten, Höhen genossen und Tiefen durchlaufen. Trotz der Unterschiedlichkeit ihrer Lebenswege, eint sie ein großer gemeinsamer Nenner: die Liebe zur Musik. Sie haben getrennt voneinander in verschiedenen Bands gespielt und andere Genres erprobt. Doch das Band zu ihrer ersten eigenen Formation reißt nie ab. Und es ist immer noch der Rock der 1960er und 70er, der tief in ihnen verwurzelt ist. Als sie sich nun nach fast drei Jahrzehnten wiedertreffen, zur Renaissance der „Fashions“, gilt es, eine große Lücke zu schließen. Hermann Webers Bruder, der Bassist Joachim Weber, ist inzwischen verstorben. Mit Bernhard Grob, ebenfalls ein Bieberer, der im Jossgrund lebt, haben die Alt-Rocker einen Musiker gefunden, der sich perfekt ins Ensemble einfügt. Und einen, der den Altersdurchschnitt ein wenig anhebt, ist er doch erst 60 Jahre alt und sogar noch berufstätig…

„Rockmusik hat ihre eigene Faszination, das ist mit der Plastikmusik der synthetischen Bands nicht vergleichbar“, ist sich Hermann Weber sicher. „Rock ist ein Stück Zeitgeschichte; Musik aus biologischem Anbau. Handgemacht und manchmal mit kleinen Fehlern, aber immer ehrlich“, charaktisiert es Bernhard Grob. Eine Musik, die immer noch mit Wucht durch alle Nervenstränge ihrer Körper pulsiert. Körper, die allerdings nun nicht mehr im Teenageralter sind. „Die Stimme braucht mehr Führung, der Rücken mehr Entlastung“, bringt es Dietmar Kaufmann auf den Punkt.Trotzdem: „Nach dieser langen Zeit klappt es so gut, dass hat sich keiner von uns vorgestellt“, sagt Sam Sauer. „Wir haben uns in den letzten Jahren jeder für sich weiterentwickelt. Jeder gibt sein Bestes“, ergänzt Hermann Weber.

Dann greifen sie wieder zu den Instrumenten und proben einen eigenen Song, den Sam Sauer zu einem klassischen Blues-Thema getextet hat. Er ist eine Hommage an ihr Heimatdorf Bieber, den früheren Bergwerksbetrieb und die Kultkneipe „beim Axel“ - und an eine Jugend, die die Musik für alle Zeiten konserviert hat.

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Stehen für die Rockmusik und das Lebensgefühl der 1960er und 70er Jahre (von links): Dietmar Kaufmann (Rhythmusgitarre, Gesang), Heinz „Sam“ Sauer (Solo-Gitarre, Gesang), Hermann Weber (Schlagzeug) und Bernhard Grob (Bassgitarre). Foto: Weigelt


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