Ein Tisch ist ein Tisch, aber auch eine Bühne, ein Versteck, ein Käfig, eine Barriere, ein Turngerät, eine Tanzfläche, eine Wand. Das schlichte Möbel ist das einzige Requisit, das die Mädchen und Jungen der Schwerpunktklasse „Darstellendes Spiel“ der Bertha-von-Suttner-Schule Nidderau für ihr knapp zwanzigminütiges Stück benötigen.

Damit und mit der Kraft ihrer Fantasie erschaffen sie eine zauberische Welt, in der die Körpersprache das vorherrschende Kommunikationsmittel ist. Pantomime und Akrobatik spielen eine wichtige Rolle, aber mehr noch die kontrollierten Bewegungen, mit denen die Kinder alleine, zu zweit oder in größeren Gruppen auf, über, hinter und unter die Tische rutschen, springen, kullern, tanzen und turnen.
Dazwischen kriechen sie wie Raupen über den Boden, setzen sich auf rätselhafte Zahlenbefehle alle auf einmal in Bewegung wie ein einzelner, ferngesteuerter Organismus mit vielen Gliedmaßen, sammeln sich, weichen auseinander, finden sich in anderen Positionen zusammen, verharren, scheinen in grotesker Erstarrung an der Wand, auf dem Boden zu kleben, zerfließen wieder in mal gleitende, mal ruckartige Bewegungen in einem schnellen Bäumchen-wechsel-dich-Spiel. Ständig passiert etwas, eine Aktion löst die andere ab, es gibt keinen Stillstand. Fast greifbar scheint dabei die geballte Konzentration, die als unablässiger Energiestrom die jungen Tänzerinnen und Tänzer durchfließt, sie zusammenhält wie ein unsichtbar gespanntes Band und die körpersprachlichen Signale der anderen Gruppenmitglieder wahrnehmen und auf sie reagieren lässt.
Seit September arbeiten die einundzwanzig Mädchen und Jungen der 6f an dem Tanzprojekt, und bis aus den chaotischen Anfängen eine aufführungsreife Performance wurde, waren viele Stunden intensiver Arbeit nötig, wie die pädagogische Leiterin Anne Schadt in ihrer Begrüßungsrede anlässlich der Präsentation des Stückes in der Aula der Bertha-von-Suttner-Schule ausführte. Aus einer Vielzahl von Ideen haben die Kinder unter Anleitung von Klassenlehrerin Viola Kilp ihr Stück selbst entwickelt, Bewegungsabläufe ausprobiert, Szenen ent- und wieder verworfen, von neuem begonnen und schließlich zu einem künstlerischen Gesamtbild verwoben, das sie in beeindruckender Präzision vorführten.
Professionell gecoacht wurden die Klasse und ihre Lehrerin dabei von den beiden Tanzpädagogen Wiebke Dröge und Sebastian Schulz vom Frankfurter Tanzlabor21, die in insgesamt zwölf vierstündigen Kompaktseminaren aus dem anfänglich wuseligen Haufen eine ausdrucksstarke und selbstbewusste Nachwuchs-Company formten. Das Tanzlabor, vor sechs Jahren auf Initiative der Kulturstiftung des Bundes gegründet und inzwischen von vielfältigen kulturellen Stiftungen aus Frankfurt und der Rhein-Main-Region getragen, arbeitet mit dem Ziel, den zeitgenössischen Tanz als Bestandteil der kulturellen und ästhetischen Bildung zu etablieren.
Dass Zeit und Raum für ein derartig aufwändiges Projekt im Unterrichtsalltag zur Verfügung gestellt werden konnten, ist dem neuen Status der Bertha-von-Suttner-Schule als Kulturschule Hessens zu verdanken, zu deren Anspruch es gehört, allen Kindern Zugangsmöglichkeiten zu praktischer kultureller Betätigung zu verschaffen. Und weil so etwas ohne finanzielle Unterstützung nur eine papierne Idee bleiben muss, hat nicht nur die Elternschaft der Klasse 6f das ehrgeizige Projekt mit Eigenmitteln bezuschusst, auch die Firma Evonik Industries hat durch ihr großzügiges Sponsoring dazu beigetragen, dass der Plan eines zeitgenössischen Tanzexperimentes realisiert werden konnte.
Mit der Aufführung ihres Stückes „Fantas-Tisch“ endete zwar das jüngste Projekt der Profilklasse „Darstellendes Spiel“ des sechsten Jahrgangs, nicht aber die Kooperation der Bertha-von-Suttner-Schule mit dem Tanzlabor21 und seinen engagierten Tanzpädagogen. Geplant ist, die Zusammenarbeit im nächsten Schuljahr im Rahmen des AG-Angebots fortzusetzen, um auch Schülerinnen und Schülern der anderen Jahrgangsstufen die Möglichkeit zu geben, mit Hilfe moderner tänzerischer Ausdrucksformen und ungewohnter Bewegungsabläufe zu einer positiven Körperwahrnehmung und damit zu mehr Selbstvertrauen zu finden.
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