Gesundheitsakademie: Standortanalyse ist unbrauchbar

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„Die Standortanalyse ist in dieser vorgelegten Form für eine professionelle, fundierte und sachgerechte Entscheidung völlig unbrauchbar“, stellt Reiner Bousonville, Fraktionsvorsitzender der Grünen Main-Kinzig, klar.

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„Es ist offensichtlich, dass die Kreistagsmitglieder hier zu einem bereits im Vorfeld festgelegten Ergebnis geleitet werden sollen.“ Grund für die Kritik ist die vorgelegte Standortanalyse des Kreises zur Akademie für Gesundheit und Pflege. In dieser gewinnt Wächtersbach klar vor Gelnhausen und Bad Soden-Salmünster.

„Freizeitangebote, Praktika-Möglichkeiten, innerstädtische Kliniken, Lärmbelastung, das bisherige Umfeld oder das Vorhandensein von Wohnheimen, all diese wichtigen Punkte werden in der Standortanalyse nicht benannt“, erklärt Bousonville. Stattdessen werde beispielsweise nach Möglichkeiten einer alternativen Nutzung gefragt: „Dies ist völlig unverständlich. Es bringt nichts zu wissen, dass man an gleicher Stelle auch einen Industriebetrieb, ein Schwimmbad oder Parkplätze hätte bauen können. Fakt ist doch, dass an den freien Stellen Platz für eine Gesundheitsakademie wäre. Wie man also eine alternative Nutzung als Bewertungskriterium angeben und diese dann auch noch mit verschiedenen Punktzahlen bewerten kann, liegt lediglich in der Fantasie des Erstellers und entzieht sich jeder Kenntnis des Lesenden.“

Die größte Überraschung erlebte die Fraktion jedoch bei der Anbindung an den ÖPNV: „Hier erhielt Wächtersbach satte 15 Punkte, weil der Bewertungsmaßstab an der richtigen Stelle ohne Erklärung oft mit dem Faktor drei multipliziert wurde.“ Grundlage sei hier, dass der Wächtersbacher Standort direkt neben dem Bahnhof läge: „Dass die Akademie selbstredend dann direkt neben Bahngleisen liegt, die Schülerinnen und Schüler im Sommer kein Fenster aufmachen können wegen den jede paar Minuten vorbeirauschenden Zügen, dass die Vibrationen des Schienenverkehrs spürbar sind und der Ausbau der Bahnstrecke zwischen Fulda und Würzburg noch bevor steht, wird hier nicht erwähnt. Stattdessen wird der größte Nachteil zum größten Vorteil umgemünzt und auch noch mit dem Faktor drei multipliziert.“

Ebenso sind ortsansässige Kliniken ein wichtiges Kriterium: „Stellen sie sich vor, wie viele der 500 Schülerinnen und Schüler der Akademie pro Jahr ein Praktikum machen müssen. Das einzige Problem: Die Möglichkeiten von Praktika-Stellen und zwar innerörtlichen, wurde in der Matrix nicht mit einem Wort benannt.“ So wird ein Ort favorisiert, der keine einzige innerstädtische Klinik besitzt, während die Standorte Gelnhausen und Bad Soden Salmünster jeweils über mehrere Kliniken bis hin zu Klinikverbünden und damit Praktika-Möglichkeiten verfügen: „Es wird also angenommen, dass die Schülerinnen und Schüler nach Beendigung ihrer schulischen Ausbildung, meistens an den Beruflichen Schulen in Gelnhausen, von dort zu einem Akademiestandort wechseln und von dort, mangels Praktika-Plätzen, wiederum zu einem anderen Standort wechseln, um ihre Praktika zu absolvieren“, so Bousonville. Gleichzeitig finden sich in der Matrix eines der größten Aushängeschilder des Kreises kaum wieder, die Main-Kinzig-Kliniken: „Das einzige Wort, was über die Kliniken verloren wird, ist der Abstand der Orte zu den Main-Kinzig-Kliniken. Dafür benötige ich jedoch keine Standortanalyse, sondern es reicht mir Google Maps“, stellt der Fraktionsvorsitzende klar.

Ebenfalls nicht erwähnt werden die Freizeitangebote vor Ort sowie die Wohnmöglichkeiten: „Es wird davon ausgegangen, dass die Schülerinnen und Schüler starr ihren Unterricht absitzen und sich anschließend in eine teure Ein-Personen-Mietwohnung begeben. Anders sind die Bewertungsmaßstäbe nicht zu erklären.“ Jeder, der die möglichen Standorte kenne, wisse um ihren „Charme“. „Zwischen Spielotheken, leerstehenden Gebäuden, einer Landesstraße und vorbeirauschenden Zügen würde ich als Schüler meine Zeit der Ausbildung nicht gerne verbringen. Nicht benannt werden dazu die Möglichkeiten der außerschulischen Aktivitäten, wie Kinos oder auch einfach nur Gaststätten.“

Die Wohnungssituation wird dagegen aus einem sehr neuen Winkel beleuchtet: „Es ist utopisch wie in der Standortanalyse davon auszugehen, dass Schülerinnen und Schüler, die von weiter wegkommen, sich für die fünf Tage Anwesenheit pro Woche eine reguläre teure Wohnung mieten. Die Frage nach dem Wohnungsmarkt wurde völlig falsch gestellt.“ Stattdessen hätte die Frage nach bestehenden Wohnheimen oder deren Möglichkeit gestellt werden sollen. Auch die Bewertung für die Aufwertung des ländlichen Raums ist nicht nachvollziehbar: „Wächtersbach erhält hier Punkte dadurch, dass die Akademie für Gesundheit und Pflege das Bahnhofsumfeld aufwerte. Wäre es nicht viel sinnvoller, die Akademie bereits an einem Standort zu errichten, der keine Aufwertung mehr benötigt?“, fragt Bousonville.

Schlussendlich erhalten alle Bewerber starke Abwertungen für ihre Energieversorgung, zumindest augenscheinlich: „Bis auf Wächtersbach kann sich hier keiner der Bewerber die fünf möglichen Punkte ergattern. Das beste Ergebnis nach Wächtersbach haben drei andere Kommunen mit zwei Punkten. Nicht aber, weil sich so gravierende Unterschiede ergeben, sondern weil es nur zwei Möglichkeiten der Bewertung gab: Fünf Punkte oder zwei Punkte. Wieso, auch dies lässt sich nicht plausibel erklären.“

Insgesamt betrachtet sei die Standortanalyse unbrauchbar: „Sie schließt wichtige Punkte aus, hebt unwichtige Punkte durch die Multiplizierung mit Faktoren hervor, ist in ihrer Bewertung selten nachvollziehbar und erweckt den Eindruck, ein vorher festgelegtes Ergebnis mit allen Mitteln bestätigen zu wollen.“ Bousonville richtet sich deswegen eindringlich an die Mitglieder der Großen Koalition: „Entscheiden Sie bitte danach, welcher Standort für Sie persönlich der Beste ist. Entscheiden Sie nicht nach dieser Standortanalyse oder nach den Vorgaben, die Ihnen gemacht werden. Entscheiden Sie für die Zukunft des Kreises und vor allem zum Wohle der Schülerinnen und Schüler.“

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